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November

2021

Allerseelen

Bruder Jeremias OSA

Allerseelen

Hl. Messe für unsere Verstorbenen mit Texten von Huub Oosterhuis

Predigt: Br. Jeremias Kiesl OSA

Musik: Valeria Galimowa, Gitarre | Eugen Mantu, Violoncello
Sprecher: Nic A. Elß | Br. Pius OSA

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November

2021

Allerheiligen

Bruder Jeremias OSA

Predigt zum Hochfest Allerheiligen am 1.11.2021 in der Brunnenkirche

Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.“ (1 Joh 3,1)

Diesen Satz dürfen wir uns heute am Fest Allerheiligen auf der Zunge zergehen lassen. Du magst dich für ein kleines Licht in Sachen Glauben halten; du magst ehrlichen Herzens dir bewusst sein, dass du hinter dem Anspruch Gottes meilenweit zurückbleibst; du magst dir im Klaren sein, dass du vor Gott mit leeren Händen stehst – aber du hast spätestens seit deiner Taufe einen Wert, den dir keine Macht der Welt nehmen kann: Du bist Gottes liebes Kind, Gottes Sohn, Gottes Tochter!

Es ist gut, wenn wir unseren Schwächen ins Auge schauen und wenn wir uns unserer Mängel und Sünden immer wieder bewusst werden. Aber es ist geradezu eine Notwendigkeit, dass wir auch glauben, dass Gott uns nicht als Mängelwesen geschaffen hat. Du wirst nicht Gottes liebes Kind, wenn du dich kräftig anstrengst und seine Gebote erfüllst, wenn du dieses und jenes Großartige vollbringst – nein, du bist und bleibst sein Kind von Anfang an! Noch bevor du dir darüber klar werden konntest, bevor du überhaupt zu denken angefangen hast: Du bist schon sein geliebtes Kind!

Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.“ (1 Joh 3,1)

Allerheiligen fordert uns auf, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Nicht wir können uns verdienen, Kinder Gottes zu werden, sondern Gott hat es uns schon geschenkt. Nicht wir können die Welt und uns selber heil machen, sondern Gott hat uns in die Gemeinschaft der Heiligen berufen; nachher im Credo werden wir uns dazu bekennen. Wir sind nicht schon alle Heilige, aber Gott kann uns alle zu Heiligen machen. Ich glaube, ER will uns wirklich heiligen. „Wir werden ihm ähnlich sein“, heißt es im Johannesbrief, „denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1 Joh 3,2).

Zwar „sind wir alle vor Gott wie Bettler“, so hat es einmal Martin Luther gesagt. Aber wir sind Bettler, die nicht leer ausgehen, sondern die von IHM alles erwarten dürfen, sogar mehr, als die kühnsten Erwartungen. Wir sind alle wie Bettler, die wie der verlorene Sohn sich unversehens in Gottes Umarmung wieder finden, wenn wir uns nur aufmachen zu ihm. Wir können alle Heilige werden, wenn wir uns die Heiligkeit von ihm schenken lassen. „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3).

In diesen Tagen denken wir besonders an unsere Verstorbenen. Nicht alles, was uns an sie erinnert, mag wie helles Licht sein. Die Schatten der Erinnerung sind manchmal nicht zu verscheuchen. Deshalb beten wir, Gott möge sein ewiges Licht für sie leuchten lassen. Dann wird das kleine, aber dennoch so wertvolle Licht, das jeder Mensch in diese Welt gebracht hat, zum großen Licht der Ewigkeit werden, das uns Trost und Ruhe schenkt. Nichts geht bei Gott verloren, alles ist aufgehoben bei ihm. Auch das kleinste Licht, das wir auf ein Grab stellen, wird dann zum Trost für uns.

Wenn der Tod uns schockiert, wenn er uns nach menschlichen Maßstäben völlig sinnlos erscheint, dann gilt doch die Ver­heißung Gottes: „sie werden getröstet werden“ (Mt 5,4). Wo uns der Trost ausgeht füreinander, da mag Gott uns trösten und die Tränen abwischen, damit wir sein Angesicht erkennen können.

Die Seligpreisungen sind formuliert wie Glückwünsche. Glück­wünsche freilich für Situationen, die wir unseren Freunden nicht unbedingt wünschen möchten. Aber sie tragen die Verheißung in sich, dass wir in dem, was uns im Leben an Schwerem wider­fährt, Christus, dem HERRN, ähnlich werden können. So wird alles, was das Leben einem Menschen auferlegt oder was er als seine Verantwortung erkennt zum Weg, auf dem Gott sein Heil verschenkt.

Und so können wir unsere eigenen Verstorbenen in der Schar der Heiligen wiederentdecken:

  • unter denen, die nicht alles an sich gerissen haben, ohne Rück­sicht auf Verluste, sondern die Gewaltlosigkeit gelebt haben, selbst wenn sie dabei den Kürzeren ziehen mussten.
  • unter denen, sich z.B. als Eltern um Gerechtigkeit gesorgt haben – und wir wissen, wie oft es uns schier unmöglich erscheint, Kindern in ihrer Individualität wirklich ganz gerecht zu werden.
  • unter denen, die nachgegeben haben und wieder und wieder Barmherzigkeit über Recht gestellt haben, trotz noch so vieler Enttäuschungen, einfach weil sie die Menschen geliebt haben – trotz allem. Unter denen, die trotz vieler Enttäuschungen nicht bitter geworden sind.
  • unter denen, die um Frieden gerungen haben in der eigenen Fa­milie, in der Nachbarschaft – wo auch immer. Selig die Frie­den stiften, denn sie erweisen sich als wahre Kinder Gottes.
  • Und wir finden unsere eigenen Verstorbenen vielleicht unter denen, die ihren Glauben bewusst und selbst-verständlich gelebt haben, trotz manchem Gespött und Belächtelt-werden, trotz mancher handfester Nachteile, die ihnen der Glaube gebracht hat.

Jedes Leben hat seine eigenen Herausforderungen und seine vielfältigen Möglichkeiten, die Heiligkeit zu leben. Das redliche Mühen von Menschen geht vor Gott nicht verloren. Durch Gottes Geist zeigt sich die Vielfalt der Heiligkeit unter den Menschen. Gott schenkt sein Heil. Er kann uns alle heilig machen. Er ist ja unser lieber Vater, und wir sind seine geliebten Kinder. Amen.

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October

2021

Reformationstag 2021

Bruder Jeremias OSA

Am Reformationstag feierte Pfarrer i.R. Martin Möslein in der Brunnenkirche das Abendmahl. Br. Jeremias war der Festprediger, Johannes Häußler und Martina Bätz von der Reglergemeinde sorgten für eine ausgezeichnete musikalische Gestaltung.

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October

2021

Sonntagsmesse mit Lobreis & Predigt zu Jes 53,10-11

Bruder Jeremias OSA

+ Jes Chr, der das Menschenlos mit uns teilte, sei mit euch!

Jesus war ein guter Lehrer. Aber er hatte schlechte Schüler – und die hat er bis heute: Schüler, die auf Stühlen sitzen wollen, anstatt sich in Bewegung zu setzen und ihren Weg zu suchen, tastend und fragend.

Auch wenn das mit Unsicherheiten verbunden ist: Trau keinem Gedanken, der dir im Sitzen kommt! – Christus geht voran. Er geht für uns den Weg in die Freiheit. Doch dieser Weg ist in Ar­mut zu bestehen. Er führt durch Schwachheit und Ohnmacht.

Kirche darf nicht zuerst ein fester Ort, eine Burg oder gar ein Machtapparat sein. Sie muss Bewegung, Wachs­tum sein, Zeugnis für den lebendigen, anwesenden Gott. - Gehen wir mit Gott? Oder wollen wir unsere Ruhe haben?

Lesung aus dem Prooheten Jesaja (Jes 53,10-11)

Der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten.

Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen.

Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.

Predigt

Wie schon vor einigen Wochen haben wir gerade wieder einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja gehört, den wir eher aus der Passionszeit kennen. Es handelt sich um einen Auszugaus dem „Vierten Gottesknechtslied“ in Deuterojesaja. Damit ist ein zeitli­cher Rahmen abgesteckt, wann dieser Text vermut­lich ent­stan­den ist: im babylonischen Exil.

Der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten“ (Jes 53,10). Das dürfen wir nicht missverstehen. Nein, Gott gefällt es nicht, wenn ein Mensch leidet. Aber es ist ebenso falsch zu den­ken, Leiden sei eine Strafe Gottes und wer leidet, sei aus Gottes Wohlwollen gefallen. Da sind manche ja schnell dabei. Auch uns selber kommt schon mal dieser Gedanke, wenn einfach nichts gelingen will... Nein, ganz im Gegenteil. Der Pro­phet Jesaja wagt die Aussage, dass der von Krankheit Zermalmte dennoch Gottes Gefallen findet.

Gott könne das geschundene Leben eines Menschen quasi als Schuldopfer nehmen, damit Zukunft möglich wird, damit Leben sich neu eröffnen kann. Ja, dieser Mensch wird sogar zum Koope­ra­tor Gottes, wenn Gottes Plan durch seine Hand gelingt. So kann Gott auch das Schlimmste noch zum Guten wenden, aus Nichts Etwas machen (vgl. Meister Eckhart), das Leben und Zu­kunft bedeutet.

Nicht erst dann handelt Gott, wenn Er Not und Leid verhindert, diesen härtesten „Fels des Atheismus“ – so drückt es der Schrift­steller Georg Büchner im 19. Jahrhundert aus. Gott steht dem leidenden Menschen bei. Er nimmt ihn in Dienst und macht ihn zum Mitarbeiter der Erlösung für „die Vielen“ – und das sind potenziell alle: Gottes Licht scheint ihm auf und er wird satt von der Erkenntnis Gottes und seiner Weisheit. Gott nennt ihn „mein Knecht“ und „der Gerechte“, der die Schuld der Vielen trägt und erträgt... (vgl. Jes 53,11).

Wer ist dieser leidende „Gottesknecht“? Man muss wohl meh­re­re Möglichkeiten in Betracht ziehen. Die „Gottesknechts­lieder“ bleiben offen für unterschiedliche Antworten.

Eine Möglichkeit ist, dass Gottes Knecht das Volk Israel selbst ist. Jerusalem ist zerstört, die judäische Oberschicht deportiert nach Mesopotamienn(heute Irak); wir nennen das die Babylonische Gefangen­schaft. Das Volk Israel hat diese Katastrophe selbst als Strafe Gottes für den Ungehorsam vor allem seiner Könige und der bezahlten Propheten gedeutet.

Am absoluten Nullpunkt aber gibt Israel nicht auf, sondern deutet seine Beziehung zu Gott ganz neu. Geschunden, ja zer­malmt erfährt das Volk Gottes, dass der HERR nicht im zerstör­ten Jerusalem geblieben ist. Er hat sein Volk ins Exil begleitet!

Dort gibt es keinen Tempel, in dem manJom Kippur, den großen Versöhnungstag, begehen könnte (erst kürzlich wurde er wieder von den Juden gefeiert), an dem alljährlich alle Schuld vergeben wird: Man lädt die Sünden auf einen Bock und treibt den dann hinaus in die Wüste. – Jetzt aber trägt Israel die Schuld und erweist sich so als Knecht Gottes. In der Fremde und am Boden zerstört erfährt es: Der HERR setzt unser Leben ein als Schuldopfer. Es braucht keinen Tempel, an dem man das große Sündenbock-Ritual vollziehen könnte. Gott handelt an uns. Er eröffnet in der Katastrophe eine neue Zukunft.

Im Exil ist diese neue Erkenntnis der Lichtblick. Man studiert die Heiligen Schriften neu. Ausgerechnet im Exil erkennt das Volk Gottes: Es gibt nicht die vielen Götter! Es gibt nur den einen Gott und HERRN, der Herr ist über die ganze Welt. Zu diesem strikten Monotheismus findet Israel ausgerechnet im Exil, am äußer­li­chen Nullpunkt – und schenkt diesen Glauben der Welt und uns bis heute. Das Volk Gottes „sättigt sich an [dieser] Erkenntnis“ (vgl. V. 11).

Bereits damals blitzt auf, dass diese Erkenntnis für „die Vielen“ Bedeutung hat. Für die ganze Welt. Freilich nicht in einem Automatismus, der alle erfasst. Diese Erkenntnis wird getragen in zerbrechlichen Gefäßen. So steht sie allen zur Verfügung, die sich ihr öffnen.

Die schreckliche Erfahrung der Shoah wurde im 20. Jahrhundert auch theologisch zur Herausforderung. Angesichts des Plans Hitlers, die Juden zu vernichten und ihre Leichen in den Kre­matorien der Lager zu verbrennen, spricht man ja auch vom „Holocaust“, was Brandopfer bedeutet. Das mag an Jes 53 erin­nern, bleibt aber problematisch. Juden verwenden eher das Wort Shoah. Dennoch haben auch jüdische Theologen diese Katastrophe als Hingabe für die Welt verstanden. Damit stellten sie sich in die Tradition, wonach das priesterliche auserwählte Volk sich für diese Welt und ihre Erlösung hingibt.

Im Deutschen geraten wir mit dem Begriff Opfer schnell auf Abwege. Viele andere Sprachen differenzieren viel stärker. Eng­lisch „victim“ bedeutet etwa, dass jemand zum Opfer gemacht wird. Unschuldig erleidet er Unrecht, gegen das er sich nicht wehren kann. – Dagegen deutet das Wort „sacrifice“ oder lat. „sacrificium“ an, dass es auch ein Opfer gibt, das jemand freiwillig bringt: Eltern etwa für ihre Kinder, oder Verliebte füreinander. Durch dieses Opfer der freiwilligen Hingabe entsteht „Heiliges“, ein Sakrament, wenn man so will, durch das Gottes Handeln hindurchscheint. Auf diese Opfer kann die Welt nicht verzichten. Davon leben wir alle.

Früh haben die Jünger den Kreuzestod Jesu vor allem als Selbst­hin­gabe gedeutet. Im Opfer Jesu am Kreuz wird die Macht des Todes, des Egoismus und Herrschen­wollens überwunden. Chris­tus lernt durch Leiden den Gehorsam, deutet der Hebräer­brief das Erlösungsgeschehen. Der gehorsame Jesus überwindet Adams Ungehorsam. In Tod und Auferweckung Christi erweistsich Gottes Kraft; sie ist stärker als Unrecht, Leid und Not: „Nie­mals vergessen – es wird regiert!“, sagte der sterbende (ev. Dogmatiker) Karl Barth.

Am Gehorsam und an der Selbsthingabe Jesu muss die Gemein­de immer wieder Maß nehmen. Mit Petrus gehören Jakobus und Johannes zum „Dreigestirn“ besonderer Beziehung zu Jesus. Aus dieser Nähe mag die Bitte, der Wunsch entsprungen sein, eine bedeutende Stellung im Reich Gottes einnehmen zu dürfen. Karrieredenken, Imponiergehabe, Erfolgsaussichten besetzen allzu leicht das Herz des Menschen. Aber es gibt auch die Lebens- und Schicksalsgemeinschaft der Christen mit Jesus im Leiden. Das werden wir nachher im Evangelium hören.

Uns mag trösten, dass Gott uns auch im Leid nahe bleibt. Und dass er auch aus dem scheinbar sinnlosen Leiden Gutes wirken kann. Amen.

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October

2021

"Daher betete ich - und der Geist der Weisheit kam zu mir" (Weish 7,7)

Bruder Jeremias OSA

Predigt von Br. Jeremias OSA am 10.10.2021 in der Brunnenkirche zu Erfurt
(28. Sonntag im Jahreskreis B)

Schrifttext: Weish 7,7-11

Daher betete ich und es wurde mir Klugheit gegeben; ich flehte und der Geist der Weisheit kam zu mir. Ich zog sie Zeptern und Thronen vor, Reichtum achtete ich für nichts im Vergleich mit ihr. Einen unschätzbaren Edelstein stellte ich ihr nicht gleich; denn alles Gold erscheint neben ihr wie ein wenig Sand und Silber gilt ihr gegenüber so viel wie Lehm. Mehr als Gesundheit und Schönheit liebte ich sie und zog ihren Besitz dem Lichte vor; denn niemals erlischt der Glanz, der von ihr ausstrahlt. Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir, unzählbare Reichtümer waren in ihren Händen.

Predigt

Eigentlich müsste man dieses siebte Kapitel des Weisheitsbuches wirklich ganz von vorne lesen. Der Verfasser bekennt nämlich zu­nächst seine Sterblichkeit und „in Windeln und Sorgen wurde ich aufgezogen“, wie alle Menschen, vom Bettler bis zum König. „Alle haben den gleichen Eingang zum Leben, gleich ist auch der Ausgang“ (Weish7,6).

Wir werden an Psalm 90 erinnert, aus dem wir vorhin einige Verse gesungen haben: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“ (Ps 90,12). Noch deutlicher über­setzt Luther: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Der Tod mag erschrecken. Wir halten ihn so lange es geht auf Distanz. Und doch lohnt es sich, nein, macht es uns weise, das Sterbenmüssen im eigenen Leben zu akzeptie­ren. Denn aus dieser Perspektive bekommt alles seinen Platz und relativiert sich manches „Müssen“, das uns vor sich hertreibt.

Jetzt erst setzt unser heutiger Textabschnitt ein. Das erste Wort wurde wie die ersten sechs Verse weggelassen: „Daher betete ich...“ Die eigene Endlichkeit lässt erkennen, wie wenig wir aus eigener Kraft vermögen. Die Lebensklugheit, nach der wir uns ausstrecken – wo soll man sie finden? Gott allein kann und muss uns eine Klugheit, ja den Geist der Weisheit schenken, der unsere Beschränktheit weitet.

Oft leben Menschen sehr gut ohne nach Gott zu fragen. Es gibt ja genügend Angebote, das Leben in eigener Regie zu meistern: gute und weniger gute. Da muss man doch nicht immer gleich nach Gott fragen! Und wenn doch, dann ist das manchmal wie ein Sahnehäubchen oder die Kirsche oben drauf. Beiwerk, aber nicht sooo wichtig?

Na, besser, man fragt nicht zu viel nach Gott, denn wenn ER die Regie meines Lebens übernähme....? Wollte ich das wirklich? Der alte Wurm beginnt wieder zu nagen: Gönnt Gott mir die Lust am Leben? Ist er nicht doch eher der Spielverderber, bei dem vor allem verboten ist, was Spaß macht? Vorsicht, dass er dich nicht in seine Nachfolge ruft!

Vielleicht denkst du gar nicht so, und ich übertreibe mal wieder maßlos! Vielleicht hast du eine gute Beziehung zu deinem Gott, und er gibt dir Kraft. Er bestärkt dich auf deinem Weg, und ja, wenn es mal eng wird, dann würde er sicher ein Halt für dich sein.

Wirklich? – Machen wir Gott da nicht zum Sahnehäubchen, damit unser selbstbestimmtes Leben an seinen Brüchen und Rändern doch noch etwas abzurunden ist?

„Hauptsache gesund!“, sagen wir, wenn wir uns zum Geburtstag gratulieren – oder nun auch verstärkt in der Pandemie. Hauptsache gesund, sagen die Leute, wenn sie zur Geburt eines Kindes gratulieren. Meine Nichte kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Hauptsache gesund!? – Ist das wirklich die Hauptsache?

Schön wollen wir sein, und etwas Glanz sollte schon auf uns fallen! Dafür betreiben wir einigen Aufwand. Ich staune, was man alles auf Haut und Haare auftragen kann, um jünger und zarter auszusehen... Schönheit oder Fitness kann zur Ersatzreligion werden. Hauptsache schön und jung, fit und gesund?!

Ich bin froh, dass ich derzeit keine Geldnot habe. In meiner Fa­mi­lie musste ich schon andere Zeiten erleben. Aber selbst mit dem Gelübde der Armut – finanziell hat unsere kleine Kommunität ihr Auskommen. Wir können auch mal etwas großzügiger spenden, und werden doch kaum etwas von dem einsparen müssen, was wir uns gerne gönnen. Darüber bin ich froh.

Ich bin aber auch froh, dass mich diese relative Sicherheit ruhig macht. Es gibt auch andere Menschen, die immer noch mehr Sicherheit brauchen – und deshalb immer weiter verschie­ben, wofür sie doch eigentlich leben wollten. Wie will man getrieben vom Erfolg und beruflichen Aufstieg dem HERRN nachfolgen? Später mal, wenn die Rente kommt? Wirklich?!

Der Verfasser des Weisheitsbuches weiß, dass die wahre Lebens­könner­schaft Gott schenken muss. Und Gott schenkt seinen Geist der Weisheit denen, die ihn darum bitten. „Zugleich mit ihr (der Weisheit) kam alles Gute zu mir, unzählbare Reichtümer“ (Weish 7,11).

Das kann der Mann, der Jesus nach Ewigen Lebens fragt, nicht glauben. Dabei umarmte ihn Jesus so liebevoll... Können wir begreifen, dass Jesu Umarmung uns schon so reich beschenkt hat? Fehlt noch etwas? Meine Antwort? Vielleicht zuerst meine Bitte, dass Gott mir seinen Geist der Weisheit schenken möge. Amen.