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November

2021

Christkönig | Ewigkeitssonntag - Predigt zu Offb 21,1-7

Dorothea Höck

Lesung aus dem Buch der Offenbarung (Offb 21, 1-7)

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Predigt von Dorothea Höck

Liebe Gemeinde, das Christentum ist eine eigenartige Religion: Es beginnt mit der Gewissheit, dass es mit unserer Welt zu Ende geht. Im Zentrum der Verkündigung Jesu steht das nahe Reich Gottes. Das letzte Buch der Bibel beschreibt, wie sich prophetische Verheißungen von der Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde in nächster Zukunft erfüllen. Am Anfang unseres Glaubens steht die sehnliche Hoffnung auf ein Ende der derzeitigen Welt und den Beginn von etwas radikal Neuem durch die Wiederkunft des auferstandenen Christus.

Fast zweitausend Jahre sind seither vergangen, ohne dass sich diese Hoffnungen erfüllt haben. Wir sind, könnte man sagen, immer noch in der alten Welt. Oder?

Vielleicht können wir die Offenbarung des Johannes anders lesen, sogar mit einigem Gewinn? Ich versuche es, ohne damit zu einem Ende zu kommen.

Wir verdanken das letzte Buch der Bibel dem Judenchristen Johannes, der wohl aus der Gemeinde in Ephesus in der heutigen Türkei stammt und wegen seines Glaubens auf die nahegelegene Insel Patmos verbannt war. In der biblischen Forschung ist man sich heute darüber einig, dass seine Schrift weniger als Apokalypse, als Enthüllung einer bis dahin verborgenen Zukunft, sondern als prophetische Vision zu lesen ist. Sie ist voller Zitate aus den prophetischen Büchern und Psalmen der Bibel. Dabei ist die Blickrichtung von Johannes eine besondere: Er deutet seine Gegenwart vom, wie er glaubt, unmittelbar bevorstehenden Ende unserer Welt her. Sein Buch schildert nicht weniger als das Drama der gesamten Weltgeschichte als Kampf zwischen Gott und seinem Gegenspieler bis zur Vollendung. Es endet siegreich für Christus, den Fürsten aller Könige, und seine Gemeinde.

Die Welt, in der die ersten christlichen Gemeinden am Ende des ersten Jahrhunderts leben, ist der Horror. Wenige Jahre vor der Abfassung unseres Buches brannte Rom. Die Christen wurden der Brandstiftung beschuldigt und viele von ihnen auf unvorstellbar grausame Weise getötet. Dieses Ereignis und die Verfolgung der jungen Gemeinden durch die römischen Kaiser sind der Hintergrund der Bilder vom endzeitlichen Kampf in der Vision des Johannes.

All diese Schrecken werden ein Ende haben, schreibt er: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.“

Auf der neuen Erde wird das Meer fehlen. Die Freundinnen und Freunde sonnenverwöhnter Küsten mögen sich das gar nicht vorstellen. Doch für die Menschen der Bibel verkörperte das Meer das alles verschlingende unberechenbare Chaos, das durch den Schöpfungsakt gebändigte Tohu wa Bohu. Irrsal und Wirrsal konnten jederzeit auf der Erde einbrechen und alles vernichten wie bei der Sintflut.

Auch unsere Sprache ist von solchen Bildern geprägt: Ist nicht gerade allerorten die Rede von einer vierten Welle? Auch wurden wir erst vor wenigen Monaten Zeugen entfesselter Fluten, die in unsere eigene scheinbar sichere Welt Tod und Zerstörung brachten. Das Gefühl einer steten Bedrohung unserer Welt ist uns nicht fremd. In manchen Momenten erscheint sie uns womöglich als Alptraum. Manchmal sehnen wir uns auch nach einer anderen Wirklichkeit. Johannes hat sie gesehen: Gott sprich zu ihm von seinem Thron aus: „Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! … Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“ A und O meint den ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, Alpha und Omega.

Gott verheißt nichts weniger, als dass er die Beständigkeit der Heilsgeschichte garantiert und die Versprechen einlöst, die er den Menschen gab.

In der neuen Welt werden wir vor nichts mehr Angst haben müssen. Sie erscheint als neues Jerusalem: Nicht das wieder aufgebaute alte, sondern ein Jerusalem, das keinen Tempel braucht, weil die ganze Stadt Wohnstätte Gottes ist. „Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Doch ist das nicht eine von der Menschheitsgeschichte überholte Illusion?

In der Evangelischen Kirche haben wir an diesem Wochenende Ewigkeitssonntag. Das 21. Kapitel der Johannesoffenbarung ist für diesen Sonntag vorgeschrieben. Nicht nur im Hinblick auf eine ferne Zukunft soll er zu uns sprechen, sondern in die Gegenwart. Am Ewigkeitssonntag halten die Gläubigen inne und erinnern sich angestorbene liebste Angehörige und Weggefährten. Sie bringen Trauer und Schmerz und manche Frage vor Gott und suchen Trost. Gott wird alle Tränen abwischen, heißt es – aber die Tränen dürfen sein. Trau­er kann uferlos sein und ist nicht messbar – wir trauern ja nicht nur um Men­schen, die gestorben sind, sondern auch über den Verlust von Freundschaften und über die Fragilität der vertrauten Welt. Der Ewigkeitssonntag erinnert daran, dass Trauern in unserem Leben einen Raum braucht, dass ich nicht eines Tages ausgetrauert haben muss, weil das vielleicht andere Menschen stören könnte oder ungeduldig macht. Einen Verlust tragen wir ein Lebenlang mit, die Trauer kann sich allenfalls verwandeln, die Lücke bleibt.

Mit Worten von Mascha Kaleko:

Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur, /
Doch mit dem Tod der andern muss man leben."

So ist das, und gleichzeitig sehnen wir ein Ende der Traurigkeit, der Schwere herbei, die unserem Leben oft eine dunkle Grundierung verleiht. Unser Glaube verleiht dieser Sehnsucht Ausdruck, wie im 126. Psalm:

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Solche Worte geben unserem Leben in mancher gegenwärtigen Dunkelheit einen Ausblick ins Helle. Und das nicht in einem fernen Jenseits.

Gott ist ja nicht in ferner Zukunft wirklich, sondern jetzt und immer.

Dazu lohnt es sich, eine uns eher fremde Vorstellung von der Zeit anzusehen.

Nach der Bibel ist die begrenzte Zeit unseres Erdenlebens überwölbt von der anderen Wirklichkeit Gottes. Die Redewendung: „1000 Jahre sind bei Gott wie ein Tag“ versucht das auszudrücken. Doch fällt es uns schwer, uns die Zeit als etwas anderes als eine Linie vorzustellen, die von der Vergangenheit zu uns läuft über den Jetztpunkt der Gegenwart und dann weiter in die Zukunft. Wir gehen mit der Zeit, sagen wir manchmal. Doch die Zeit geht gar nicht mit uns, sie kommt uns aus der Zukunft entgegen. Gottes Zeit ist anders.Wir behelfen uns mit dem Wort Ewigkeit. Das meint die ganze Fülle der göttlichen Zeit, die gleichzeitig in einem Moment und immer gegenwärtig ist. Zum schwindlig-werden. Der Mystiker Meister Eckhart, spricht vom „Ewigen Nu“ als der Wirklichkeit Gottes in unserer Seele. Gott wohnt bei den Menschen, aber nicht an einem konkreten Ort in dieser Welt, sondern in der menschlichen Seele. In einer Predigt sagt Eckhart: „Ich habe auch schon oft gesagt, dass die Seele eine Kraft ist, … die weder mit der Zeit noch mit der Vergänglichkeit in Berührung kommt; … In dieser Kraft lebt Gott und grünt und blüht dort voller Freude und in ganzer Pracht, …Gott ist ... in dieser Kraft wie in einem ewigen Nu. … Deshalb gibt es in ihm kein Leid und keine Zeit, sondern nur unveränderliche Ewigkeit.“1

Nach Meister Eckhart ist Gott A und O, Anfang und Ende in unserer Seele. Da rückt die Vision des Johannes näher an uns heran. Gott grünt und blüht in unserer Seele, wenn wir ihn lassen, jetzt, nicht in ferner Zukunft.

Aber ermuntert uns Eckhart damit nicht zur Weltflucht, wie es heute Menschen tun, die vieles in unserer Gegenwart nicht mehr ertragen wollen oder können? Nein. Einer der für mich wichtigsten Merksätze von Eckhart ist: „Wer Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebenso gut wie in der Kirche oder in der Einöd oder in der Zelle.“ Es geht hier nicht ums private Seelenheil.

Gott hat sich der Welt angenommen, und darin sollten wir ihm nachfolgen. Nach jüdischen Überlieferungen geht Gott mit seinem Volk ins Exil und teilt sein Schicksal. Nach christlicher Überlieferung erleidet der menschgewordene Gott alles, was Menschen Schlimmes widerfahren kann. Gott weiß, was Leiden heißt.

Eine jüdische Geschichte erzählt vom Mitleid Gottes: „Als Gott die Leiden seiner unter den Völkern zerstreuten Kinder sieht, vergießt er zwei Tränen, die in den Ozean tropfen; beim Fallen machen diese Tränen einen solchen Lärm, dass man es vom einen Ende der Welt zum anderen hört.“2 Ich glaube, dass Gott auch in unserer Zeit manche Träne vergießt. Das ist manchmal wie ein Trost für mich.

Gott will unser Trost sein – und wir sollen einander Trost sein. Von Thomas von Aquin sind uns sieben Tröstungen, sieben Heilmittel gegen die Leiden der Seele überliefert: Weinen, Mitleid der Freunde, Einsichten und Erkenntnis, Schlaf, Bäder und jede Freude.3 Gott hat uns so geschaffen, dass wir einander trösten können. Er gab uns eine liebende Seele, in der er grünt und blüht. Wir können einander Zuwendung und Schutz geben und uns als vertrauenswürdig erweisen - Das kann ein Vorgeschmack der Ewigkeit sein. So wird die Vision des Johannes Gegenwart und bleibt gleichzeitig Gegenstand unserer Sehnsucht. Wir sind über unseren Tod hinaus aufgehoben bei ihm, so wie es der Spruch auf jüdischen Grabsteinen verheißt: „Ihre Seele wird eingeschrieben sein im Buch des Lebens.“ Wir fallen nie aus Gottes Hand.

Amen.

1 Von der Stadt der Seele Predigt Nr. 2, in: Dietmar Mieth: Meister Eckhart, Übers. der Predigt über Luk 10, 38, S. 117f

2 Eli Wiesel: Macht Gebete aus meinen Geschichten, Freiburg 1986, S. 64.

3 Vgl. Dt Thomasausgabe, Bd 10, Quaestio 38, zitiert in: Rudolf Walter (Hg): Lob der sieben Tröstungen, Freiburg 1982, S. 10

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November

2021

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen

Bruder Jeremias OSA

"Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Mk 13,31)

Predigt von Br. Jeremias am 33. Sonntag B in der Brunnenkirche zu Erfurt; Fotos: unsplashed.com

Lesung aus dem Buch Daniel (Dan12,1-3).

In jener Zeit tritt Michael auf,
der große Fürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt.
Dann kommt eine Zeit der Not,
wie noch keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit.

Doch zu jener Zeit wird dein Volk gerettet,
jeder, der im Buch verzeichnet ist.
Von denen, die im Land des Staubes schlafen,
werden viele erwachen,
die einen zum ewigen Leben,
die anderen zur Schmach,zu ewigem Abscheu.
Die Verständigen werden glänzen wie der Glanz der Himmelsfeste
und die Männer, die viele zum rechten Tun geführt haben,
wie die Sterne für immer und ewig.


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus (Mk 13,24-32).

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
In jenen Tagen, nach jener Drangsal,
wird die Sonne verfinstert werden
und der Mond wird nicht mehr scheinen;
die Sterne werden vom Himmel fallen
und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

Dann wird man den Menschensohn
in Wolken kommen sehen,
mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Und er wird die Engel aussenden
und die von ihm Auserwählten
aus allen vier Windrichtungen zusammenführen,
vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum!
Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben,
erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.
So erkennt auch ihr,
wenn ihr das geschehen seht,
dass er nahe vor der Tür ist.

Amen, ich sage euch:
Diese Generation wird nicht vergehen,
bis das alles geschieht.
Himmel und Erde werden vergehen,
aber meine Worte werden nicht vergehen.
Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand,
auch nicht die Engel im Himmel,
nicht einmal der Sohn,
sondern nur der Vater.

Predigt

„Wo liegt hier die Frohe Botschaft?“, könnte man aus einem ers­ten Impuls heraus fragen. Ich gebe zu, dass ich kein besonders „eschatologisch denkender Mensch“ bin – also einer, der das Ende gerne in den Blick nimmt – und Hoffnung und Kraft für die Gegenwart schöpfe ich daraus auch eher nicht. Als Priester sollte ich das eigentlich. Als Christen sollten wir das alle können und so Christus auch vom Ende her bezeugen.

Aber meine Reaktion auf die Texte des vorletzten Sonntags im Kirchenjahr sind nun mal gedämpft: Mir wird immer etwas mul­mig. Und: Ich will keine Angst machen vor dem Weltuntergang!

Auf den zweiten Blick entdecke ich: Jesus will das vielleicht auch nicht, Angst machen. Eher im Gegenteil. Woher also meine erste Reaktion?

Ich lebe ein Leben, in dem es mir (sehr) gut geht. Ich kann meinen Glauben frei leben. Mein Beruf macht mir Spaß. Ich erlebe jede Woche so Vieles, was mir kostbar ist. Viele Beziehungen werden mir geschenkt, nicht zuletzt durch meinen Beruf. Oft habe ich das Gefühl, die Tage sind zu kurz. Ich kann leider nicht allem und allen gerecht werden. Aber wenn mich jemand fragt: Für mich könnte dieses Leben gerne ewig so weitergehen.

Anders die Gemeinde, in der dieses Evangelium entstanden ist. Sie entdeckt in den Bildern der Daniel-Apokalypse – einen Auszug daraus haben wir heute als Lesung gehört – die Folie, eigene Sor­gen und Hoffnungen zu beschreiben. Der Erzengel Michael tritt auf und rettet das Volk Gottes aus größter Not. Und die war zur Zeit der Entstehung der Daniel-Apokalypse (also etwa um 150 vor Christus) enorm. Nur mit Mühe hatte das jüdische Volk die Herr­schaft des hellenistischen Königs Antiochus IV überstanden, der sich selbst „Epiphanes“ nannte, sich als göttliche Manifestation verehren ließ.  

Da wurde kein Widerspruch geduldet. Antiochus IV Epiphanes versuchte mit brachialer Gewalt, die griechische Kultur seinem ge­sam­ten Reich aufzudrücken, um einer Vereinheitlichung willen: gemeinsame Götter, sportliche Wettkämpfe, eine einheitliche Sprache... So sollte sein Viel-Völker-Reich besser zu regieren sein.

Den Widerspruch aus dem Jüdischen Volk kennen wir durch den Makkabäeraufstand – eben auch seine brutale Niederschlagung. War damit alle Hoffnung verloren, als Volk Gottes überhaupt noch leben, überleben zu können?

Das Buch Daniel sieht nur den Ausweg, dass Michael auftritt und eingreift, der einst sogar Satan in die Schranken weisen konnte. Es gibt einen Plan Gottes. Im Buch des Lebens sind die Namen derer verzeichnet, die gerettet werden. Und falls sie schon gestorben sind – oder ermordet wurden – werden sie erwachen zu ewigem Leben. Das wird aber auch Gericht sein: Die Abtrünnigen werden erwachen zu Schmach und ewiger Abscheu.

Die wahren Stars sind die Verständigen, die an Gottes Gebot festhielten und andere entsprechend lehrten. Sie glänzen mit den Sternen um die Wette – nach alter Vorstellung Lichtfenster der Himmelsfeste. Sie sind also bereits mit der Wohnung Gottes eng verbunden.

Und nun die Kirche Jesu Christi, die Gemeinde des Markus. Wir müssen sie uns als kleines, verstreutes Häufchen vorstellen: Ausgrenzung, Verlust an Anerkennung und Lebensmöglichkeiten, Ein­schrän­kungen bis hin zur Verfolgung, die nackte Not...

In den Ohren dieser Gemeinde klingt das Evangelium sicher ganz anders als in den meinen: „In jenen Tagen, nach der großen Not....“ (Mk 13,24). Die Not hat einmal ein Ende! Gott sei Dank! Es ist ein Trost, dass es so nicht ewig weitergehen wird. Es gibt ein Ende, und da steht Jesus sichtbar über dem Chaos dieser Welt. So undeutlich seine Stimme oft zu hören ist - dann wird er alle seine Auserwähl­ten laut rufen und „aus allen vier Windrichtungen zu­sammenführen“, wo immer sie verstreut sein mögen, „vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“ (Mk 13,27).

Gottes Wort wird dann auch den Einsamsten und Verlas­sens­ten erreichen. Wir kommen ans Ziel, das Gott uns berei­tet. Er führt aus der Diaspora heraus in die Gemeinschaft der Hei­li­gen. Be­drohliches Chaos, Hoffnungslosigkeit und Zweifel ha­ben ein Ende.

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mk 13,31), sagt Jesus. Der erste Teil des Satzes wird auch von den Naturwissenschaften bestätigt. Alles – das gesamte Universum, wie es jetzt existiert – ist bereits im Untergang begriffen. Möglicherweise gab es einen Urknall, sicher wird alle Masse des Weltalls einmal ineinander stürzen. Das mag noch sehr lange dauern und für uns persönlich weit weg sein.

Ganz individuell und für jeden zu seiner Zeit wird der Zusammen­bruch der eigenen Welt geschehen, wenn wir uns im Tod von hier einmal verabschieden – früher oder später; aber ganz sicher. – Das ist alles, was wie mit den Wissenschaften sagen können.

Der zweite Satz Jesu ist das große Plus unseres Glaubens: „Meine Worte werden nicht vergehen“. Das ergänzt Jesus zu dem, was wir auch mit den Wissenschaften einsehen müssen. Seine Worte... Zum Beispiel: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben, und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Das ist eines der großen „Ich-bin-Worte“ Jesu im Johannes-Evangelium. „Ich bin der gute Hirte – die Tür (zu den Schafen)...“ - „Ich bin“, sagt Jesus. „Ich bin der ich bin“, sagt Gott im brennenden Dornbusch. Genauer übersetzt heißt das vielleicht am ehesten so: „Ich bin der Seiende“. Der ohne Werden und Vergehen. Der ist und der war und der kommen wird... Im Festhalten an Jesu Wort halten wir uns fest an dem, der einzig ist.

Alles, worum ich mir jetzt so viele Sorgen mache, all der Stress, den ich mir aufbürde, all die Hast und Hetze auf dieser Erde, ja sogar die Vorstellungen vom Himmel und himmlischen Glücks­sehn­süchten, denen wir nachjagen – sie werden vergehen. Was wirklich bleibt, ist der HERR, der mich ruft: der mich in dieses Leben rief und der mich seit der Taufe schon ins ewige Leben rief.

Das ist die große Freiheit, die wir Gläubigen uns immer wieder nehmen dürfen. Wir brauchen die Sorgen unseres Alltags nie zu hoch hängen. Sie sind und bleiben höchst vorläufig. Wir dürfen unseren Alltag Sonntag für Sonntag relativieren lassen durch das Wort des HERRN, das uns begegnet und uns zum Leben ruft.

Auch heute kommt er uns entgegen. Das Evangelium erzählt also nicht nur die Vision vom Ende aller Tage. Wir nehmen durch Gottes Wort in der Eucharistie die Vision der großen Sammlung schon vorweg, als Vorwegbild der großen Sammlung der Gemein­schaft der Heiligen am Ende. Aus der Zerstreuung des Alltags hat der HERR uns hierher zusammengerufen. Er kommt uns hier und heute entgegen in seinem lebendigen Wort. Er sagt uns: „nehmt und esst – nehmt und trinkt – tut dies zu meinem Gedächtnis“: Ich bin schon immer unterwegs zu euch, damit ihr das Leben habt, und es in Fülle habt.

Das relativiert alles. Daran darf ich alles messen. Eucharistie wird so wirklich zum Dank aus ganzem Herzen, dass das letzte Wort über mein Leben der rettende Gott hat und nicht das, worum ich mir ständig (zu viele) Sorgen mache. „Dein Volk wird in jener Zeit gerettet“ (Dan 12,1), haben wir aus dem Buch Daniel gehört. Das ist keine Vertröstung auf irgendwann, das ist schon Wirklichkeit, hier und jetzt. Wir sind und bleiben Gottes Erlöste. Amen.  

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November

2021

Augustins Geburtstag 2021

Bruder Jeremias OSA

Ein "Brief Augustins nach Thüringen" an seinem 1667. Geburtstag

Fest Ordensallerheiligen & Gebetstag um Berufungen im Geiste Augustins

am 12./13.11.2021 in der Brunnenkirche zu Erfurt


Liebe Gemeinde in Erfurt,

ich grüße euch aus dem in dieser Jahreszeit angenehm milden Nordafrika! Bei euch in Thüringen ist es jetzt sicher kühl. Regnet es? Dann seid froh darum. Hier könnten wir mehr Wasser brauchen. Die Wüste frisst sich allmählich nach Norden...

Mehr als die Sonne Afrikas brennt mir unter den Nägeln die Sorge um einen Glauben, der trägt. Das ist der Unterschied zu euch: Alle Afrikaner sind gläubige Menschen. Es wimmelt hier von den verschiedensten Religionen und Sekten! Meine Bischofsstadt ist die große Hafenstadt Hippo Regius! Ihr lacht? Achso: Hippo klingt nach Hippie und „Gammler“. Doch unterschlagt den Beinamen „Regius“ nicht! Der bedeutet „die königliche“!

In der Tat bietet die Großstadt beides: Glanz und Elend, Kultur und Verfall, Glaube und Aberglaube. Unser Hafen ist einer der bedeutendsten Nordafrikas. Für mich ist Hippo die Königin! Als Bischof bin ich auch Streitschlichter und Richter in den alltäglichen Dingen. Alle kommen zu mir und belagern mich, kaum dass die Sonne aufgegangen ist: „Augustinus, hilf mir, der Händler hat mich übers Ohr gehauen!“ – „Meine Frau betrügt mich! Was soll ich nur tun?“ - „Ich kann meine Familie nicht mehr ernähren!“ usw. – Ich kann euch sagen: Manchmal bin ich schon mittags so erschöpft...

Hier also diene ich dem Evangelium! Oft möchte ich einfach meine Ruhe haben – wie damals, als ich nach meiner Bekehrung mit meinen Freunden bei guten Gesprächen ein Leben in Stille und Gebet führen konnte. Damals dachte ich: Jetzt bist du am Ziel! So willst du leben.

Aber Gott hatte noch ganz anderes mit mir vor und riss mich aus dem stillen Kloster. Er fädelte es so ein. Ich war hier in Hippo auf der Durchreise. Natürlich besuchte ich sonntags die Kirche und stellte mich ganz hinten hin. Doch der alte Bischof hatte mich wohl erkannt. So gebrechlich er war: Augen hatte er wie ein Falke! Wie beiläufig schlug er das Thema an, wie dringend er Hilfe brauche. Zu reden mache ihm so viel Mühe. Er sei ja Grieche und sein Latein miserabel. Die Leute von Hippo verdienten wahrlich Besseres.

Damals hatte sich meine neue Art klösterlichen Lebens längst herumgesprochen. Früher hieß Mönchsein, als Einsiedler zu leben. Ich hätte das nie gekonnt – und nicht gewollt! Immer waren Menschen um mich. In allen Phasen meines Lebens war ich umgeben von einem großen Freundeskreis. Es musste doch möglich sein, in Gemeinschaft Gott zu suchen! Mit Freunden gemeinsam auf dem Weg zu Gott sein! Das wurde mein Ideal! Genau so verwirklichte ich es in meinem Elternhaus.

Das sprach auch viele andere an. Männer und Frauen gründeten an ihren eigenen Wohnorten  Gemeinschaften. Ich gab ihnen den Rat: Lasst euch ganz aufeinander ein! Aber behandelt nicht alle gleich! Ihr seid ja nicht gleich: Jeder hat andere Bedürfnisse. Habt keine Angst vor Unterschieden. Sie sind euer Schatz! Doch übernehme jeder Verantwortung und prüfe sich selbst, was er wirklich braucht! Beherzigt den Grundsatz: Wenig brauchen ist besser als viel haben! – So steht es in meiner Regel für die Gemeinschaft, die älteste und wohl kürzeste Klosterregel. Es braucht nicht viele Vorschriften. Wichtig ist die Haltung, wie wir sie in der Urgemeinde finden: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Sie hatten alles gemeinsam, und jedem wurde zugeteilt, was er nötig hatte“ (vgl. Apg 2,44f).

Schert auch ihr nicht alle über denselben Kamm! Lasst Luft zwischen euch! Lasst Gottes Geist wehen! Glauben braucht Vielfalt! Gebt einander Raum in euren Gemeinden! Manchmal müsst ihr euch gegenseitig ertragen. Ein jeder von euch stelle das Gemeinsame über das Eigene. Gott schenke es euch!

Viele dieser neuen Klöster unterstütze ich mit meinem Besuch. Eigentlich habe ich nichts Neues erfunden, sondern den Schatz der Schrift neu entdeckt. Als junger Mann war ich lange Zeit enttäuscht von der Schlichtheit der Bibel. Ich hatte immerhin Redekunst studiert, war sogar Professor und hochdotierter Staatsredner! Mir half Bischof Ambrosius von Mailand. Seine Predigten öffneten mir die Tür zur Bibel.

Es ist oft mühsam, die Bibel zuverstehen. Vielleicht kennt ihr das ja. Daher verbündet euch mit denen, die schon mehr Erfahrung haben! Helft einander, das Wort Gottes zu finden, diesen Schatz für unser Leben! Als ich das begriffen hatte, wollte ich nur noch als Christ leben. Auch im Kloster sollst du vor allem Christ sein! Liebe Gott und den Nächsten wie dich selbst – darum geht es für uns alle!

Ach ja: Ich war also damals unterwegs zu den jungen Gemeinschaften. Als der alte Bischof von seiner Not sprach, wurde ich vor die Cathedra geschoben: „Augustinus kann doch Priester werden und dir helfen!“ Ich wusste nicht, wie mir geschah. Tränen kullerten mir aus den Augen. Ich sehnte mich nach der Ruhe meines Klosters ...

Viele redeten auf mich ein. Ich hörte alles nur wie durch einen Schleier. Da war so viel Not bei diesen Menschen. Da war auch so viel Sehnsucht nach Gottes Geist. Da waren einfache und gebildete Menschen vereint in ihrer Suche nach einem Sinn. Selten hatte ich das so deutlich gespürt: Die Menschen sind nicht abgestumpft. In jedem ruft es nach Gott!

Damals begriff ich: Ich wollte meine Ruhe haben, aber Gott braucht mich hier! Heute weiß ich: Schon dreimal rief Gott mich zur Umkehr. Zum ersten Mal, als ich in der Jugend den Glauben meiner Mutter Monika verloren und mich sogar einer großen Sekte angeschlossen hatte. Da stachelte er mich an, das Gute und Wahre zu suchen. Ich las Cicero und wurde Philosoph: Wahrheitssucher. Zum zweiten Mal hat Gott in meinem Innern geblitzt und geleuchtet. Ich war mir selber zum Rätsel geworden, aber Gott hatte mich längst erkannt und gepackt. Er sorgte dafür, dass ich die richtigen Leute traf, vor allem Bischof Ambrosius. Bis ich erkannte: Gott ist die Wahrheit, die ich schon so lange suchte.

Und nun zum Dritten das: Feste Männerfäuste zerren mich vor den Altar und verlangen, dass ich ihr Priester würde. So willige ich ein. Gott gönnt mir offenbar nicht die Abgeschiedenheit des Klosters. Er will, dass ich da bin für andere, für seine Gemeinde, für die Not der Kirche heute.

Bis zum heutigen Tag leben Menschen nach meiner Klosterregel, um als Gemeinschaft sich in den Dienst am Reich Gottes nehmen zu lassen, vor allem in den Städten. – Was ist mit euch? Wollt auch ihr im Bistum Erfurt am Reich Gottes mitarbeiten?

An all das denke ich, wenn ich diesen Brief an euch schreibe. Der Vormittag ist vorbei, und die Menschen, die das Bischofshaus mit ihren Sorgen und Nöten aufgesucht hatten, sind erst mal wieder fort. Morgen werden sie wieder kommen. Aber so sehr ich mich manchmal nach Ruhe sehne: Welch Wunder, dass der HERR mich brauchen kann! Ich werde gewürdigt, als Lasttier des Herrn zu arbeiten. Er packte mir viele Bündel auf: Er schickte mich in die Seelsorge, ich mühe mich um die Ökumene, spreche mit unseren Politikern, kümmere mich um die Caritas, schreibe Briefe, um Lebensfragen zu beantworten, predige und rede mit den Menschen...

Wir suchen die Ruhe und schaffen allenfalls Zerstreuung, die uns wegführt von dem, der unsere eigentliche Sehnsucht ist. Den Wunsch nach Ruhe kann nur ER stillen: Wenn ich einmal ganz bei ihm sein werde. Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, mein Gott!

Diese geistliche Unruhe wünsche ich euch, meine lieben Thüringer, und die Liebe zu den Menschen, für die ihr Zeugen Jesus Christi sein sollt!

Euer Augustinus,
Bischof von Hippo Regius (Afrika).

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November

2021

Heiliger Soldat, Mönch und Bischof Martin

Bruder Jeremias OSA

Predigt in der Messe am 11.11.2021 | Martinstag
in der Brunnenkirche (Erfurt)
von Br. Jeremias Kiesl OSA

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November

2021

Elija und die Witwe von Sarepta (32. So B)

Bruder Jeremias OSA

Lesung aus dem ersten Buch der Könige (1 Kön 10-16).

In jenen Tagen machte sich der Prophet Elíja auf
und ging nach Sarépta.
Als er an das Stadttor kam,
traf er dort eine Witwe, die Holz auflas.

Er bat sie:
Bring mir in einem Gefäß ein wenig Wasser zum Trinken!
Als sie wegging, um es zu holen,
rief er ihr nach: Bring mir auch einen Bissen Brot mit!

Doch sie sagte: So wahr der Herr, dein Gott, lebt:
Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Handvoll Mehl im Topf
und ein wenig Öl im Krug.
Ich lese hier ein paar Stücke Holz auf und gehe dann heim,
um für mich und meinen Sohn etwas zuzubereiten.
Das wollen wir noch essen und dann sterben.

Elíja entgegnete ihr: Fürchte dich nicht!
Geh heim und tu, was du gesagt hast!
Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck
und bring es zu mir heraus!
Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten;
denn so spricht der Herr, der Gott Israels:

Der Mehltopf wird nicht leer werden
und der Ölkrug nicht versiegen
bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet.

Sie ging
und tat, was Elíja gesagt hatte.
So hatte sie mit ihm und ihrem Haus viele Tage zu essen.
Der Mehltopf wurde nicht leer
und der Ölkrug versiegte nicht,
wie der Herr durch Elíja versprochen hatte.

Predigt von Br. Jeremias

Die Witwe von Sarepta bei Sidon fasziniert mich. Sie sorgt für den Propheten Elija, obwohl der doch maßgebliche Verantwor­tung für ihr Schicksal trägt. Zwar liefert sie sich einen kleinen Dis­put mit dem Propheten aus dem Ausland (sie selber ist ja Phö­niz­ierin; was hat sie eigentlich mit diesem Mann zu schaf­fen?), aber sie macht ihm keinerlei Vorwürfe.

Gründe hätte sie allerdings reichlich. Im Hintergrund steht ja der Konflikt Gottes mit König Ahas. Der Herrscher des Nord­reiches, also Israels, hatte Isebel geheiratet, die Tochter Etbaals, des Kö­nigs der Sidonier. Sie brachte ihre phönizischen Götter mit, allen voran Baal, den Gott der Fruchtbarkeit. Diese Kulte ka­men in Israel gut an: Sie waren so schön sinnlich und lebensnah – ganz anders als JHWH, den darzustellen oder auch nur zu nen­nen strengstens verboten ist. Der Gott der Bibel wird beiseite geschoben. Nur sein Prophet hält ihn hoch: Elija, was bedeutet: „Mein Gott ist JHWH“!

Die Frage, um die es also geht, lautet: Wer ist (der richtige) Gott?

Elija hat die Macht Gottes auf seiner Seite. Er verschließt den Himmel für mehrere Jahre. Der Regen bleibt aus. Hitze und Dür­re liegen über dem ganzen Land. Die Hungersnot drückt alle.

Alle. Nicht nur die Verantwortlichen. Ja, die Armen wohl noch mehr als die Reichen und Herrschenden. So ist das immer...

Ich vermute, dass die Witwe, die am Stadttor von Sarepta Holz sammelt, Elija sofort erkannte. Immerhin stammt er ja aus dem südlichen Nachbarland, wohin eine hiesige Königstochter verhei­ratet worden war. Von der Krise wird die Witwe gehört haben. Und dass die Ursache der Dürre dem Propheten zugeschrieben wird, der hier vor ihr steht, dürfte sie ebenso gewusst haben.

Ausgerechnet Elija! Als Witwe und Mutter eines Knaben hat sie sehr eingeschränkte Lebens­mög­lichkeiten – die Dürre, die Not das ganze Land im Würgegriff hat, raubt ihr den letzten Rest Hoffnung. Den letzten Bissen essen, in Würde. Dann sterben...

Ausgerechnet Elija bittet um den Schluck Wasser: Wasser, das er dem Land verwehrt. Und den Bissen Brot, der überall fehlt! Aus­gerechnet Elija!

Dass ich teile mit einem, dem es schlechter geht als mir. Klar. Das ist anständig. Aber zu teilen, wenn ich selbst nichts habe? Ja, wenn der Bittende mir sogar noch eine Reihenfolge zumutet: zu­erst mir, dann du und dein Sohn? Eine ungeheuerliche Zumutung!

Die Geschichte hat einen Wendepunkt. Ein Scharnier, an dem al­les sich neu sortiert. Ort dafür ist sinnigerweise das Stadttor. Hier begegnen sich Prophet und Witwe. Hier berühren sich drin­nen & draußen, Ver­zweiflung & Hoffnung, Vertrauen & Verhär­tung. Hier spricht Gott sein: „Fürchte dich nicht!“ (1 Kön 17,13)

Die Witwe traut diesem Wort Gottes. Es ist auch uns vertraut, weil die ganze Heilige Schrift davon gespickt ist. Maria wird die­ses Wort hören und den Sprung wagen: Fiat – mir geschehe nach deinem Wort! Josef wird dem Wort trauen und bei Maria blei­ben. Die Er­lösung braucht Menschen, die nicht ängstlich rech­nen; die den Sprung ins Ungewisse wagen, weil Gott gesprochen hat: „Fürch­te dich nicht!

Es könnte hier ein Happy-End sein. Dort der berechnende König Ahab, der sich durch die Fruchtbarkeitskulte des Baal gute Ern­ten und vielleicht auch beste Beziehungen zu den Nachbarn aus­rechnet. Strategisch perfekt! – Dort die Witwe, die nichts zu sa­gen hat, aber gehorsam ist: Sie hört auf Gottes Stimme und hofft das Unhoffbare. Dem Guten verpflichtet tut sie ihre einfache Ar­beit: Holz sammeln, den Schluck Wasser reichen, den Teig berei­ten, backen, Gastfreundschaft üben. So bereitet sie ohne Hinter­ge­dan­ken Gottes Heil den Weg. So rettet Gott sie vor dem Tod.

Fürchte dich nicht! Das gibt der Klarheit Gottes weiten Raum!

Jetzt macht unsere Lesung einen Punkt. Wir schielen ja immer auf das Evangelium, und da werden wir nachher der anderen Witwe begegnen, die alles gibt. So, sagt Jesus, wird sie uns zum Vorbild eines Menschen, der alles loslässt, weil Gott allein zählt. Gott schenkt uns alles, was wir brauchen.

Im Ersten Buch der Könige wird die Geschichte jedoch noch auf die Spitze getrieben. Zwar werden Mehltopf und Ölkrug nicht mehr leer. Aber „nach einiger Zeit erkrankte der Knabe“ (1 Kön 17,17) und stirbt. Seine Mutter deutet diesen Tod als Erinnerung ihrer Sünden, die Gott rächt. Also als Strafe Gottes!

Sagen Sie nicht, dass Sie diesen Gedanken nicht kennen! Viel­leicht muss gerade ein gläubiger Mensch solche krassen Krisen durch­ma­chen: Wenn alles fraglich wird, jeder Halt wegbröckelt und sogar Gott keinen Halt mehr gibt – wenn wir ihn für unser Un­glück sogar ver­ant­wortlich machen.

Elija erweckt den Knaben schließlich zum Leben. Aber die Krise konnte er der Mutter (und übrigens auch sich selbst) nicht erspa­ren. Was haben wir also? Nichts? Nichts! Aber im leer werden, im nichts haben, in der Leere erfahren wir die Fülle Gottes.

Ahas will Götter vor seinen Karren zwingen. Die Witwe dagegen lässt alles los auf das schlichte Wort hin: Fürchte dich nicht! Alles wird ihr genommen. Alles wird ihr neu geschenkt. Unverfügbares wird zum Geschenk. Im Nichts – alles!

Jetzt gleich im Evangelium wird dieser Grundkonflikt: Menschen, die Gott für sich gebrauchen, versus Menschen, die alles wegge­ben können – und die Gott genau deshalb auch beschenken kann, noch einmal neu erzählt. Im Markus-Evangelium steht das unmittelbar bevor die sogenannte Rede über die Endzeit be­ginnt; die mündet dann in die Passion Jesu.

Oder anders gesagt: Das heutige Evangelium ist der letzte Erzähl­text vor der Passion. Dadurch erhält er aber ein ganz besonderes Gewicht. Bevor Jesus seinen Leidensweg an­tritt, überliefert der Evangelist Markus diese beiden Erzählungen von den letzten Maßstäben, die für unser Leben gelten sollen.

Nehmt euch in acht!“, sagt Jesus. Es würde uns nicht wundern, wenn er fortfahren würde: „Nehmt euch in acht vor den Gottlo­sen, den Bösen, den Betrügern.“ Aber das sagt er nicht. Jesus sagt: „Nehmt euch in acht vor denen, die euch die Schriftausle­gen!“ (Mk 12,28)

Dieses Wort muss mich treffen, der ich mich mühe, Gottes Wort auszulegen und vielleicht manchmal zu schnell vereinnahme für meine eigenen Ideen. Aber es gibt nur das Wort „Fürchte dich nicht!“ Werde leer. Und traue dem, der es spricht. Zu dir. Dein Leben. Dein Gott und HERR, der dich von Ewigkeit her liebt. Amen.