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June

2021

Hiob, der gar nicht stille Dulder

Dorothea Höck

Predigt von Dorothea Höck im Kreuzgarten am 12. Sonntag im Jahreskreis B

Zelebrant: Br. Jeremias Kiesl OSA

Fotos: Steffi Krause
Ton & Schnitt: Br. Jeremias OSA

Einführung

Der HERR ist mit uns im Schiff seiner Kirche. Auch in den Stürmen unseres Le­bens bleibt er bei uns. Er bewahrt uns nicht vor diesen Stürmen. Aber er sitzt mit uns im Boot!

Gott ist größer. Lassen wir ihn auch größer sein als unsere Angst! So haben wir auch in unseren Nö­ten allen Grund, IHM zu vertrauen. Das ist die Frohe Botschaft, die uns in den Schriftlesungen verkündet wird. Dorothea Höck wir uns heute die Auslegung schenken.

Stellen wir uns in die Gegenwart des HERRN, der uns hier am Al­tar begegnen will.

Predigt über Hiob 38,1-11

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext verlangt, dass wir diesmal etwas weiter ausholen, um einen Zugang zur Antwort Gottes auf Hiobs Anklage zu bekommen: Das Buch Hiob stellt die nie verstummenden Frage des Menschen an Gott nach dem Grund unschuldigen Leides und himmelschreiender Ungerechtigkeit auf der Welt.

Solches Leid trifft Hiob als den Inbegriff eines rechtschaffenen Menschen. Seine Frömmigkeit und Gottesliebe wird auf die härteste Probe gestellt. Unsere Erzählung beginnt ein bisschen wie Goethes Faust: Mit einem Prolog im Himmel.

Dort oben lobt Gott im Kreise der Engel seinen Knecht Hiob: „Es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und gerecht, gottesfürchtig und meidet das Böse“ (1,8). Doch Satan, der gefallene Engel, stichelt: Meinst du, Hiob verehrt Dich umsonst? Du hast ihm doch immer nur Gutes erwiesen, er ist der reichste und glücklichste Mann seines Landes. Ich bin mir sicher: Wenn ihm all das genommen wird, wird er dir ins Angesicht fluchen!

Da liefert Gott Hiob dem Satan aus mit den Worten: „Alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur schone sein Leben.“ Satan schlägt Hiob und die Seinen: Wohlstand und Besitz werden Beute von Räubern und Naturkatastrophen, seine Knechte ermordet, seine drei Töchter und sieben Söhne erschlagen.

Doch Satan behält unrecht: Als Hiob all das Unglück erreicht, zerreißt er seine Kleider, verneigt sich tief und spricht: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“(1,20f)

Das war also nicht genug. Noch einmal schlägt Satan zu – mit Gottes Erlaubnis. Hiob wird mit schlimmster Krankheit geschlagen, sitzt auf dem Aschehaufen und schabt sich die Haut vom Leib.

Seine Frau sieht ihn leiden und fordert ihn auf: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!“

Mir fällt auf, wie modern die Haltung der Frau ist. „Gott lässt Unschuldige leiden? Diesen Gott verwerfe ich, an so einen Gott kann ich nicht glauben. Ich will mein Leid beenden und habe damit selbst das letzte Wort über mein Leben.“

Doch Hiob hält an Gott fest: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch von ihm annehmen?“

Jetzt reisen die Freunde von weither an, um Hiob zu trösten. Doch sein Elend verschlägt ihnen die Sprache, und statt billigen Trost zu plappern, setzen sie sich sieben Tage und sieben Nächte zu ihm und schweigen. Schließlich bricht Hiob das Schweigen mit einer herzzerreißenden Klage. Er verflucht den Tag seiner Geburt und wünscht sich, nie gelebt zu haben.

Über den vier Männern steht eine Frage im Raum, die kaum auszuhalten ist: Warum lässt Gott seinen frommen und gerechten Knecht Hiob leiden?

Die drei Freunde finden schnell eine Antwort und beginnen zu reden. Sie unterstellen Hiob: Irgendeine Sünde muss es doch geben, mit der er Gott erzürnt hat. Schließlich belohnt Gott die Guten und bestraft die Bösen.

Wir brauchen immer Erklärungen. Sie helfen uns, Unerträgliches und Ungerechtes zu ertragen. Wo wir keinen Sinn sehen, denken wir uns einen aus. Damit schützen wir uns davor, dass uns die Welt entgleitet und wir die Orientierung verlieren.

Hiob duldet die Antwort der Freunde nicht. Für ihn steht außer Frage, wer für sein Elend verantwortlich ist. Er rebelliert und klagt Gott an: „Die Erde ist in Frevlerhand gegeben. Ist er es nicht – wer ist es dann?“ (9,24). Wenn Gott einen Gerechten wie ihn zerstört, ist er ein Verbrecher. Dann ist die Erde Spielball eines Frevlers.

Solche Rede ist ungeheuerlich und die Freunde sind empört. So reden und streiten sie, statt sich auf die Not Hiobs einzulassen.

Hiob aber beharrt auf seiner Unschuld. Er lässt sich – im wörtlichen und im übertragenen Sinn – von den Freunden nicht klein kriegen.

Ist Hiob also ein Selbstgerechter? Wir sind ja seit Augustinus und Luther in dem Glauben geschult, dass wir unfähig sind, ein gottgemäßes Leben zu führen, und deshalb auf Gottes Gnade angewiesen sind.

Doch in unserem Fall hieße es: Thema verfehlt! Nein, unser Angewiesensein auf Gottes Gnade darf keine Pauschalantwort auf Leid und Ungerechtigkeit in der Welt werden. Wo alle schuldig sind, ist letztlich niemand verantwortlich.

Gott selbst hatte ja Hiob einen Gerechten genannt. Ein Gerechter darf Gerechtigkeit einfordern! Hiob schwört einen Eid, dass er sein ganzes Leben unter den Willen Gottes gestellt hat und eröffnet den Prozess: „Der Allmächtige antworte mir!“ (31, 35)

Darf er das? Dazu eine chassidische Geschichte: 1„Als einer Frau mehrere Kinder in frühem Alter starben, wandte sich die Mutter an die Frau des Rabbi Moische Löb: Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was Er gegeben hat.

So dürfe man nicht reden, meinte die Frau des Rabbi. Unergründlich seien die Wege des Herrn, der Mensch müsse lernen, sein Schicksal anzunehmen.

In diesem Augenblick erschien Rabbi Löb und rief der trauernden Mutter zu: „Und ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht annehmen.“

Empörung darf sein. Am Ende unserer Hiobs-Erzählung wird Gott über seine eifrigen Freunde mit ihrer Erklärungswut ein vernichtendes Urteil fällen, nicht über Hiob. Dennoch bestürzt mich die Antwort Gottes auf Hiobs Anklage, denn sie verweist nicht ohne Ironie auf seine Macht und Majestät:

(38, 1-11 in Auszügen:) „Und der HERR antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach: Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich frage dich, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, als ich's mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, als ich ihm seine Grenze bestimmte und setzte ihm Riegel und Tore und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«?

Mich beeindruckt und befremdet Gottes Antwort gleichermaßen. Die Sprache ist umwerfend schön. Doch ist Gott das Leid der Menschen gleichgültig? Hiob geriet mit seiner Zustimmung ins Unglück. Was ist denn das für ein Gott?

Wirklich harter Tobak.

Fjodor Dostojewski lässt in seinem Roman „Die Brüder Karamasoff“ den Ältesten Iwan die Hiobfrage stellen und im Gespräch mit seinem Bruder Aljoscha selbst beantworten. Wie Hiob weist der empörte Iwan alle Versuche zurück, dem Leid einen höheren Sinn zu verleihen. „So sag mir doch bitte, was das mit den kleinen Kindern zu tun hat? Es bleibt unbegreiflich, warum auch sie leiden müssen … Ich will verzeihen und umarmen und will nicht, dass noch gelitten werde. … Darum beeile ich mich, mein Eintrittsbillet (in diese verkehrte Welt) zurückzugeben. … Nicht Gott ist es, den ich ablehne, ich gebe ihm nur die Eintrittskarte ergebenst zurück.“ Auch Iwan wünscht sich, nie geboren zu sein.

Warum lässt Gott die Unschuldigen und Gerechten leiden? Und warum lässt er manchmal am Ende die Boshaften, die Ungerechten, Intriganten und Niederträchtigen triumphieren?

Diese Frage hat den Atheismus hervorgebracht: Man kann doch nicht an einen Gott glauben, der die Welt so fehlerhaft gemacht hat! In der Neuzeit kehrt sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott um, nicht mehr der Mensch muss sich vor Gott rechtfertigen, sondern Gott vor den Menschen: „Nicht ob der Mensch vor seinem Gott bestehen kann, ist jetzt die Frage, sondern ob der Herr vor uns besteht: Gott lebt seither – sofern es nach dem Menschen geht – von des Menschen Gnade.“ 2 Damit aber hört Gott auf, Gott zu sein.

Anders bei Hiob. Seine Antwort auf die Rede Gottes reizt mich bis heute zum Widerspruch, denn auch ich bin ein Kind der Neuzeit. Hiob bekennt (Hi 42, 1-6): „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer… Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. … Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“

Wir erfahren, dass Gott Hiob am Ende reicher macht als zuvor, einschließlich Kindersegen, und seine Töchter die schönsten im ganzen Land sind. Unsere Geschichte nimmt also einen guten Ausgang.

Dennoch frage ich mich: Gibt Hiob am Ende klein bei?

Martin Buber macht eine wichtige Unterscheidung zwischen zwei Glaubensweisen 3: Man kann glauben, dass Gott ist: Dann kann man auch in seinem Rücken leben. Man kann auch darüber streiten, ob er nicht ist.

Wer ihm aber vertraut, lebt in seinem Angesicht. Als Kronzeugen dafür nennt Buber Hiob: Er empört sich gegen Gott, aber zugleich vertraut er ihm und hält ihm die Treue. Er lässt Gott Gott sein und bleiben. Und Gott zeichnet Hiob aus, indem er von Angesicht zu Angesicht mit ihm spricht wie mit Mose und Elia.

So unterscheidet sich Hiob von all jenen, die Gott zum Gegenstand von Spekulationen machen, wie es seine Freunde tun.

Wir haben nun am Ende keine logische und allgemein zufriedenstellende Antwort auf unsere Frage. Stattdessen hören wir das Bekenntnis des Hiob (19, 25-27): „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.

Später wird uns noch eineandere Antwort auf unsere Frage geschenkt, aber die tritt nicht in Konkurrenz zu Hiobs Bekenntnis: Gott ist nicht erhaben über das Leid der Menschen, er selbst hat sich darauf eingelassen, bis zur allerletzten Neige, durch seine Menschwerdung in Jesus Christus.

Ich schließe mit einem Gedanken des polnischen Dichters Czesław Miłosz: „Der Anstand gebietet es, dass ich, der all diese Prüfungen, die eigentlich über meine Kräfte gegangen waren, heil überstanden habe, an Gott glaube. Aus Dankbarkeit.“ 4

Bitten wir Gott, dass er uns fähig zur Dankbarkeit macht und von unserer Blindheit für seine Gaben heilt. Amen.

1 Navid Kermani: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte; München 2015, 237.
2 Gerd B. Achenbach, www.achenbach-pp.de/de/philosophischepraxis_text_alternative_therapie.asp?print=1
3 Martin Buber: Zwei Glaubensweisen, Gerlingen 1994, S. 43f
4 https://literaturkritik.de/id/5670

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June

2021

"Alt wie ein Baum möchte ich werden" (Die Puhdys) - Moonlighmass mit Jazz

Moonlightmass mit Jazz am 13. Juni 2021 im Kreuzgarten von Regler

Team: Marieluise Morgenstern, Nic A. Elß, Br. Jeremias OSA
Jazz: Bernadett Wollensak, David Hagedorn

Technik: Steffi Krause; Fotos: Br. Jeremias Kiesl OSA, Annette Winter

Die Baum-Meditation

Einleitungssatz (Du bist eingeladen…)

Setze dich aufrecht auf den Stuhl, so dass es für dich angenehm ist. Du kannst ein wenig hin und her rutschen, bis du eine bequeme Sitzposition gefunden hast. Stelle deine Füße gerade auf den Boden, so dass du den Boden spüren kannst.

Wenn du möchtest, kannst du die Augen schließen und atme ruhig und gleichmäßig ein und aus. Du kannst spüren, wie du mit jedem Atemzug ruhiger und gelassener wirst.

Stelle Dir vor Deinem inneren Auge einen schönen, großen Baum vor, der Dir richtig gut gefällt. Vielleicht erinnerst Du Dich an einen bestimmten Baum, der Dich beeindruckt hat oder den Du gelegentlich aufsuchst. Siehe diesen Baum in seiner Umgebung nun ganz genau vor Dir. Stelle Dir seine Größe vor, seinen Stamm mit der Rinde, die ganze Krone des Baums, die großen und die kleineren Äste und alle die vielen immer kleiner werdenden Zweige mit dem Blätterwald.

Nimm alles wahr, was Du, während Du Deinen Baum betrachtest, erlebst: Die Sonne auf Deiner Haut, alle Farben, Farbnuancen, Formen, Geräusche wie Blätterrascheln, Vogelgezwitscher, den Geruch der Erde oder andere Düfte. Schau Dir in Ruhe alles an Deinem Baum und seiner Umgebung an.

Während du weiter diesen Baum anschaust, kannst du die Kraft und Ruhe spüren, die von diesem Baum ausgeht. Du spürst, wie die Kraft des Baumes sich auf Dich überträgt, wie Du eine Einheit mit dem Baum bildest.



Spüre, wie auch du mit deinen Füßen in der Erde verwurzelt bist. Deine Wurzeln werden immer dicker, reichen mehr und mehr in die Erde hinab und verzweigen sich in der Tiefe der Erde.

Du spürst, wie Du wächst und immer größer wirst. Dein Baumstamm ist sehr stabil und Deine Baumkrone mächtig. Fühle deinen festen Stand. Nimm bewusst den Halt wahr. Wenn Du magst, kannst Du Dich ein wenig hin und her wiegen lassen, als sei gerade ein Wind aufgekommen, der Deine Zweige in Bewegung bringt. Du kannst die Wärme der Sonne spüren, die dir Energie schenkt und dich wachsen lässt.

Genieße eine Weile in Ruhe, so tief verwurzelt und stark zu sein.

Du kannst dich nun langsam von deinem Baum verabschieden, und du weißt, dass du ihn jederzeit wieder besuchen kannst.

Wenn Du soweit bist, löse Dich langsam aus Deiner Verwandlung, komm mit Deiner Wahrnehmung zurück in den Garten der Reglerkiche und öffne vorsichtig Deine Augen. Lass Dir Zeit!

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June

2021

Kaum zu glauben!

Christoph Kuchinke

Messe zum 11. Sonntag im Jahreskreis B mit Christoph Kuchinke
(Predigt zu 2 Kor 5,6-10 und Mk 4,26-34)

Zelebrant | Schnitt: Br. Jeremias Kiesl OSA
Evangelium: Br. Pius Wegscheid OSA (Mk 4,26-34)
Lektorinnen: Sophie Jahn (2 Kor 5,6-10) und Dr. Monique Stolle (Meditation von Hanne Bares)

Klavier: Hubert Nekola

Kreuzgarten der Reglerkirche zu Erfurt | Augustinerkonvent St. Martin von Tours 13.06.2021

Predigt

Kaum zu glauben – eine Rate-show im NDR: Es gilt herauszufinden, welche außergewöhnlichen Geschichten der Wahrheit entsprechen und welche reine Lügen sind. Da gibt es vorab Live-Apps exklusiv, Live-Streams und mit dem Newsletter kann man nichts verpassen.

Kaum zu glauben, und doch haben wir eben in den Lesungstexten nichts anderes gehört. Und doch würden wir viel lieber schauen, mit eigenen Augen…

Manchmal scheint alles ganz einfach und auf den ersten Blick eindeutig – aber schauen wir dann genauer hin, wenn wir's denn tun, sind wir überrascht. Nur das glauben, was man sieht – das gehört zur Lebensphilosophie vieler Menschen. Denn nur auf das, was man mit eigenen Augen wahrnehmen kann, sei letztendlich Verlass.

Doch ist das wirklich so? Nur allzu oft enttäuscht uns auch der eigene Blick. Er ist selektiv, er orientiert sich an unseren Erwartungen und unserem Vorwissen, ganz nach dem Goethe-Wort: „Man sieht nur, was man weiß.“ Das eigene Auge spielt uns einen Streich. Es lohnt sich also ein zweiter Blick. Ist wirklich alles so, wie es scheint? Oft stellen sich scheinbar eindeutige Dinge dann als deutlich komplexer dar, und am Ende erwartet uns eine wirkliche Überraschung.

Glauben heißt nicht Schauen. Warum eigentlich nicht? Wie viel leichter fiel uns das Glauben, wenn es mehr zu sehen gäbe.

Unsere Augen sind müde von den Bildern aus Kriegs- und Krisengebieten, von zu wählenden Politikern und Parteien, von Zahlen aller Art zu Corona und Impfen und Terminen, zu  Austritten aus den Kirchen, zu neuen Missbrauchszahlen – nicht nur in den Kirchen –, zu Demos und natürlich auch aus den Niederungen unseres eigenen Lebens. Und so wenig scheint dafür zu sprechen, dass Gott da ist und wirkt. Nur hier wird von ihm gesprochen und gesungen und gebetet, draußen scheint er kaum vorzukommen.

Aber lassen wir uns nicht irritieren. Schauen wir auf die Experten, die eben zu Wort gekommen sind, also in die Bibel.

Das Judentum war ein System des Schauens. Alles war auf das Irdische, Sichtbare ausgerichtet. Auch die Erwartung der gläubigen Juden war eine Erwartung des Schauens. Sie wollten zusehen, wie der Messias Israel befreite und sein Recht aufrichtete.

Zu Lebzeiten, wie nach seiner Auferstehung hat Jesus sich viel Mühe gegeben, diese gläubigen Juden vom Schauen zum Glauben zu führen. Seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter waren gläubige Juden. Sie waren eng mit ihm zusammen, sahen und hörten ihn. Und doch: Er würde sie verlassen: „Ich gehe hin“ (Joh 14,2).

Und er fordert sie auf: „Glaubt an mich“. Das brauchten sie bis dahin nicht, sie sahen ihn ja. Doch die Zeit des Sehens würde bald vorbei sein, und dann würde eine Zeit des Glaubens beginnen. Das mussten sie erst mal begreifen.

Erinnern wir uns an Maria Magdalena, die ihn anrühren wollte, die die irdische Beziehung mit dem Auferstandenen weiterführen wollte, die sie vor seinem Tod hatte. Jesus wehrt sich: „Rühr mich nicht an, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater heimgekehrt“.

Auch die Jünger bei Lukas bekommen ihre Lektion. Sie hatten ihre Hoffnung ganz und gar auf das Zeitliche, Sichtbare, Irdische gerichtet: „Wir aber hofften, dass er der sei, der Israel erlösen solle“ (Lk 24,21). Es wird dafür gesorgt, dass sie in dem Fremden nicht Jesus, ihren Herrn erkennen. Und als er ihnen zugesteht, mit ihm das Brot zu brechen und ihn zu erkennen, wird er sofort unsichtbar. Sie sollten vom Schauen zum Glauben geführt werden.

Paulus schließlich fasst diese Tatsache mit den Worten zusammen: „Wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen... und wenn wir Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so“ (2 Kor 5,7.16). Mit seiner Gemeinde in Korinth bewegt er dieses Thema, weil es die Gemeinde beschäftigt. Wie gehen sie auf den Tod und das Danach zu. Glaubende sollen sie bleiben, in dieser Welt und auf dem Weg zu einer immer tieferen Begegnung mit Gott in Jesus Christus.

Gelegentlich sind sie schon Schauende, zumindest an den Wendepunkten des Lebens. Und sie können wie er, die umstürzlerische Erfahrung machen, dass Jesus lebt. Er ermuntert die Gemeinde immer wieder neu nachzudenken, anders zu denken, eine ungewöhnliche Perspektive einzunehmen: in diesem Leib zu Hause zu sein, bedeutet in der Fremde zu sein – also Hoffnung zu haben auf etwas Anderes, Neues – wie in einem Spiegel: auszuwandern, daheim beim Herrn zu sein. Über den Tod hinaus zu denken. – Eine weltfremde Sicht?

Sie sollen nicht der Welt entfliehen, sie sollen als Glaubende ihren Weg gehen, im Vertrauen und auf die Beziehungen achten, die neu geordnet werden, die von Heimat und Fremde. Aus der Fremde (das Bild für Christus) soll Heimat werden. Die Zuversicht soll geprägt werden, die aus Glauben kommt und zum Glauben führt.

Kaum zu glauben. – Ja, nur der gläubigen Gemeinde werden solche Geheimnisse anvertraut, wie wir es eben im Evangelium gehört haben.

Dieses Gleichnis ist bestimmt von der hoffnungsvollen Zuversicht, dass Gott sein Reich vollenden wird, auch wenn es im Augenblick nicht so ausschaut, ist es im Wachsen. Gott garantiert es, das Aufgehen und Wachsen bis zur reifen Frucht. Deshalb ist es nicht notwendig zu verzweifeln, wenn wir an Grenzen kommen des Unbegreiflichen, des Nicht-machbaren, wenn wir nicht die Vollendung sehen, nur Rückschläge und Misserfolg. Es scheint eine Notwendigkeit in der Verborgenheit des Wachstums des Gottesreiches zu liegen, und spüren wir sie nicht um uns und in uns?

Und doch: In Jesu Taten und Worten, die wir ja haben, ist schon etwas spürbar von Gottes Herrschaft. Aber sowohl die Jünger, wie wir heute leben in einer Zeit des „verborgenen Wachstums“ – ganz im Gegensatz zum fast unaufhaltsamen scheinbar sichtbaren Wachstumswahn der Welt.

Im Gleichnis liegt der Akzent auf dem Ergebnis: Aus dem scheinbar Unscheinbaren, dem kleinsten, wird etwas Gewaltiges von umfassender Bedeutung. Das ist die Handlungsweise Gottes und Einladung an die Glaubenden, dass nichts verlorengeht, weil Gott aus den kleinsten Ansätzen etwas Großartiges machen kann. Deshalb wird es auch nur den Glaubenden offenbart und anvertraut.

Weil eben erst im Glauben das vertrauende Hoffen und Warten auf das Handeln Gottes zugänglich ist. Und die Experten der Schrift, die, die mit Jesus zusammen waren und die ersten Gemeinden, sollten es immer wieder erinnern: dass Gott nicht später handelt, sondern jetzt. Also sein Reich beginnt nicht irgendwann, sondern jetzt!

Den rechten Blick auf die Mitmenschen zu haben, Arme, Kranke, Schwache, Behinderte, Ausgegrenzte nicht als Problemfall oder Gefahr für das Vorankommen einer Gesellschaft zu sehen. Sie sollen Aufforderung zur Solidarität sein, zu unserer Hilfe.

Ich möchte uns keine Ratschläge geben, aber zwei Beispiele:

Von einem Pfarrer im ehemaligen sowjetischen Internierungslager Buchenwald las ich, dass er stets lächelnd Tag für Tag sich unter den Sträflingen umschaute, bis er einen besonders Trostbedürftigen gefunden hatte. Mit ihm spazierte er vor der Baracke auf und ab. Er war überzeugt, dass eine Last, verteilte man sie auf zwei Schultern, sich leichter tragen ließ.

Natürlich muss unser Tun glaubwürdig sein, wenn wir dies verkünden und leben, in welcher Gesellschaftsordnung auch immer. Das geht nur, wenn unsere Binnenstruktur wieder und in Ordnung kommt und verantwortlich handeln muss, wer anderen Schaden zugefügt hat. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Es duldet keinen Aufschub, Gottes Reich hat schon angefangen, es wächst und lässt sich nicht auf später verschieben, sagt Jesus.  Es hat begonnen, und alles und jedes, Erreichtes und Erlittenes, Gesagtes und Gefühltes wird nicht verloren gehen, sondern in die Ewigkeit eingehen. Das glaubten schon Menschen weit vor Jesus.

Das kann auch und muss unser Glaube sein oder werden, dass  jetzt schon Gottesreich ist. Jede und jeder zunächst ganz allein bei sich selbst und es dann dies miteinander teilen, mit allen Facetten. Das stärkt, das trägt, jeden einzelnen, die Gemeinde und dort, wo wir im Alltag leben. – Kaum zu glauben.

Und ja, die Zeit des Glaubens wird einmal ihr Ende finden, und dann werden wir vom Glaubenzum Schauen geführt: „Wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1 Joh3,2). Von unseren Verstorbenen, Heimgegangenen, Vorausgegangenen wissen wir dies nicht, auch das ist uns verborgen. Aber wir glauben, dass sie gut aufgehoben sind, weil sie ja schon Anteil haben an dem, was bereits begonnen ist. – Auch das kaum zu glauben.

Am Schluss ein Zitat von Meister Eckart:

Etliche Leute wollen Gott mit Augen schauen, so wie sie eine Kuh betrachten, und wollen Gott genauso lieben, wie sie eine Kuh lieben“.

(Dein Sehen ist Lebendigmachen – Dein Sehen bedeutet wirken.)

Nach der Kommunion



Rechnen wir wirklich noch damit
dass Gott uns nahe ist?
Dass Er eingreift in unser Leben
und das Unmögliche möglich macht?

Halten wir die Sehnsucht nach Ihm
wirklich noch wach?
Suchen wir noch nach
Seinen Spuren in unserem Leben?

Glauben wir Ihm wirklich
dass Er in all den Baustellen und
Wüsten unseres Lebens kommt und
dort neues Leben aufblühen lässt?

Und sind wir wirklich bereit
uns einzulassen auf Ihn
auch wenn Er ganz anders handelt
als wir es uns wünschen und vorstellen?

(Hanne Bares)





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June

2021

Predigt zu Gen 3 am 10. Sonntag im Jkr. B

Bruder Jeremias OSA

Predigt zu Gen 3

Br. Jeremias Kiesl OSA
in der Reglerkirche | St. Augustinus Erfurt

Lektoren: Konstanze & Wieland Wiederhold

Musik: Br. Pius Wegscheid OSA, Regler-Singschar
Fotos: Br. Jeremias, Martina Brunner (Andalisien)
Schnitt: Matthias Kiesl

Einleitung

Jesus Christus, unser Bruder, der HERR, sei mit euch!

Ist Jesus verrückt? Er leitet die Menschen an, den großen Gott „lie­ber Papa“ zu nennen, jeden Menschen, ja sogar die Fein­de, zu lie­ben, das Kreuz (!) anzunehmen, das das Leben und andere Men­schen uns zumuten. – Ist das nicht ver-rückt?

Er ist von Sinnen – er ist verrückt!“, das sagen die eigenen Ver­wandten über Jesus. – „Er ist besessen!“, tönen die Schriftgelehr­ten aus Je­rusalem. – Welcher Vorwurf wiegt schlimmer?

Liebe Schwestern und Brüder, heute begegnen wir in der Li­turgie keinem von Harmonie umgebenen und keinem harmlo­sen Jesus. Wenn heute auf dem Domberg und vielerorts in unseren Thüringer Gemeinden Fronleichnam gefeiert wird, dann doch hoffentlich in dem gläubigen Bewusstsein: Jesus weicht dieser Welt nicht aus, damals nicht und auch heute nicht. Er geht dorthin, wo unser Alltag ist. Er ist und bleibt mit uns unterwegs!

Im Evangelium steckt Jesus heute mitten in den Auseinanderset­zungen von Familie, Gesellschaft und Religion. Lassen wir uns mit hineinziehen in diese Konfliktlage des Herrn! Ach, wir sind längst mittendrin, wo auch immer wir leben und kämpfen! Lernen wir dabei – hoffentlich – unsere eigenen Kon­flikte besser begreifen.

Kyrie

Den gekreuzigten und auferstandenen HERRN rufen wir in unsere Mitte:

HERR Jesus Christus, wir beten um Frieden in der Welt – und sind oft selbst der Anlass von Unfrieden in unseren Familien oder Gemeinschaften und in unserer Nachbarschaft. – Wo bist du, Friedensfürst? – HERR, erbarme dich unser.

HERR Jesus Christus,wir suchen Gott und wissen uns bei ihm geborgen – und missbrauchen ihn oft, um andere schlecht zu machen und abzuwerten. Wo bist du, Heiland aller Menschen? – Christus, erbarme dich unser.

HERR Jesus Christus, wir suchen die Einheit und die Harmonie, und grenzen uns doch so oft von „denen da“ ab, mit denen wir nichts gemein haben wollen. – Wo ist die Einheit, die du uns versprochen hast? – HERR, erbarme dich unser.

Der HERR wende sich uns indieser Feier wieder zu, erbarmungs­voll nehme er Schuld und Sündevon uns – ja, glauben wir daran: ER hat es längst getan! – Erführe uns heute schon in seine Weite und einst zum ewigen Leben ingöttlichem Frieden. Amen.

Tagesgebet

Gott, unser Vater, alles Gute kommt allein von dir.

Lass uns das begreifen, wenn wir meinen,
deine Weisungen seien uns zu schwer.

Schenke uns dann von deinen Geist,
damit wir herausfinden aus unserer Enge und Ichbezogenheit.

Gib uns deine Kraft und deine Gnade,
damit wir mit deiner Hilfe auch selbst das Gute tun.

Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren HERRN. Amen.

Predigt zu Gen 3

Der Sündenfall, wie er in Gen 3 erzählt wird, hat nicht die Absicht, eine Historie festzu­hal­ten. Vielmehr wird etwas Grundlegendes über den Menschen erzählt: Wie gehen wir mit Schuld um? Und was sagt das über unsere Gottesbeziehung?

Wir kennen die Verse, die der heutigen Lesung vorausgehen, ziemlich gut. Hätte ich widerstehen wollen, wenn die Früchte am Baum der Erkenntnis gar so locken? Nein, ich hätte auch zuge­grif­fen! Es ist wahrhaft köstlich, zu wissen und gewichten zu können: Gut und böse unterscheiden, wer wollte das nicht? „Ihr werdet sein wie Gott!“, zischelt die Schlange. – Ach, das wäre schön!

Wenn nun ausgerechnet die Früchte der Erkenntnis so verlockend sind – warum nur macht Gott gerade das Verbotene so reizvoll?! Wollte ER am Ende sogar, dass Adam und Eva zugriffen und sich die Frucht der Erkenntnis schmecken ließen? – Ich würde so weit nicht gehen, obgleich ich in der Osternacht das Exultet liebe, wenn es von der glücklichen Schuld singt, und: Welch großen Erlöser hast du gefunden!

Ich glaube auch nicht, dass das Böse nötig sei, damit man das Gute überhaupt zuschätzen wisse. Da halte ich es lieber mit Augustinus, der dem Bösen kein eigenes Sein zugesteht. Vielmehr begegnet uns im Bösen der Abergeist, der stets verneint, der dem Guten andauernd widerspricht und nur in der Opposition eine fra­gile, aber leider durchaus ver­heerende Seinsweise fristet.

Wenn aber Gotteinst alles in allem (1 Kor 15,28) sein wird, dann wird es um das Böse ge­schehen sein. Wer wollte glauben, dass man dann vor lauter Gegenwart Gottes das Gute nicht mehr er­ken­nen könne? Das hielte ich für ziemlichen Unsinn.

Also, Adam und Eva sind schuldig. Da führt kein Weg daran vorbei. Und ja, ein bisschen froh können wir schon sein, dass sie zugegriffen haben. Schließlich leben wir als Menschen, die auf ihr Wissen besonders stolz sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir weitere, bahnbrechende Erkenntnisse finden, die unsere Geniali­tät, ja förmlich unsere Gottgleichheit unterstreichen. – Nicht? Ach, so denken doch Viele! – Oder etwa nicht?

Gott ruft Adam; ER ruft den Menschen: „Wo bist du?“ Aber der Mensch ist nicht Gott gleich. Furcht steigt in ihm auf. Er versteckt sich. Die erste Erkenntnis ist eine bittere: Ich bin nackt!

Immerhin: Adam fasst diese Erkenntnis in Worte. Zu viele Adams und Evas heute pflücken Feigenblatt um Feigenblatt, um wenigs­tens notdürftig ihre Blöße zu bedecken. Aber Feigenblätter klei­den nicht. Das kleine, wehrlose Kind zittert in uns; es bräuch­te Fürsorge. Wir jedoch blähen uns auf, geben uns wichtig, grandios und unschlagbar. Aber selbst der Kaiser muss einmal erken­nen: Ich bin nackt! – Wird es ihn auch reuen? Wird er seine Schuld sehen und annehmen? Das wäre ja zu schön...

So ertappt machen Adam und Eva etwas, was vielleicht typisch ist für unseren Umgang mit Schuld. Auf der Bernwardstür im Hildes­heimer Dom ist das wunderbar dargestellt. Gott konfron­tiert Adam mit seiner Schuld, doch der zeigt auf Eva, die wiede­rum gleich weiter auf die Schlange weist: Der war's! Ich kann nichts dafür! Sie war's!

Gut und Böse zu erkennen, nimmt uns in die Pflicht. Aber die große Tragik des Menschen ist und bleibt durch alle Zeiten hindurch, dass er die Verantwortung wegschiebt. Ich? Nein, ich kann nichts dafür! Die waren's! Wir können die aktuellen Themen unter diesem Aspekt prüfen und stoßen immer wieder auf dieses Phänomen: Als wären andere für die Konse­quen­zen unseres Tuns und Lassens verantwortlich: beim Umwelt­schutz, in der Friedens­politik, bei Fragen der globalen Ge­rech­tig­keit,… Immer suchen wir nach Schuldigen und stellen uns nicht der eigenen Schuld oder wenigstens Mitschuld. Ist das beim Thema Missbrauch in der Kirche anders? Oder gilt da auch für mich und jeden Einzelnen, dass wir Systeme stützen, in denen Unrecht erst möglich wird? Vielleicht bleiben wir immer mitschuldig...

Die Menschen werden aus dem Paradies vertrieben. Das ist bis heute für uns alle spürbar. So schön unsere Erde ist, sie ist kein Paradies. Und den schlimmsten Schmerz fügen Menschen einan­der zu. Im Schweiße unseres Angesichts essen wir unser Brot, und selbst die Freuden der Geburt sind mit enormen Schmerzen verbunden. Es ist ein Kampf, in dieses Leben geboren zu werden, es ist ein Kampf zu leben oder auch nur zu überleben, und es ist ein Kampf, bis man im Tod loslassen kann.

Und gerade deshalb sind wir zeitlebens herausgefordert zu lernen, unsere Schuld anzunehmen. Die Zeit der paradiesischen Unschuld ist vorbei. Aber darin liegt gerade die Chance, Wesent­li­ches zu lernen. Wer weiß, dass er nackt ist, der sollte den anderen nicht bloßstellen. Im besten Fall erahnen wir das Para­dies, näm­lich dann, wenn zwei Menschen sich nackt einander schenken und spüren dürfen, dass gerade in ihrer Verletzlichkeit sich der Himmel öffnet.

Spannend finde ich, dass Gott selber die Menschen bekleidet (Gen 3,21). Gott lindert unsere Angst und Scham: „Meine Seele jubelt über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit“, heißt es beim Propheten Jesaja (61,10).

Mehr noch: Einst wollte der Mensch sein wie Gott. Hatte der uns nicht etwas Wichtiges vorenthalten? Ein gewisses Misstrauen macht sich breit: Gott ist ein Spaßverderber, der uns das Beste nicht gönnt! Also: Selber werden wie Gott! – Ich fürchte, diese Haltung von Menschen hält bis heute an... Und so setzten Menschen sich über andere und urteilen wie Götter über die an­de­ren von oben herab. „Wir wollen uns nicht dem Willen Got­tes unterwerfen. Wir wollen unseren eigenen Willen durchsetzen!

Doch Gott sorgt für den neuen Adam. Wieder geschieht es in einem Garten: Angst, Todesangst befällt den neuen Adam. Doch obwohl er weiß, dass es um sein Leben geht, sagt er: „Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!“ – „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ (Exultet) Das Leben, an dem wir so hängen, wurde uns in Jesus neu geschenkt. Unverbrüchlich!

Diese Haltung hat Jesus seinen Jüngern ans Herz gelegt. Wir verlieren nichts, wenn wir uns dem Willen Gottes übergeben. Frei ist nicht der Mensch, der tun und lassen kann, was er will; nicht einmal der, der die Wahl hat zwischen gut und böse, denn was ist das für eine Freiheit, wenn einer das Böse wählt?! Wahrhaft frei ist, wer ja sagen kann zum Willen Gottes. So sieht es zumindest Augustinus.

Er könnte doch recht haben. Gott verflucht zwar den Ackerboden, nicht aber den Menschen. Ihn bekleidet er. Über ihm lässt er die Sonne auf- und untergehen. Ihm schenkt er den Erlöser, seinen Sohn Jesus Christus. Amen.

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June

2021

Fronleichnam 2021 - Impuls

Bruder Jeremias OSA

Fronleichnam 2021 | Impuls: Br. Jeremias Kiesl OSA

Fotos: (v.a.) aus dem Kloster Volkenroda (PJ) sowie von der Miniprozession in Regler (FH)

Eingeladen an einengedeckten Tisch
Wo du unser Gastgeber bist
Nährt uns göttliche Liebe
Wir hungern nach Liebe
Und finden den Platz oft nicht
Wo Du uns erwartest
In einem Stückchen Brot, damitwir es teilen
Eingeladen sind alle – denn
Nur so wird es für Gott ein Fest
Und für uns eine eucharistia
Danksagung

(Aus: Te Deum)

Einführung

Eucharistia“ – Danksagung. Für die Einladung an Gottes reich gedeckten Tisch. Für die Selbstverständlichkeit, glauben zu dür­fen: Christus ist unterwegs mit uns und mitten unter uns. Hier in Erfurt. In unserer Stadt, bis hinein in unsere Häuser. – „Eucharistia“ – Danksagung.

Juliane von Lüttich hatte im 12. Jhd eine Vision, die schließlich zur ersten Fronleichnams-Prozession in Köln führte. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Juliane als Begine lebte und somit die Verhältnisse in ihrer Stadt gut kannte, vor allem die Armen im Blick hatte. Christus geht durch die Straßen unserer Stadt. Er begegnet uns im Nächsten. Er geht dahin, wo wir wohnen.

Impuls

Alles ist bereit! Selbst das Letzte Abendmahl erzählt Markus so, als habe ein anderer – DER ANDERE? – schon alles vorbereitet. Wie die Jünger werden wir geschickt – und finden alles so, wie es der HERR gesagt hat: Der Festsaal ist bereits hergerichtet und die Polster sind an der richtigen Stelle. Da ist der Rest bald erledigt. Eingeladen. Mich einbringen dürfen, und doch erfahren, dass bereits für mich gesorgt ist.

Alles ist so vertraut: Das alte Ritual des Pessah-Seder, das die Jünger seit Kindesbeinen an kennen, die Bündnisfeier von Auszug und Durchzug durchs Rote Meer. Alles bekannt!

Und doch klingen die Worte neu und unerhört. Sie haben sich verändert und Neues scheint auf: ein neuer Bund, nicht mit Blut von Opferlämmern, sondern „mein Blut des Bundes“: Christus, das Opferlamm, das den neuen Bund einschenkt, den Bundes­becher randvoll, im Angesicht des beginnenden Leidensweges und zugleich mit dem Geschmack des Festes, der Hochzeit, des Lebens!

Und nun warten wir, dass Gottes Reich anbreche und wir wieder mit IHM trinken dürfen: Leben in Fülle! Wir warten bei einem Bisschen Brot – der Wein bleibt der Gemeinde in diesen Tagen ja versagt – und denken: Alles bekannt und vertraut. Wie immer.

Doch bereitet hat den Festsaal ein anderer. Es ist alles bereits so weit vorbereitet, dass wir nur noch ergänzen können, hier ein wenig gestalten und dort. Aber das Wesentliche ist schon geschehen und das Wesentliche wird noch geschehen, wenn es aus unserer Routine ausbricht und wir erkennen: ER, der HERR, lebt mitten unter uns!

Und dann werden wir hinausgeschickt aus der Heimeligkeit der Kirche und der Heimlichkeit des Glaubens: Hinaus! Geht! An den Pranger, was du glaubst! Mit Gepränge, weil Christus durch die Stadt geht. Du bist nicht allein, wenn du hinausgeschickt wirst! Du bist Christa und Christus, wir alle sind Träger des Christus-Geheimnisses. Verraten wir dieses Geheimnis, das Geheimste, was wir haben und glauben: Verraten wir der Welt unser Geheimnis: ER ist schon längst mitten unter euch! Amen.

Bitten

Als Boten der Liebe Christi sind wir gesendet auf die Segenswege. Wir dürfen wir IHN selbst in unsre Welt tragen:

Christus, ich trage dich nach Hause in meine Wohnung, zu meiner Familie, in meine Gemeinschaft, in die Nachbarschaft. Meine Liebsten und mein ganzes Umfeld – da sollst auch du sein – mitten unter uns.

Christus, ich trage dich an meinen Arbeitsplatz und zu den Menschen, mit denen ich fast tagtäglichzusammen bin; zu den KollegInnen und zu den Menschen, für die ich dasein muss; auch hier sollst du zu finden sein – mitten unter uns.

Christus, ich trage dich auf den Wegen, auf denen ich unterwegs bin: durch die Straßen und Orte, über Land; ich trage dich, wenn ich einkaufen gehe; ich trage dich zu den Menschen, die mir in diesen Läden begegnen; sei du auch dort zufinden – mitten unter uns.

Christus, ich trage dich in meinem Herzen; und da begegnest du all denen, die zwar räumlich weit weg von mir sind, aber doch ganz nah in meinem Herzen: Die vielen Menschen, die ich mag und doch so selten sehen kann; die mich manche wichtige Wegstrecke begleitet haben. Sei du auch bei ihnen – mitten unter ihnen.

Christus ich trage dich durch unsere weite Welt: auch auf Reisen und im Urlaub bist du bei mir; in mir begegnest du den Fremden; und in den Fremden begegnest du mir. Wo ich auch hingehe: Du bist schon da – mitten unter uns.

Hochgelobt und gebenedeit sei das allerheiligste Sakrament des Altares – von nun an bis in Ewigkeit. Amen.