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October

2021

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" (Gen 2,18)

Dorothea Höck

Predigt am 2. und 3. Oktober 2021 über Gen 2,18-25 in Erfurt in der Brunnenkirche

(Angermuseum Erfurt)
Gen 2, 18-25 (Text)

Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, „dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen". Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach. Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

Liebe Gemeinde,

wir hörten von den paradiesischen Urzuständen der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Es ist ein Mythos, in dem wir zeitlos gültige Wahrheiten finden. Ich möchte mich mit Ihnen auf Spurensuche begeben.

Ich beginne noch etwas weiter vorn in unserer Erzählung: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ (Gen 2,7). Heute werde ich einige hebräische Worte einführen: „Da machte Gott der Herr den Adam aus Staub von Adamah“.1 Adamah ist die rotbraune Erde des Mittelmeerraumes. Adam ist ein Erdling, ebenso alle Tiere, die wie Adam aus Adamah geschaffen werden. Adam und die Tiere der Schöpfung sind aus dem gleichen Stoff gemacht. Doch zunächst sind sie nur Figuren. Dann bläst Gott ihnen seinen Odem in die Nase, das erst macht sie zu beseelten Lebewesen. Hebräisch „Nefesch“ bedeutet Seele, Lebenskraft, Lebenshauch, ja alle unsere Lebensäußerungen: Sie hungert oder ist satt, sie freut sich und ist verbittert, sie liebt und hasst und hofft, sie macht uns zu einzelnen, von anderen verschiedenen Personen.

Mit dem Einhauchen göttlicher Lebenskraft ist der Menschen vom buchstäblich ersten Atemzug an unmittelbar auf Gott bezogen. Ohne Gott – kein Leben. Unsere Seele, unsere Lebensenergie – Nefesch – ist das Göttliche in uns. Weil auch Tiere diese von Gott eingehauchte Seele haben, sind sie engste Verwandte des Menschen. Deshalb ist im Paradies das Töten und Verzehren von Tieren tabu. Erst später wird Gott dem Menschen das Zugeständnis machen, sich von Fleisch zu ernähren.

Von Anfang an ist der Erdling sterblich: Gott kann ihm die ihm verliehene Lebenskraft jederzeit wieder nehmen, wie den Tieren. Das schien den Menschen des ersten Testaments kein Problem gewesen zu sein. Als sichtbares Zeichen göttlichen Segens galt ihnen, alt und lebenssatt zu sterben, an Unsterblichkeit dachten sie nicht.

Dieser Erdling, Adam, saß nun im Paradies, und Gott kümmerte sich um ihn. Und Gott sah, dass er einsam war und Gesellschaft braucht. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ Wir kennen diesen Satz aus den Predigten zur Trauung. Ja klar, der Mensch braucht einen anderen Menschen als Gegenüber. Doch was steht inunserem Text? Gott probiert es erst einmal mit der Vielfalt anderer Erdlinge und „machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen.“ Ich finde es schön, mir Gott dabei vorzustellen, wie er auf verschiedenste Weise versucht, dem Menschen das Leben zu verschönern, ihm Gesellschaft zu verschaffen, wie er eins um andere herbeibringt und vielleicht aus Adams Gesicht herauszulesen versucht, wann er denn endlich das Richtige für ihn trifft. Auch ermuntert er ihn, von der Schöpferkraft der Sprache Gebrauch zu machen: Er soll allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel Namen geben. Das war der erste Auftrag an den Menschen als künftigen Hüter der Schöpfung: Er soll sich vertraut machen mit allen Lebewesen in ihrer unendlichen Vielfalt. Die Namensgebung begründet eine Beziehung (so wie Eltern ja auch zu allererst ihrem Kinde einen Namen geben) und damit auch eine Verantwortung.

Doch mit der Erschaffung der Tiere war noch „keine Hilfe gefunden, die dem Menschen entsprach“. Er blieb trotz der göttlich-fantasievollen Fürsorge einsam. Wir können das spätestens nachvollziehen, seit wir im andauernden Lockdown mit den unterschiedlichsten Ersatzlösungen für menschliche Nähe und Gespräche experimentierten, als wir, schlimmer noch: miterleben mussten, wie diejenigen litten und verkümmerten, die in dieser Zeitvon unmittelbarer menschliche Zuwendung und Berührung vollkommen abgeschnitten wurden. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“: Es ist für den Menschen tödlich, wenn er allein bleibt. Gott musste etwas anderes einfallen, damit sein Erdling nicht starb. Und ihm fiel etwas ein.

Wir sind hier mitten im Mythos. Gott ist ein Handwerker, vielleicht auch ein Goldschmied. Und natürlich der Meister aller Meister. „Gott senkte auf den Menschen Betäubung, dass er einschlief, und nahm von seinen Rippen eine und schloss Fleisch an ihre Stelle. Gott baute die Rippe, die er vom Menschen nahm, zu einer Frau, und brachte sie zum Menschen.“ Wieder bringt er dem Erdling ein Geschenk: Ein Frau.

Viel ist geschrieben und auch gelästert worden, dass die Frau ja nur aus einer Rippe Adams gemacht wurde. Die beste Geschichte zur Rippe fand ich in einem Midrasch, einer alten jüdischen Auslegung unserer Erzählung2: „Unsere Weisen sagen dazu …, die Frau sei nicht aus dem Kopf des Mannes erschaffen, damit sie nicht über ihn herrsche, auch nicht aus seinen Füßen, dass sie ihm untertan sei, sondern aus seiner Seite, auf dass sie ihm eine gleichberechtigte Partnerin sei, seinem Herzen nahe.“

Das wird auch dem biblischen Bericht gerecht. Wir lesen: „Der Mensch sprach: Diesmal ist sie’s! Bein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch! Die sei gerufen ´ischah, Frau, denn von `isch, vom Mann ist die genommen. Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und haftet seiner Frau an, und sie werden zu einem Fleisch.“

Martin Luther, der für gendergerechte Sprache nicht gelobt wird, findet als Entsprechung zum „Mann“ die „Männin“. „Isch – Ischa“. Die Ischa – wir kennen umgangssprachlich in Mitteldeutschland Ische – ist nun endlich diejenige, die die Einsamkeit Adams beendet, die ihm eine Gehilfin ist, die ihm entspricht. Wohlgemerkt: Sie entspricht ihm. Sie ist nicht seine Dienerin.

Ab sofort ist Adam ein Mann – vorher war er ein geschlechtsloser Erdling. Das Wort für Mann – „Isch“ – taucht erst zusammen mit der Ischa auf. Man kann also sagen: Das gibt es nur als Wortpaar, ein Erdling allein ist noch kein Mann. So lesen wir es auch im ersten Schöpfungsbericht Genesis 1: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Erst Mann und Frau zusammen sind Gottes Ebenbild.

Hier füge ich jetzt noch ein kleines hebräisches Wortspiel mit vier Buchstaben ein. Es drückt den Geist der Schöpfungserzählungen aus: Alles, alles, was ist, wird auf Gott ausgerichtet gesehen. Erzählt hat mir das vor vielen Jahren ein Rabbiner aus Budapest.

Wo Gott nicht dabei ist in der Beziehung zwischen Frau und Mann, da ist die Hölle zwischen ihnen.

So bewegt sich die Ehe zwischen Himmel und Hölle!

Die Freude des Erdlings ist riesig: „Diesmal ist sie’s! Bein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch!“ Ein Freudenschrei.

„Fleisch“ meint hier nicht nur das rein Körperliche, das lebendig gewordene und vergängliche Erdmaterial, sondern auch Vitalität und Lebensfreude. Gott hat dem Menschen ein Herz aus Fleisch gegeben, kein Herz aus Stein: Das Herz aus Fleisch kennt den Willen Gottes. Mann und Frau werden sein ein Fleisch – aber auch: Ein Herz und eine Seele.

Erst im Anderen kann ich mich selbst erkennen. „Der Mensch wird am Du zum Ich. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Martin Buber hat die beste Begründung für den Freudenschrei des ersten Menschen gefunden.

Und noch etwas ist mir an unserer Geschichte aufgefallen: Wir lesen: „Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und haftet seiner Frau an.“ Das ist das pure Gegenteil von dem, was Eva als Schicksal nach dem Sündenfall auferlegt bekommt, nach Gen 3,16: „Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.“ Die Herrschaft des Mannes über die Frau beginnt erst nach der Vertreibung aus dem Paradies. Sie ist Ausdruck des Zerwürfnisses zwischen Menschen und Gott und der Menschen untereinander. Im Paradies, ursprünglich von Gott gewollt, waren Mann und Frau einander ebenbürtig, sie entsprachen einander. Ich finde es erstaunlich, dass das die Menschen vor 3000 Jahren schon wussten, als sie sich erzählten, wie alles begann und warum unsere Welt so ist, wie sie ist.

Der paradiesische Zustand ist vorbei, und hinter dieses Wissen können wir nicht mehr zurück. Der letzte Satz unserer Erzählung markiert schon den Übergang: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ Dass sie sich nicht schämten, kann nur sagen, wer Scham kennt. Im Paradies hatten die Menschen nichts voreinander zuverbergen, sie waren mit sich und miteinander im Reinen. „Glücklichsein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden zu können“, schreibt Walter Benjamin. Aber das gilt nicht für die Menschen im Paradies. Denn solches Glück ohne Schrecken setzt das Wissen um die Schattenseiten, um die Dunkelheit des menschlichen Herzens voraus. Auf diese Weise glücklich sein kann also nur der Mensch außerhalb des Paradieses. Eine Folge des Sündenfalls war mit der Scham auch die Geburt des menschlichen Gewissens. Wir können uns in die beiden im Paradies nicht wirklich hineindenken, die Unschuld im Garten Eden lässt sich nicht zurückholen. Dennoch ist es gut, die Sehnsucht nach dem Glück zu pflegen, mit sich und seinen Nächsten im Reinen zu sein, einander als ebenbürtig zu behandeln und damit sozusagen ein Stück Himmel auf Erden zu leben.

Mark Twain, der literarische Vater von Tom Sawyer,schildert in den „Tagebüchern von Adam und Eva“ auf äußerstvergnügliche Weise, wie sich das erste Paar der Menschheit einandernähert, wie gegenseitige Anziehung und auch immer wieder Abneigungschon im Paradies Chaos stiften. Wie zum ersten Mal das Wort „Wir“seinen Anspruch auf Geltung erhebt. Nach ihrer Vertreibung aus demParadies beklagen sie das Verlorene, doch: sie haben einander undihre Liebe, die in nichts anderem begründet ist, als: dass er er undsie sie ist. Dieses literarische Meisterstück endet mit demGrabspruch, den sich die gealterte Eva von Adam wünscht: „Wo immerSIE war, da war das Paradies.“ 1 Es ist uns also nicht ganz abhanden gekommen.

1 Einige der Hinweise zur biblischen Anthropologie fand ich in: Silvia Schroer, Thomas Staubli: Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998

2 https://www.juedische-allgemeine.de/religion/mann-und-frau-zwei-haelften

1 Mark Twain: Aus Adams Tagebuch / aus Evas Tagebuch. In: Ders.: Meistererzählungen, Manesser-Verlag Zürich 1998, S. 7-49

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October

2021

Abundance: Tanzgottesdienst in der Brunnenkirche

Franzi & Sascha

25

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September

2021

Im Garten des Einen: Christliche trifft islamische Mystik

Bruder Jeremias OSA

Im Garten sind tausend Entzückende fein
Und Rosen und Veilchen mit Düften so rein
Und rinnendes plätscherndes Wasser im Fluss –
Dies alles ist Vorwand: Er ist es allein!

Rumi (1207-1273)


„Schauen und Warten ist das Verhalten, das dem Schönen angemessen ist. Solange man noch vorstellen, wollen, wünschen kann, erscheint das Schöne nicht.“
Simone Weil (1909-1943)


„In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten wurde sie erlöst.“
Blaise Pascal (1623-1662)


Die Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt in allen drei monotheistischen Religionen in einem Garten. Auch in der jüdischen, christlichen und islamischen Mystik begegnet uns der Garten: als Metapher für die menschliche Seele zum Beispiel. Wenn wir unseren Seelengarten pflegen, kann Gott darin sein gutes Werk vollbringen. Gärten sind Sinnbild für die Orte der Sehnsucht, aus denen wir vertrieben wurden, aber auch für verheißene Freuden. Ein „geheimnisvoller Garten“ ist der Quell, aus dem die „Grünkraft“ Gottes sprudelt, die alles am Leben erhält (so bei Meister Eckhart und Hildegard von Bingen). Christen glauben, dass der Gärtner Jesus Christus uns den Paradiesgarten wieder zugänglich machte, der uns durch die erste Sünde verschlossen wurde. Die Gottesmutter Maria wiederum wird verglichen mit einem wunderschönen Garten. Auf mehreren alten Darstellungen in Erfurt wird sie dort vom Einhorn besucht.


Begrüßung zum Abschlusskonzert (Br. Jeremias)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich darf Sie herzlich begrüßen – auch im Namen der Mitveranstalter Katholisches Forum in Thüringen, der Evangelischen Erwachsenenbildung Thüringen, dem Katholischen Bildungswerk im Bistum Erfurt, dem Evangelischen Kirchenkreis Erfurt und dem Augustinerkonvent St. Martin in Erfurt. Gefördert wird dieser Abend und auch schon unsere Workshops gestern Abend und heute vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, dem ich an dieser Stelle herzlich danke. Ein besonderer Dank gilt der Ev. Predigergemeinde, die uns auch diesmal wieder die Kirche und gestern bereits den Kapitelssaal zur Verfügung stellt.

Dieser Abend, ja diese Tage der Mystik, stehen in einer Reihe: 2017 starteten wir „Im Lichte des Einen“ (2017), gingen 2018 hinaus in die Einsamkeit, um dort, „In der Wüste des Einen“ (2018), IHN zu treffen, auf den alles bezogen ist. „Im Spiegel des Einen“ konnten wir 2019 erkennen, wer wir sind, als Einzelne und aufeinander Bezogene.

Heute laden wir Sie ein, „Im Garten des Einen“ Platz zu nehmen, auf die Stimme des Einen in diesem Garten zu lauschen, auf IHN, der uns Weisheit schenkt, die wir nicht selber finden können.

Liebe Schwestern und Brüder, denn das sind wir vor dem Einen, gleich, ob wir IHN erkennen oder wie wir IHN suchen oder verehren. Bei IHM, der uns alle geschaffen hat sind wie Schwestern und Brüder.

Liebe Schwestern und Brüder also, wir sind froh, dass wir heute Abend hier am Ort, an dem Meister Eckhart gewirkt hat, beisammen sind. Was wären das für Gespräche geworden, wenn er und Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī einander begegnet wären? Sie hätten sich wohl eine Menge zu sagen gewusst...

Nun, heute Abend kommen sie beide zu Wort – und etliche weitere weise Frauen und Männer. Und wir dürfen hier im "Garten des Einen" ihnen zuhören und Musik aus mehreren Jahrhunderten genießen. Sie erklingt zum Lob Gottes, aber auch um uns Kraft zu schenken. – Lauschen wir und genießen wir, was uns hier geschenkt wird.

Eine Bitte: Sparen Sie bitte den Applaus bis zum Schluss auf, denn was hier entsteht, ist ein großes Gebet. Den Ablauf können Sie auf den ausliegenden Zetteln mitverfolgen.

Und vielleicht wollen Sie nachher an den Ausgängen etwas spenden für diesen Abend. Dafür sagen wir ein herzliches Vergelts Gott.

In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten wurde sie erlöst“. Dieses Wort von Blaise Pascal geleite uns nun in den "Garten des Einen".


24

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September

2021

Ach, wenn nur der HERR seinen Geist auf sie alle legte!

Bruder Jeremias OSA

Ach, wenn nur der HERR seinen Geist auf sie alle legte! (vgl. Num 11,29)

Lesung aus dem Buch Númeri (Num11,26-29).

In jenen Tagen kam der Herr in der Wolke herab und redete mit Mose.
Er nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte, und legte ihn auf die siebzig Ältesten.
Sobald der Geist auf ihnen ruhte, redeten sie prophetisch. Danach aber nicht mehr.

Zwei Männer aber waren im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad.
Auch über sie kam der Geist.
Sie gehörten zu den Aufgezeichneten, waren aber nicht zum Offenbarungszelt hinausgegangen.
Auch sie redeten prophetisch im Lager.

Ein junger Mann lief zu Mose und berichtete ihm:
Eldad und Medad sind im Lager zu Propheten geworden.

Da ergriff Jósua, der Sohn Nuns, der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war, das Wort
und sagte: Mose, mein Herr, hindere sie daran!

Doch Mose sagte zu ihm: Willst du dich für mich ereifern?
Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!

Predigt von Br. Jeremias

Unsere Lesung beginnt mit einer ungeheuren Spannung (Num 11,25): Der HERR kommt in der Wolke; ER ist unverfügbar, ER bleibt Geheimnis; nie werden wir IHN und Seine Wege ganz be­greifen.

Aber dieser Gott „redete mit Mose“. Er bleibt nicht nur der Ver­borgene. Er macht sich offenbar. Mit Mose redet er ganz direkt. – Warum zeigt er sich uns nicht klarer? Unseren Kirchen, die so an­geschlagen durch diese Zeit taumeln und deren Zeugnis gera­de so verdunkelt ist?

Auf Mose ruht der Geist, und nun wird er ausgeteilt. „Etwas von dem Geist“, heißt es in Numeri. Das Weihegebet nimmt Bezug auf diese Stelle der Heiligen Schrift und stellt den Priester bei seiner Weihe dem Bischof zur Seite. Es ist notwendig den Bischof  in der Verkündigung des Evangeliums nicht allein zu lassen. Er braucht Mitarbeiter, Cooperatores, gleichgesinnte Gefährten – besser: vom Geist Gottes erfüllte Mitarbeiter. Vermutlich auch Mitarbeiterinnen, aber da tut sich unsere Kirche an manchen Stellen bekanntlich noch sehr schwer...

Ich denke, es tut der Würde des priesterlichen Dienstes keinen Abbruch, wenn wir dieses Wort übertragen auf unsere konkrete Gemeinde hier. Es nimmt niemandem etwas weg, wenn wir Auf­gaben teilen und gemeinsam unser Leben als Gemeinde gestal­ten – ganz im Gegenteil. Es braucht keinen Anführer, dem alle anderen hinterher lau­fen. Wenn wir unser Bild von Kirche ernst nehmen, dann ist der „Hirte der Herde“ Jesus Christus selbst, und er ruft jeden Einzel­nen von uns in seinen Dienst. Die Talente dieser konkreten Ge­meinde – besser: ihre geistgewirkten Charis­men – entfalten ihre Wirkung da, wo wir Raum für sie lassen.

Werfen wir noch einmal den Blick in die Lesung. Zwei der 70 Äl­testen, die Mose für den Dienst gemeinsam mit ihm ausgewählt hatte, erschienen gar nicht vor dem Lager beim Offenbarungs­zelt. Ob sie kneifen wollten? Wer weiß.

Gottes Geist jedenfalls hindert das nicht, sie dennoch zu errei­chen. Mitten im Lager empfangen sie den Geist, der anscheinend nicht immer die Wege nimmt, die wir ihm anbie­ten.

Josua ärgert das. Er hat seit Kindesbeinen an eine besonders enge Beziehung zu Mose und meint nun, die Autorität seines Meisters schützen zu müssen: Hindere sie daran, weiter prophe­tisch zu reden! Wo kämen wir denn da hin, wenn hier die Ord­nung nicht eingehalten wird!?

Wo kämen wir hin, wenn die Ordnungen nicht mehr gelten? – Aber geht es darum überhaupt? Ist das ein Plädoyer für's Chaos? Das kann ich nicht lesen. Denn Gottes Geist, der schöpfe­risch ordnend das Chaos geklärt hat, wird doch nun nicht selber Chaos stiften wollen?

Immerhin: 68 der ausgewählten Geistträger kommen in diese Auf­gabe durch das Prozedere, das Mose bestimmt hat. Doch Gott ist größer. ER weitet die Ordnung und gibt der propheti­schen Rede auch im Lager ihren Platz, mitten unter den Zelten der Israeliten.

DAS greift Mose auf, gegen Josua, der sich für ihn ereifert: „Ach wenn nur das ganze Volk des HERRN zu Propheten würde und der HERR seinen Geist auf sie alle legte!“ (Num 11,29) Mose verliert doch nichts. Er beugt sich dem Wirken Gottes. Er erkennt die Spur des göttlichen Geistes und sagt Ja dazu.

Ja sagen zum Wirken Gottes, auch wenn es nicht unserem Plan entspricht. Das ist etwas ganz anderes, als gegen die Ordnung etwa unserer Kirchen wohlfeil zu wettern. Und gleichzeitig legt diese Stel­le der Heiligen Schrift den Finger in eine Wunde. Der Anspruch, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, kann uns blind machen für das Wehen des Geistes jenseits unserer ausgetretenen Pfade.

Mose erkennt, dass er nichts verliert, wenn er Gottes Geist mit anderen teilt. Ja, er geht sogar soweit zu sagen: Wenn nur das ganze auserwählte Volk von Heiligem Geist erfüllt würde! Das Teilen dieser göttlichen Macht lässt Gottes Geist mächtig werden, bestimmend für alle, die an IHN glauben. – Gegen Machtmissbrauch und die Arroganz, die meint, ich alleine oder allenfalls eine kleine Elite besitze die volle Wahrheit, wird Jesus nachher im Evangelium reden. Gottes Geist verteilt sich gerne.

Aber genau das ist doch Wirklichkeit geworden! In der Taufe haben wir Heiligen Geist empfangen. Wir tragen die Würde von Königen, Priestern und Propheten – in enger Beziehung zu Christus, dem wahren Priester und Propheten. In Firmung oder Konfirmation wurden wir an der Schwelle zum Erwachsenenalter daran erinnert. Daraus sollen wir leben und han­deln! Dem Geist in meinem Leben Raum zu geben, bin ich berufen.

Sind wir als Gemeinde berufen: Einander und dieser Stadt ver­künden wir das Evangelium mit unseren unterschiedlichen Charismen. Dass wir einander den Raum geben, damit diese Charismen sich entfalten können, das bleibt unsere Aufgabe.

Konkret: Ich verliere als Priester und letztlich Verantwortlicher für diese Gemeinde nichts, wenn ich möglichst viele von euch mitbestimmen lasse, wie wir unseren Weg mit Christus weiter­gehen wollen. Wir Augustiner sind immer dann am besten ge­fahren, wenn wir gehört und wahrgenommen haben, was uns allen aus dieser Gemeinde heraus geschenkt wird: der kontem­plative Gottesdienst, der ökumenische Bibelkreis und die Ökumene insgesamt, ein dickes Jahres­programm mit Impulsen zur Bildung, aber auch zur spiri­tu­ellen Erneuerung, Dialoge mit Andersdenkenden und anders Glaubenden, Musik und Ausstellungen, der Tanzgottesdienst, die Videos nach Weihnachten, die Predigtdienste … Das haben doch nicht wir Augustiner bewirkt. Das ist aus dieser Gemeinde heraus gewachsen! Also, wenn hier nicht Gottes Geist am Werk ist?

Dass wir uns hier in der Brunnenkirche im Kreis versammeln, ist Ausdruck dessen, was wir hier feiern: Christus ist unsere Mitte, er sammelt uns als Schwestern und Brüder auf Augenhöhe, nicht alle machen dasselbe, aber jeder hat „etwas von dem Geist“, der uns allen gegeben ist. In der Dynamik unserer Verschiedenheit, die aber den Kontakt mit den anderen hält und aushält, wird Gottes Dynamik, sein lebenspendender Geist spürbar (s. Relief!).

Wir dürfen und müssen immer wieder auch über unseren Teller­rand hinausschauen. Derzeit gehen wir ja noch sozusagen durch den Hintereingang in die Brunnenkirche. Die Arbeiter haben angedeutet, dass sie wahrscheinlich schon am Montag fertig werden. Ab dann können wir also endlich zum Haupteingang hier herein. Aber es gilt, vor allem den Brunnen freizulegen, zugänglich zu machen für alle, die Sehn­sucht nach dem wahren und lebendigen Gott haben. Hier am Brunnen stellen wir uns der eigenen Tiefe, manchmal auch den eigenen Abgründen, wissen uns wie die Frau am Jakobsbrunnen angesprochen von dem, der uns ganz und gar kennt, und können so zu Boten seiner Liebe werden. Wir spüren die Wahrheit, die Gott auch außerhalb unserer engen Begrenztheiten gesät hat, und können uns verbünden mit allen, die Sehnsucht haben nach der göttlichen Wahrheit. Der „Garten des Einen“ ist groß, bunt und vielfältig, das erfahren Etliche von uns an diesem wunder­baren Wochenende, wo christliche und islamische Mystik sich begegnen und dem Einen HERRN die Ehre geben.

Ach wenn nur das ganze Volk des HERRN zu Propheten würde und der HERR seinen Geist auf sie alle legte!“ (Num 11,29) sagt Mose. Doch, das ist bereits geworden – zumindest wo wir es wahr-haben wollen und einander den Raum gewähren, damit unsere unterschiedlichen Charismen sich entfalten können.

Amen.

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September

2021

"Gott hat mir das Ohr geöffnet" (Jes 50,5)

Pfr. i.R. Martin Möslein

Predigt von Pfarrer i.R. Martin Möslein am 25. Sonntag B (11./12.09.2021) in der Brunnenkirche | Erfurt

Er weckt mich alle Morgen

Text: Jochen Klepper (1938)

1) Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.

2) Er spricht wie an dem Tage,
da Er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als Sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so, wie ein Jünger hört.

3) Er will, dass ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in Ihm Genüge,
in Seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur Ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden.
Gott macht mich Ihm genehm.

4) Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von Ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat's hier der Sklave,
der Herr hält sich bereit,
dass Er ihn aus dem Schlafe
zu seinem Dienst geleit.

5) Er will mich früh umhüllen
mit Seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.