Maria, die Frau aus Magdala, geht mit der unumstößlichen Botschaft: "Ich habe den Herrn gesehen!“ - und ER hat mich gesehen.
Es gibt in den biblischen Texten viele Erzählungen über die Begegnung Jesu mit Weinenden, besonders im Lukas-Evangelium:
- die weinende Mutter des toten Jünglings von Nain;
- die Sünderin, die weinend Jesu Füße benetzte;
- Maria, die Schwester des Lazarus, die seinen Tod beweinte;
- die weinenden Frauen auf dem Kreuzweg;
- bei Markus haben wir die Klageweiber beim Tod der Tochter des Jairus.
All diese Genannten machen letztlich Auferstehungserfahrungen und gehen in eine getröstete Zukunft, weil Einer gefragt hat : "Warum weinst du?"
„HÖR AUF ZU BEBEN, BEREITE DICH, ZU LEBEN!“, heißt es im Schlusschor der Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler (2. Sinfonie).
Textorientierung: Eugen Drewermann: „Die Botschaft der Frauen“/ 1992/Walter-Verlag.
Zusatzmaterial zum Fastenimpuls:
Hohelied 5, 5-8
Ich stand auf, meinem Geliebten zu öffnen.
Da tropften meine Hände von Myrrhe,
meine Finger von ausfließendem Balsam an den Griffen des Riegels.
Ich öffnete meinem Geliebten;
doch mein Geliebter war war weg, verschwunden.
Meine Seele war außer sich ...
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
Ich rief ihn und er antwortete nicht.
Da fanden mich die Wächter bei ihrer Runde um die Stadt;
sie schlugen, sie verletzten mich,
meinen Mantel entrissen sie mir, die Wächter der Mauern.
Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems:
Wenn ihr meinen Geliebten findet,
was sollt ihr ihm sagen?
Dass ich krank bin vor Liebe.
Jesaja 43, 1-7
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst!
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen,
du gehörst zu mir!
Wenn du durchs Wasser schreitest,
bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort.
Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt,
keine Flamme wird dich verbrennen.
Denn ich, der Herr, bin dein Gott,
ich, der Heilige Israels, bin dein Retter ....
Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist
und weil ich dich liebe .......
Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist,
habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht.
Joh 11, 17-36
Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa 15 Stadien entfernt. Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Hause sitzen. Marta sagte zu Jesus: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich, alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“
Jesus sagte zu ihr: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Marta sagtezu ihm: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.“ Jesus sagt zu ihr: „Ich bin die Auferstehung unddas Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“
Marta sagte zu ihm: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“
Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: „Der Meister ist da und lässt dich rufen." Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo Marta ihn getroffen hatte. Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
Als Maria dort hin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: „Wo habt ihr ihn bestattet?“ Sie sagten: „Komm und sieh!"
Da weinte Jesus. Die Juden sagten: „Seht, wie lieb er ihn hatte...."
Andreas Knapp: Osterspaziergang
in aussichtsloser nacht
ein totenlicht ans grab bringen
aufbruchstimmung am wegrand
es knospen die ersten kreuzblütler
wer aber wälzt
den stein vom herzen
der neue morgen öffnet mir
engelgleich die augen
bei licht besehen
ist das grab kein endlager mehr
überwältigt betrete ich
den aufwachraum ins unbegrenzte
Segen
Christus, segne uns mit einer Sehnsucht, die über das Grab hinwegschauen kann.
Segne uns mit einer Liebe, die Dich in allen Wandlungen unseres Daseins als den Lebendigen wahrnimmt.
Segne uns mit einer Zukunft, die uns durch alle Tränen hindurch das österliche Licht sehen lässt.
„Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ Die bange Frage der Frauen, die da noch in der Nacht unterwegs sind zum Grab, berührt mich. Sie erinnert mich an die Schwere, die Menschen in schlimmen Situationen spüren, die man eigentlich nicht auflösen kann und in denen jedes Wort irgendwie falsch erscheint...
Welche Worte des Trostes könnte man finden, wenn uns ganz in unserer Nähe der Tod begegnet? Ob er nun durch Corona oder durch Krebs oder andere Krankheiten verursacht wird – der Tod ist oft furchtbar ungerecht. Wie könnte man Trost geben?
Weil wir gerade sehr mit den Pandemie-Einschränkungen abgelenkt sind, könnte man bisweilen die Gewalt vergessen, die auf unserem blauen Planeten täglich geschieht, zu oft im Namen Gottes. Ja, so oft wird Gottes Name missbraucht, muss sein Name herhalten, um Unrecht zu bemänteln.
Wie ein schwerer Stein liegt das Thema des Missbrauchs auf unserer Kirche – und die, wie es scheint, zu zögerliche Aufarbeitung. Wie groß muss erst der Stein auf denen lasten, die Missbrauch erfahren haben: durch Priester, durch Menschen der Kirche, durch ehrenwerte Leute...
Wie ein schwerer Stein belasten uns Augustiner die Anschuldigungen, die in Umlauf gebracht wurde. Offenbar haben manche keine Scheu, ihre Ziele mit allen Mitteln durchzusetzen. Muss man das dulden? Vielleicht...
„Wer könnte uns den Stein vom Grab wegwälzen?“ – Wie der bleischwere Stein auf dem Grab Jesu liegt manches Schwere auf uns, die wir Ostern feiern: Auferstehung, obwohl uns noch so viele Fragen bedrängen, auf die wir keine rechte Antwort finden.
Die Liturgie dieser heiligen Osternacht kennt unsere Ambivalenz. Sie beginnt ja nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit dem verhalten-leisen Prasseln eines Feuers. In seinem Licht konnten wir zwar nicht die Antwort auf alle unsere Fragen finden. Aber im milden Licht des Feuers werden unsere Gesichter irgendwie besonders schön. Weniger verbissen. Im Licht des Feuers kommen die großen Fragen. Aber da halten wir sie besser aus.
Dieses Licht hat sich durch die Osterkerze verbreitet, das Symbol des auferstandenen Christus, der uns vorangeht – wie damals die Feuersäule beim Auszug aus Ägypten. Diese besondere Kerze, dieses Symbol wurde besungen im Exultet. Dieses Licht hat sich in der dunklen Kirche verbreitet. Im Kerzenschein haben wir die gesamte Menschheitsgeschichte bedacht, die trotz allem durch Gottes Wirken immer wieder zur Heilsgeschichte wird.
Dann hat uns die Liturgie von den Plätzen hochgescheucht, damit wir im Jubel des Gloria auf die großen Taten des HERRN antworten. Aber wir konnten nicht stehen bleiben. Noch einmal sitzen und lauschen: dem Abschnitt aus dem Römerbrief. Wir sind in der Taufe mit Christus gestorben. Wir sind dem Tod schon von der Schippe gesprungen. Wir gehören nicht mehr ihm; er hat keine endgültige Macht mehr über uns. Wir sind vielmehr Gottes geliebte Kinder. Wir haben die Freiheit, für IHN zu leben!
Noch einmal wurden wir hochgerissen: Durch das große, österliche Halleluja. Sei nicht ungläubig, sondern glaube: Jesus Christus ist vom Tod erstanden! Er ist wahrhaft auferstanden! Halleluja!
Die Frage der Frauen, die unterwegs sind zum Grab, löst sich ganz anders, als sie erwarten können. Der Stein ist ja schon weggewälzt! Die Frage, die so schwer auf ihnen liegt, weicht dem Schrecken, dass da etwas ganz Neues und noch nie Erfahrenes hereinbricht in ihr Leben. „Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden!“ (Mk 16,6)
Gott hat ganz andere Lösungen als wir erhoffen. Gerechtigkeit, so glauben wir, liege im exakten Ausgleich. Gott aber verzichtet auf's Aufrechnen. Er löst die Schuld der Menschen auf Seine Weise. Er schenkte uns den Erlöser: Jesus, den Sohn Gottes.
Die schwere Frage, warum unsere Erlösung durch diesen grausamen Kreuzestod geschehen musste, können wir nicht wirklich beantworten. Jeder Versuch einer Antwort gebiert neue Fragen. Das Problem ist, dass Leiden, das anderen zugemutet wird, nie Sinn macht. Sinn entsteht aber, wenn jemand sein Leiden annimmt und es dadurch zum Erweis der Hoffnung wird, die weit über das hinausgeht, was wir hier auf Erden erwarten können.
Der Evangelist Markus fügt den Worten des Engels der Auferstehung einen Halbsatz hinzu, den wir nur an dieser Stelle finden. Dieser Engel sagt nicht nur: „Er ist auferstanden!“, sondern fügt hinzu: „Er ist nicht hier“ (Mk 16,6).
Für mich ist damit der schwere Stein am Grab noch einmal ins Wort gehoben. „HERR, wenn du hier gewesen wärest, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“, sagt Marta beim Tod ihres Bruders Lazarus. Im Leid schmerzt uns die Ferne Gottes am meisten. – Es schmerzt auch, dass wir unseren ungetauften oder nicht mehr glaubenden Zeitgenossen nichts beweisen können, wenn sie sagen: Gott ist doch Schnee von gestern; er ist nicht hier...
Bei Markus wird diese Erfahrung der Ferne Gottes nicht aufgehoben. Weder am Kreuz, als Jesus durch einen verzweifelten Schrei stirbt. Noch bei der Auferstehung... Es gibt es keine ausführliche Erklärung, die diese Frage auflösen würde.
Aber es gibt eine Verheißung: „Er geht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen.“ – Die Jünger sollen zurückgehen, wo sie den HERRN erfahren haben. Auferstehung darf und muss man begreifen mit dem konkreten Leben, in dem der HERR bei uns ist.
Das ist das einzige, was auch wir den Zweiflern heute antworten können: Schau dein Leben an! Darin kannst du Gottes Spuren erkennen. Auch dein Leben ist Heilsgeschichte mit Gott!!
Es ist ein langer Weg zurück nach Galiläa. Auch wir haben solche Wege vielleicht schon gehen müssen. Hast du die Spuren des lebendigen Gottes im eigenen Leben schon entdeckt? Hoffentlich gelingt es auch uns mehr und mehr voll Überzeugung zu sagen: Ja, der HERR ist wirklich auferstanden! Amen.
Hier die Predigt vom Gründonnerstag 2021 in der Reglerkirche (19.00 Uhr) - von Br. Jeremias OSA: