26

.

December

2021

Der Zwölfjährige im Tempel: Fest der Hl. Familie 2021

Dorothea Höck

Liebe Gemeinde,

Einige von Ihnen kennen von der Festseite des Regleraltars, das Bild vom halbwüchsigen Jesus im Tempel: Der Knabe – eher ein Sechs- als ein Zwölfjähriger – sitzt wie ein Magister auf seinem Lehrstuhl auf einem Tischchen und überragt so die anderen. Die hören mit ihrem ganzen Wesen zu, teilweise mit offenem Mund. Einer mit entsetzt aufgerissenen Augen ist auf die Knie gefallen. Einige sind voller Andacht, anderen ist der Zweifel ins Gesicht geschrieben, manche schauen scheel, alles andere als freundlich drein. Jesus sieht über sie hinweg in die Ferne, vielleicht auch nach innen oder aber doch ganz konzentriert auf einen Gesprächspartner, der nicht zu sehen ist. Am Rand steht Maria still, in anbetender Haltung. Da hat sie schon verstanden, der tiefe Schrecken ist vorbei, und sie bewegt das Erlebte in ihrem Herzen.

Man könnte meinen, die ganze Zuhörerschaft des irdischen Jesus ist hier versammelt: die sich von ihm ansprechen lassen und ihm nachfolgen, die ungläubig bleiben und schließlich die schon Böses sinnen, wie sie ihn mundtot machen können.

Dabei Maria, die aufmerksame Mutter, der so viel Leid und Schmerz widerfahren wird. Gehen wir ein Stück mit ihr: Sie und Josef sind fromme Juden und halten sich streng an die Gebote, die dem Leben Rahmen und Halt geben. Der erstgeborene Sohn wird gemäß der Tradition als Säugling von 40 Tagen im Tempel dem Herrn übergeben. Er gehört Gott, nicht den Eltern. Von klein auf wird das Kind in die jüdische Lebensweise und die Heilsgeschichte Israels eingeführt, treu nach dem Gebot: Und Du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst“ (Dtn 6,7). In diesem Geist wird Jesus mitgenommen zu den jüdischen Festen wie jetzt zum Passahfest.

Dann kommt Maria das Kind abhanden. Auf einen Zwölfjährigen muss man ja nicht mehr ständig aufpassen. Erst nach einer Tagesreise mit der Pilgerschar merken es die Eltern.

Der Schrecken ist maßlos. Die maßlosen Schmerzen Marias gehören zur Heilsgeschichte. Schon der Wöchnerin mit dem 40 Tage alten Säugling hatte der Priester Simeon im Tempel prophezeit: durch deine Seele wird ein Schwert dringen – ein „Romphaia", ein großes, breites Schwert. Immer wieder wird dieses Schwert ihr Herz durchbohren, am Ende angesichts der Hinrichtung ihres Sohnes.

Doch jetzt, auf der Pilgerreise, tun die Eltern alles Menschenmögliche, um das Kind zu finden. Schließlich kehren sie nach Jerusalem zurück. Da sitzt ihr Sohn im Tempel, als wäre nichts geschehen. Die Eltern sind entsetzt, außer sich. Der Sohn hat kein Verständnis dafür: „Was soll die Aufregung? Wisst Ihr denn nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Das ist ein eigenartiger Satz, der klarmacht: Jesus gehört nicht nur seinen Eltern, es gibt etwas Anderes, das sein Eigen ist und worauf niemand Zugriff hat. „Ich und mein Vater sind eines“, lesen wir bei Johannes (10,30).

Genau das zeigt das Bild auf dem Regleraltar. Das Kind sitzt erhoben über den anderen, man könnte sagen: Er ist dem Himmel ein Stück näher. Maria steht am Rand, aber sie ist dem Sohn am nächsten. Sie hat schon verstanden und bewegt das Gesehene und Gehörte in ihrem Herzen, wie in der Weihnachtsgeschichte.

Die Szene stellt uns vor Augen: Unser Evangelium erzählt exemplarisch die ganze Heilsgeschichte vom Menschen Jesus, der Gottes Sohn ist. Da spielt gar keine Rolle, ob sie sich nun genau so zugetragen hat oder nicht. Besser kann man gar nicht erzählen, wer Jesus Christus ist.

Deshalb sitzt im Tempel dieses Kind, das an Weisheit und Verständigkeit alle anderen überragt. Es kann zuhören und Fragen stellen – auf eine Weise, dass die Menschen voll Verwunderung einen Zugang zum Geheimnis Gottes erhalten. Als Sohn Gottes ist Jesus ja nicht irgendwann fertig, er wird als Christus geboren.

Und dann ist er doch wieder ganz Mensch. Auch hier als Vorbild für uns alle. Wunderbar plastisch schildert es Martin Luther in einer Predigt (Martin Luther: Erster Sonntag nach Epiphanias. Luk. 2, 41-52. Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 5173 (vgl. Luther-W Bd. 8, S. 78 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm):

Nun beschließt Lukas das heutige Evangelium damit, daß er sagt, er sei mit ihnen nach Nazareth hinabgegangen und ihnen untertan gewesen. So wird also dies Kind, das um seines Vaters im Himmel willen sich seiner Mutter entzogen hat, …, jetzt wiederum der Mutter gehorsam und dem Joseph, ob ers wohl nicht schuldig war.…: Er tat es aus freiem Willen, nicht aus Not; denn er war Gott und ein Herr Marias und Josephs. Daß er aber ihnen gehorsam war, das tat er nicht um Vaters und Mutters willen, sondern um des Beispiels willen. Denn dafür soll mans achten, daß das Kind Jesus im Hause alles getan hat, was man ihn geheißen hat: Späne aufgelesen, Wasser, Fleisch und anderes geholt und sich nichts verdrießen lassen.  … Werke, deren Vater und Mutter im Hause bedürfen: daß er .., Feuer gemacht, das Haus bewacht und dergleichen mehr getan hat, … wie ein anderes Kind. … Wenn seine Mutter gesagt hat: Sohn, lauf hin und hole mir Wasser, hole Holz, Stroh usw., so ist er hingelaufen und hats geholt.“

Auch im Hinblick auf das vierte Gebot also wird uns der Mensch Jesus als Vorbild hingestellt. Das Gebot sichert nicht zuletzt den Schutz der Alten, wenn sie nicht mehr für sich selbst sorgen können. Jesus wird noch am Kreuz seinem Jünger Johannes die Fürsorge für seine Mutter auftragen.

Heute ist das Fest der Heiligen Familie. Ich hab mal nach seinem Ursprung geschaut: Das Fest gibt es seit dem Mittelalter und ist ein sogenanntes „Ideenfest“, das eine Glaubenswahrheit in den Mittelpunkt stellt: die Heilige Familie als Vorbild, das uns stärken soll in unserem Zusammenleben. Doch worin genau besteht das Vorbild? Es entspricht jedenfalls nicht unseren neuzeitlichen Wunschvorstellungen von einer heilen Familie. Die moderne Kleinfamilie gibt es noch keine 300 Jahre. Wir sollten sie nicht in das Nazareth von vor 2000 Jahren projizieren.

Das deutsche Wort „Familie“ stammt von lateinisch „famulus“, „Diener“, und ver­weist damit eher auf das Gesinde eines Hausstandes. Die Idee eines Hausstandes verbindet sich wiederum mit dem griechischen Oikos für „Haus“, aus dem auch das Wort „Ökonomie“ gebildet ist.Es geht um eine generationenübergreifende Wirtschaftsgemeinschaft, in die Menschen geboren werden und aus der die Alten eines Tages weggehen. Sie bildet das Kontinuum, ein Geflecht aus Rechten und Pflichten, das die Menschen zusammenhält. Bei Hannah Arendt fand ich den schönen Satz: „Familien werden gegründet als Unterkünfte und feste Burgen in einer unwirtlichen, fremdartigen Welt, in die man Verwandtschaft tragen möchte“(Arendt. Denktagebuch, 16).

Sie merken schon: von diesem Familienbild übriggeblieben ist die Familie als kleine Festung gegen die Zumutungen der Welt. Aber von einer durch Verwandtschaft gestifteten Gemeinschaft, die den Einzelnen trägt und nicht umgekehrt von den Individuen einer Kleinfamilie immer wieder mühsam aufrecht erhalten werden muss, kann schon lange keine Rede mehr sein.

So spielt vielleicht mit Blick auf die Familie in Nazareth gar keine Rolle, ob Josef nun der leibliche Vater war, ob Jesus Geschwister hatte und all diese Dinge. Auch die modernen Patchwork-Familien passen in dieses Gemälde, das Luther da vor unseren Augen entstehen lässt: die sogenannte Blutsverwandtschaft steht nicht an erster Stelle, wenn familiäre Gemeinschaften gehegt und gepflegt werden, „als Unterkünfte und feste Burgen in einer unwirtlichen, fremdartigen Welt“.

Doch dabei allein darf es nicht bleiben!

Die Familie wird zum Gefängnis, wenn sie ihre Mitglieder nicht frei lässt. Weise ist deshalb das Gebot, die Kinder schon als Säuglinge in den Tempel zu bringen – heute taufen wir sie: Sie gehören nicht uns, sondern sind uns geliehen, wie jemand beim Bibelgespräch am Dienstag sagte.

Zwei Lebensbereiche stehen in Widerspruch zur Familie:

Der eine ist die Welt mit ihren Zumutungen und Aufgaben: Dort müssen wir uns als Einzelne bewähren und unseren Anteil für das Zusammenleben im Gemeinwesen beitragen. Unsere Gesellschaft ist gerade keine große Familie, sondern muss Pluralität und Freiheit gewährleisten. Da gelten ganz andere Regeln als in einer Familie.

Schließlich die christliche Gemeinde:

Wenn ein Gottesdienst oder eine Gemeindeversammlung zum Familientreffen wird, ist alle Vorsicht geboten. Eine Familie ist eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft...

Noch einmal Luther:

Zum andern hat (uns Jesus ) mit dieser Offenbarung auch ein Vorbild geben und uns lehren wollen, dass wir Gott mehr gehorsam sein sollen als den Menschen, ob es schon unsere Eltern selbst sind...  Unsere Unwissenheit und große Blindheit, (ist) immer dahin geneigt …, dass sie den Menschen eher als Gott dient. Darum sollen wir aus diesem Exempel unsers lieben Herrn Jesus Christus lernen: Wenn es dahin kommt, dass wir entweder Gott oder den Eltern und der Obrigkeit ungehorsam sein müssen, dass wir mit Christus sprechen: »Ich muss sein in dem, das meines Vaters im Himmel ist«.“

Damit ist uns Freiheit geschenkt. Bitten wir Gott, dass er uns diesem Geist der Freiheit im Zusammenleben in der Familie, in der Welt und in unserer Gemeinde schenkt. Amen.

25

.

December

2021

"Im Anfang war das Wort" (Joh 1,1) - Weihnachtspredigt 2021

Bruder Jeremias OSA

Predigt von Br. Jeremias Kiesl OSA

Fürchtet euch nicht!“ Das hat gestern in der Heiligen Nacht uns und den Hirten der Engel ins Ohr gerufen: „Fürchtet euch nicht! […] ich verkünde euch eine große Freude […] Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der HERR!“ (Lk 2,10f.)

Ja, Vieles ist angesichts des Zustandes dieser Welt zum Fürchten: die Ungerechtigkeit der Schere zwischen Arm und Reich, der Zu­stand der Wälder und der gesamten Schöpfung, die hohen Zahlen der an Covid-19 Erkrankten, dazu Etliches, was uns ganz persönlich auf der Seele liegen mag... Doch: „Fürchtet euch nicht!“ Gott hat diese Welt niemals verlassen. ER scheint in diese Welt vernarrt und in die Menschen, Seine Geschöpfe, denen ER Leben gab und die ER für das Ewige Leben bestimmt hat.

Große Freude also, trotz allem und im Angesicht dessen, was zum Fürchten ist: „Der Retter ist geboren – Christus, der HERR!

Darauf hat Gott uns Sein Wort gegeben. Wir sind eingeladen, Gottes Logik mitzugehen – Seinen LOGOS zu erkennen und aufzunehmen. „Im Uranfang war Er, das Wort“(Joh 1,1 – Übersetzung von Fridolin Stier), von dem her alles Sein und Sinn hat.

Noch viel weiter als die Evangelisten Lukas und Matthäus greift Jo­han­nes aus, um das Ereignis des Lebens Jesu richtig einzu­ordnen. Alles bekommt vom Ende her seinen Sinn (Logos), von Ostern her: Der Kreuzestod Jesu ist nicht Scheitern. Er ist vielmehr der Logik Gottes geschuldet, dessen Macht die verströ­men­de Macht der Liebe ist. Noch bevor das im Evangelium erzählt wird, gibt uns Jo­hannes im Prolog eine Art Schlüssel zum Verständnis an die Hand.

Schöpfung und Gnade sind die beiden Seiten der einen Medaille, wie Gott handelt. Der dreifaltig-eine Gott hat alles ins Dasein gerufen, damit der Mensch leben kann. Das Gesetz des Mose sollte dieses Leben zum Gelingen führen.

Der Mensch versagt immer wieder. Er scheint nicht in der Lage, die Gebote und das Gesetz ganz zu erfüllen. Aber Gott gibt nicht auf. Er setzt alles auf die Karte unverdienbarer Gnade: Die Kunde vom Wesen des väterlichen Gottes bringt der Sohn selber zu den Men­schen. Der LOGOS wird Fleisch. Als Mensch kommt Gott uns nahe.

et incarnatus est“ – „... und ist Fleisch geworden“: Gott, der die Liebe IST, hat sich uns Menschen eingefleischt. ER entäußert sich seiner Gottheit, um uns nahe zu kommen, nahe zu sein. Ein Neuanfang ist gemacht, eine neue Schöpfung durch den Schöpfer aller Dinge und Wesen: Neuschöpfung durch Christus.

Eine Metapher zieht sich durch das gesamte Evangelium nach Johannes: Licht und Dunkel stehen gegeneinander. Aber wie Gott im Uran­fang das Licht aufscheinen lässt, so kommt sein Sohn nun selbst als Licht in diese Welt: Neuschöpfung in Christus! Wenn er am 8. Tag als Auferstandener seinen Jüngern erscheint, wird ihnen allen klar: Die sieben Tage der Schöpfung sind nun überboten. Am 8. Tag ist Neuschöpfung, das Reich Gottes hat das Reich des Todes abgelöst.

Allerdings hängt ein Schleier der Trauer über dem Johannes-Prolog: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,9-11).

Das muss für die winzig-kleine johanneische Gemeinde eine unge­heure Herausforderung gewesen sein. Sie hatten die Größe des Jesus-Ereignisses erkannt und waren ganz erfüllt davon: Ja, Christus ist das Licht der Welt! Er hat das Dunkel des Todes erhellt!

Aber diese Gemeinde bleibt eine Splittergruppe, eine Minderheit, die im Pomp des Römischen Reiches nicht einmal eine Randnotiz wert ist. Ein Zeichen also, dass wir falsch liegen? So mag sich ein gläubiger Mensch damals gefragt haben. Es wird sich auch heute hier in Thüringen mancher fragen, warum die Botschaft der Erlö­sung nicht viel mehr Menschen ergreift?

Das wahre Licht erleuchtet jeden Menschen“ (vgl. Joh 1,9). Unge­bro­che­ner Optimismus. Jeden Menschen... Nicht nur einige weni­ge Auserwählte, nicht nur sein auserwähltes Volk. Viel­mehr legt Gott sich in Menschenhände, IHN auf­zu­nehmen! Seine Macht in Menschenhand! Auch das ist „Inkar­na­tion“: „Allen aber, die ihn auf­nah­men, gab er Macht, Kinder Gottes zu wer­den“ (Joh 1,12). Kinder Gottes – semitisch die Um­schrei­bung für „Volk Gottes“, nicht aufgrund von Abstammung, sondern durch die An­nahme im Glauben. „ER gab ihnen Macht, Kinder Gottes zu werden!

Selbst das Wort des Propheten Jesaja (unsere 1. Lesung) wird hier überboten. Deuterojesaja wurde als Trostbotschaft vor langer Zeit for­muliert, und zwar am Tiefpunkt der Geschichte des Volkes Israel, nämlich in der Babylonischen Gefangenschaft: „Wie will­kom­men sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König“ (Jes 52,7).

Jetzt aber geht es nicht mehr um eine Wiederherstellung alter Verhältnisse oder auch des alten Gottesvolkes. Jetzt hat in Christus Gott Sein Heil ausgeweitet: ein Angebot für alle Völker, für jeden Menschen! Dieses Angebot ist und bleibt bis heute aktuell!

Warum verniedlicht diese Welt Weihnachten zum Fest der Gefühle und der guten Düfte? Wann war Weihnachten aktueller als heute? Es geht nicht um ein paar Stunden heile Welt. Wir wissen, dass auch heute Menschen hungern, frieren, an den Grenzen Europas abgewiesen werden, mit dem Leben und mit dem Tod kämpfen...

Doch: „Wir haben seine Herrlichkeit geschaut“ (Joh 1,14), sagt Jo­han­nes, der Zeuge. Im Glauben sehen wir Gottes Licht, seine Herr­lichkeit, die mitten in der Nacht leuchtet, die den Tod überwindet – trotz allem! Sie muss uns antreiben, heute diese Welt und ihre Menschen zu lieben; heute die Hoffnung für diese Welt tatkräftig zur Geltung zu bringen...

Gott schenkt uns nicht nur ein paar tröstliche Augenblicke mit­ten in einer dunklen Phase des Jahres. Mitten in der Pandemie ist und bleibt ER der große Lichtblick. „Ich bin da, und ich werde für euch da sein! Fürchtet euch nicht!“ Darauf gibt Gott uns Sein Wort. Durch diesen Logos-Christus erhält alles seinen Sinn und sein Ziel.

Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern ge­spro­chen durch die Propheten; am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem einge­setzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens“ (Hebr 1,1-3a). So beginnt der Hebräerbrief. Durch unseren Blick auf Jesus können wir das Wesen des Vaters erkennen: Seine Liebe, in der wir immer bleiben. Amen.

19

.

December

2021

Gottes Heil passt in einen Bauch. Predigt zum 4. Advent

Christoph Kuchinke

Predigt über Lk 1,39-45: Gottes Heil passt in einen Bauch


Elisabeth hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Sie wusste, dass es so bleiben würde, mit den mitleidigen Blicken und dem Getuschel, wenn sie mit Zacharias irgendwo hinging. Die diskreten oder indiskreten Nachfragen, die immer gleiche Frage: Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht. Ihre Antwort war immer schmerzhaft und eindeutig: Natürlich wollen wir, aber es soll wohl nicht sein. In der Gegenwart und später in der Vergangenheit: es sollte nicht sein.

Für uns gibt es keine Zukunft, bloß das bisschen Gegenwart und irgendwann viel Vergangenheit. So ist das ohne Kind.


Maria hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Sie wusste, dass es so bleiben würde, mit den mitleidigen Blicken und dem Getuschel, wenn sie irgendwo hinkam, unterwegs war. Sie kannte die diskreten Nachfragen: Musste das sein? Du hast doch das Leben noch vor dir...

Und das ist erst der Anfang, noch sieht es ja keiner, aber bald werden es alle sehen, dann kann sie es nicht länger verstecken und muss es zeigen. Ihr Gesicht, das Gesicht eines Mädchens und darunter der schwangere Bauch einer Frau. Mitleidige Blicke, Getuschel und manchmal ein leises Kopfschütteln.

Sie ist doch selbst fast noch ein Kind.


Elisabeth und Maria begegnen sich. Zwei Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Eine Frau ohne Kind zu sein, damals das Allerschlimmste. Ein uneheliches Kind zu bekommen, damals das Allerschlimmste. Die eine hatte es schon hinter sich, ein ganzes Leben voller Enttäuschung und Leere.

Die andere noch vor sich, eine Zukunft voller Ungewissheit und Fragen.


ZweiMenschen treffen sich, zwei Mütter, zwei werdende Mütter. Die eine ist richtig alt! Die andere fast zu jung! Elisabeth und Maria.

Die eine hat schon ganz viel Geschichte hinter sich – die andere noch ganz viel vor sich.

Ich weiß nicht, wie viele Generationen zwischen den beiden wohl lagen. Darauf kommt es auch nicht an, worauf es ankommt sind doch die Kinder;

Was von Ihnen zu sehen und zu erfahren ist.

Erst einmal gewölbte Bäuche. Wir können uns vorstellen, wie die beiden Frauen ausgesehen haben. Ob es damals auch schon Umstandskleidung gab?

Und da sind Gespräche, Lachen und sichert auch Zweifel.

In solch einer Situation  sind alle gleich und alle auch gleich voller Hoffnung.

Schön, dass wir das erfahren dürfen, sehen dürfen.


Lukas erzählt von dieser Begegnung, dieser einmaligen Begegnung. Es gab keine Wiederholung, nur die beiden Kinder haben später immer wieder miteinander zu tun.

Die beiden Frauen nehmen sich in den Arm – Elisabeth und Maria.

Und Lukas erzählt weiter – woher er das wohl weiß – dass das Kind im Bauch Elisabeths hüpfte.

Gut, so etwas kann man sehen, spüren. Das sind Glücksmomente junger werdender Eltern. Man kann damit spielen und mit jeder Bewegung – wenn sie nicht zu schmerzlich ist – wächst die Freude: bald!


Ja, eigentlich erzählt Lukas ja nur eine Geschichte von zwei schwangeren Frauen.

Ihr Mütter und Väter, ihr kennt das. Erzählt euren Kindern, wie schön das war, die Bewegungen zu spüren und wie glücklich ihr wart.


O.k., Lukas will schon mehr erzählen, es ist schon ein bisschen anders:

Elisabeth freut sich jetzt  ja nicht über das Kind, was in ihr wächst – ihre Freude ist überschwänglich über das Kind, das in Maria darauf wartet, das Licht der Welt zu erblicken.

Sie nennt es sogar ihren Herrn! Das noch nicht geborene Kind nennt Elisabeth: Herr!

Da scheinen sich große Dinge anzukündigen, von denen wir noch wenig wissen. Aber was weiß Elisabeth?

Maria ist ja ganz still! Außer dem Gruß, als sie das Haus betritt, sagt sie kein Wort.  Aber sie hört etwas! Sie hört etwas von ihrem Kind!

War da nicht schon mal etwas mit dem Engel, der eigens zu ihr gesandt war?

Wir haben es eben gehört, Lukas erzählt es:

„Sei gegrüßt, Du Begnadete...(bis) ...seine Herrschaft wird kein Ende haben“.


Und Elisabeth... das Geheimnis lüftet Lukas auch:

Der Heilige Geist hat die Fäden in der Hand, sagen wir mal, er spielt hier die Hauptrolle. Was  wir nicht wissen können, wird uns von IHM gesagt.


Ja, hat das Hüpfen des Kindes im Bauch von Elisabeth vielleicht noch eine andere Bedeutung als eine natürliche Bewegung eines Babys, das sich schon mal streicheln lässt?

Johannes freut sich. Er freut sich auf Jesus. Er freut sich, dass die alten Verheißungen Gottes in Erfüllung gehen.

Dabei ist Johannes nicht einmal geboren!

Eine schöne Geschichte: Bevor nur ein Wort gesagt wird, wandert die Freude über den Bauch der Elisabeth. Nicht ein Gesicht lacht, auch nicht die Augen, der Bauch ist es!

Lukas hat schöne Geschichten, die hat die Welt noch nicht gesehen, das ist einmalig: dass ein Bauch vor Freude lebt.

Doch, hat sie, die Welt, damals im judäischen Bergland, wo sich eigentlich Fuchs und Hase, Schakal Gute Nacht sagen!


Gott fängt in der Einöde Neues an. Unbemerkt. Wenn da nicht der Bauch wäre.



Du, Bethlehem -Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas, ausdir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.


So Micha der Prophet


Die Menschen werden in Sicherheit wohnen; denn nun wird er groß sein bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein.


Eine alte Prophezeiung – es sei Zeit für solch eine Hoffnung, große Worte.


Vielleicht ist es besser, wir schauen noch einmal bei Elisabeth und Maria vorbei:

Eine intime Szene, die Lukas darstellt, die er wie ein Maler so malt, dass doch die ganze Welt zusehen soll.

In dieser Begegnung der beiden Frauen treffen Welten aufeinander: die „alte Welt“, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat und die „neue Welt“, die Schalom, Frieden, Heil bringt.


In der Begegnung dieser beiden Frauen treffen Hoffnungen aufeinander.


Sehr merkwürdig: mehr als zwei Schwangerschaften haben wir gerade nicht.

Dass Gott aber auch so klein anfängt – oder so klein weitermacht.

Ja, es passt tatsächlich in einen Bauch.


Es gibt ein interessantes Bild zu dieser Szene – neben so vielen wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Aber der Holzschnitt von Käthe Kollwitz von 1929, der ist etwas Zutreffendes.


Dunkel wie die Zeit, sowohl der Hintergrund, als auch die beiden Frauen.

Zwei Frauen, eine ältere, eine jüngere, beide schwanger. Die Jüngerewendet sich etwas ängstlich aber vertrauensvoll an die Ältere. Diese legt ihren Arm behütend um sie und die rechte Hand schützend auf ihren Bauch. Es scheint so, als sagt sie ihr vertraulich etwas ins Ohr.


Ja, Maria sieht traurig aus. Oder ist es gar nicht Maria? Die Maria? Unsere Maria?

Vielleicht ist es ein junges Mädchen, ungewollt schwanger, alleine.

Allein, wie viele Mädchen und Frauen. Irgendwo. Nicht nur 1929. Weltwirtschaftskrise ist – überall. Wenn auch nicht bei jedem.

Marias Hände sind wie abgehoben. Sie hat nichts in der Hand. Auch ihr Leben nicht.


Elisabeth dahinter, ganz nah an ihrem Ohr, eine zärtliche Nähe. Wärme, der Haut, des Atems. Leise Worte. Die Hand Elisabeths, sie liegt auf dem Bauch der jungen Frau. Ob sich das Kleine bewegt?

Zwei Menschen in einer Geschichte.


Der dunkle Hintergrund – er ist wie ein schützender Raum.

Nur soviel Licht, wie wir brauchen, um etwas zu sehen.

Wir sehen das Dunkle, wir sehen aber auch die Geborgenheit.

Eine Hand liegt auf der Schulter, die andere auf dem Bauch.


Schon faszinierend, oder?

Elisabeth freut sich, ihr Kind freut sich – in diesem Bild von Käthe Kollwitz schenkt sie einem Mädchen Nähe und Wärme, das traurig und hilflos einfach da steht. Ob sie sich kennen? Muss man sich kennen?


Dass Menschen in Sicherheit wohnen und glücklich sein können, ist eine Hoffnung von einem Ende der Erde zum anderen.


Manchmal braucht der Frieden – nur einen Menschen.


Lukas beendet sein Evangelium mit den Worten:


„Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“


Diesen Glauben drückt Maria in einem alten Psalmlied aus, wohl das älteste Adventslied, was wir haben und von dem Dietrich Bonhoeffer 1933 in London, als er entschied, das sichere England zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, wo ihn der Tod erwartete:


„Dieses Lied der Maria ist das älteste Adventslied. Es ist zugleich das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen worden ist. Es ist nicht die sanfte, zärtlich verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern dargestellt sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht.“


Und Martin Luther sagt es so: Maria- „lehrt uns mit dem Exempel ihrer Erfahrung und mit Worten, wie man Gott erkennen, lieben und loben soll“


Sie singt also nicht für sich allein.

Mit ihr ist Elisabeth, mit ihr sind Abraham und Sarah, Rahel und Jakob, Ruth und Naomi – eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David. So geht es zu bei Gott.

Das wissen Maria und Elisabeth. Sie sind nicht die einzigen, sie sind wie ein Chor von Frauen, die das Allerschlimmste kennen, die es schon hinter sich haben oder noch vor sich.


Sie alle sind in dem Lied, das sie singt, und auch vorsingt, damit wir mitsingen können.

Sie lässt uns die Frage stellen: wer oder was in unserem Leben wichtig ist, wen oder was wir „erheben“, wen oder was wir hoch heben.


Eine Frage, die lebenswichtig ist – überlebenswichtig, für jede und jeden von uns, Tag für Tag, immer wieder neu.


Ein Lied, Marias altes Lied – ein  ganz persönliches Magnifikat:



(Chor und Band der Edith-Stein-Schule Erfurt)


12

.

December

2021

Gaudete - Freut euch! 3. Advent

Bruder Jeremias OSA

"Freut euch im HERRN zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Denn der HERR ist nahe.“ (Phil 4,4.5)

+ Der HERR, der kommt und der unsere Freude ist, sei mit euch!

Der HERR kommt wieder! Er steht schon vor der Tür und ist uns ganz nahe. Zählbar sind die Tage bis Weihnachten.

Gott ist im Kommen! IHN zu verkünden, ist unsere erste und wichtigste Aufgabe. Es braucht dafür zuerst unsere eigene Bereitschaft, den HERRN nahe an mich herankommen zu las­sen. Vielleicht muss ich mich manchmal auch der Furcht stel­len, die mich befällt, wenn mir be­wusst wird: Gott kommt?!

Doch glauben wir immer wieder neu: Da kommt Gutes auf uns zu, da kommt einer auf uns zu, dessen Fülle wir in diesem Leben nie ausschöpfen können. Schon Seine Ahnung macht froh: Gaudete – freut euch im Herrn zu je­der Zeit!

Das ist keine sentimentale Gefühlsduselei. Wir freuen uns, weil Gott auf dem Weg zu uns Menschen ist; weil wir Seine Nähe erfahren dürfen; weil ER in unser Leben kommen will. Mit dieser Freude im Herzen bestehen wir den AlltagBitten wir den HERRN um Vergebung für unser Versagen. Begrüs­sen wir unseren Erlöser mit dem Kyrieruf in unserer Mitte.

Predigt

Johannes der Täufer zitierte in seiner Predigt den Propheten Jesa­ja: Bereitet dem HERRN den Weg! – Vielleicht denkt manch einer: Das ist nicht zu mir ge­spro­chen. Für den frommen Straßenbau gibt es si­cher Spezia­lis­ten! Doch hätte der Täufer draußen am Jor­dan so gespro­chen, wenn es ihm nicht um genau die Menschen gegangen wäre, die da draußen gerade vor ihm standen?

Der Ort scheint mit Bedacht gewählt; darauf hat Dorothea Höck bereits am letzten Adventssonntag hingewiesen: Hier hatte das Volk Israel endlich den Jordan überschritten und das gelobte Land betreten – nach 40 Jahren Wüste. Hier hatte Elija (ist nicht gar der Täufer Elija, fragen sich einige...) den Jordan geteilt und war trocke­nen Fußes hin­durch­gegangen. Nun steht wieder ein großes Er­eignis der Befreiung an: Gott greift ein. ER kommt! Der Christus steht vor der Tür!

Was sollen wir dann aber tun? – Die Menschen damals jedenfalls hatten das Zeichen des Johannes begriffen, wenn sie ihm genau die­se Frage stellen: „Was sollen wir tun?“ – Die Antwort ist denk­bar einfach: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso“ (Lk 3,11).

Salopp formuliert heißt „Straßenbau für den Herrn“ also: „Lass dich anrühren von fremder Not. Schau nicht weg! Gehe nicht gleichgültig vorüber, wo du gefordert bist und helfen kannst mit dem, was du hast. Sei da, wenn jemand dich braucht! Du musst nicht die ganze Welt retten, aber wage Empathie!“

Christus hat die Not der anderen nicht gleichgültig gelassen. Sie muss uns ebenfalls be­rüh­ren, tragen wir doch seinen Namen. Es darf uns nicht kalt lassen, wenn jemand bloßgestellt und ihm qua­si das Hemd ausgezogen wird. „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat.“

Es darf uns nicht kalt lassen, wenn auf unserer Erde immer noch Millionen Hunger leiden. Dabei könnte die gegenwärtige Lebens­mittelproduktion deutlich mehr als die aktuelle Weltbevölke­rung ernähren. Es gibt ein Verteilungsproblem, kein Produktions­prob­lem! Was für ein Wahnsinn!

Die Not dieser Welt rückt uns immer wieder auf die Pelle. Die Flüchtlingsströme werden nicht eher abreißen als bis diese Erde von Gerechtigkeit geprägt wird. Abschottung funktioniert immer weniger. Hinschauen und Umkehr, ja Weg-kehr von einer Politik des „Wir zuerst“ ist nötiger denn je. Lasst uns also solidarisch zusammenstehen. Diese eine Erde gehört allen Menschen!

Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ – So klar und einfach benennt das der Täufer! Keiner muss Außergewöhnli­ches leisten oder selber in Not geraten. Aber wenn in deiner Hand liegt, womit dem Nächsten und Fernsten geholfen ist, dann kannst du damit dem Herrn den Weg bereiten. Wenn wir uns an­rühren lassen von fremder Not, verspricht Gott uns Seine Nähe.

Auch Zöllner und Soldaten stellten Johannes die Frage: „Was sollen wir tun?“ Bedenkt, dass die Zöllner damals als unverbesser­li­che Betrüger galten; und Soldaten heißt für diese Zeit keines­wegs „Bürger in Uniform“, sondern brutale Söldner, denen man besser aus dem Weg ging. Kaum vorstellbar, aber offenbar kamen auch von denen welche und ließen sich von Johannes tau­fen. Was bedeutet für Menschen dieses Kalibers Umkehr? „Was sollen wir denn tun?“, fragen sie – und damit wohl auch: „Wovon sollen wir leben, wenn...? Nicht jeder kann einfach den Beruf wechseln...“

Die Antworten des Täufers klingt beinahe banal: „Ver­langt nicht mehr, als festgesetzt ist.“(Lk 3,13b), sagt er zu den Zöllnern. Und zu den Soldaten: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, be­gnügt euch mit eurem Sold!“ Die eigene Gier zügeln... Auch das sollte jeder leicht auf sich und seine Situation übertragen können.

Wir bereiten dem Herrn den Weg nicht durch das Außergewöhn­liche und noch nie Gehörte, sondern wenn wir im Alltag unser Bestes geben; wenn wir treu unsere Arbeit tun, wie es sich ge­hört; wenn wir ehrlich und freundlich mit den Menschen umge­hen; wenn eine Verkäuferin etwa die Kunden gut berät, weil sie will, dass sie mit ihrem Einkauf zufrieden sind; wenn Angestellte sich auch im kleinsten vor Unterschlagungen hüten und das Wohl der Firma fördern; wenn Arbeitgeber gerechte Löhne zah­len und ihren MitarbeiterInnen Respekt zollen; wenn Schüler ihre Aufga­ben gut machen; wenn Kinder und Eltern immer wieder auf­ein­an­der zugehen; wenn Ehepartner in Konflikten mit der Brille des an­de­ren zu sehen versuchen; wenn wir in allen zuerst den Men­schen sehen und uns hüten vor diffamierenden Etiket­ten wie Asyl­missbrauch, Schmarotzer, Flüchtlingsschwem­me usf. Wenn wir in der Pandemie aufeinander Rücksicht nehmen und auch de­nen, die anders denken, nichts Schlechtes unterstellen – weil dann sind Gespräche und die gemeinsame Suche nach dem Bes­ten unmöglich... So einfach ist das. So schwer ist das oft...

Gott sei Dank, uns ist Hl. Geist ge­schenkt, der Beistand und Trös­ter. Wir taufen wie Johannes nur mit Wasser. Aber Jesus schenkt Geist und Feuer! In der Feuertaufe der Entscheidung erfahren wir, dass Christus unser tiefster Halt wird. Dann bin ich Christ nicht mehr (nur) aus Tradition. Dann kann ich mich ganz entschieden Gott überlassen, IHM, dem Herrn der Ernte, der das Gute sam­meln wird, auch wo ich nur Spreu wahrnehme.

Wir torkeln nicht mehr nur durch diese kurze Zeit, die wir auf Erden haben. Gott wandelt unsere Zeit in den Kairos, den rechten Augen­blick, IHM zu begegnen. Diese Begegnung, dieses „Heilige Feuer“, kann uns durch und durch wandeln. Dazwischen mag uns hoffentlich eine heilsame Unruhe erfüllen. Erfüllen und trösten mag uns das „schwarze Feuer“ der Heiligen Schrift, in der wir Orientierung suchen. Erfüllen auch das „weiße Feuer“ der Tradi­tion, in der wir stehen und die sich dynamisch entwickelt, wenn wir mit der Welt, in der wir leben, im Gespräch bleiben – und auch das Gespräch miteinander pflegen, die Communio: Denn wir brauchen einander, um Gott zu finden.

Liebe Schwestern und Brüder, wir bereiten dem HERRN den Weg. Das ist eine große Aufgabe, aber wir brauchen uns nicht vor der Überforderung zu fürchten. Jede und jeder von uns kann in sei­nem ganz normalen Alltag Möglichkeiten finden, dem HERRN den Weg zu bereiten: Treue in den kleinen Dingen, die uns aufgege­ben sind, nicht die außer­gewöhn­lichen, die wir uns erst noch krampfhaft suchen müssten.

Der heutige Adventssonntag heißt „Gaudete“ – „freut euch“. Wegbereiter des HERRN wird man nicht mit dem Bierernst der Wichtigtuer. Christen sollten eher die frohe Gelassen­heit üben, weil der HERR uns beisteht auch schon dann, wenn wir ihm den Weg bereiten wollen, da, wo wir hingestellt sind.

Der HERR schenke uns diese frohe Gelassenheit gerade dann, wenn wir wenig zu lachen haben, vielleicht auch gerade jetzt in den langen Monaten der Pandemie. ER schenke uns, dass wir im Alltag nicht bitter werden – regelrecht verbittern. Freut euch – und bereitet dem HERRN den Weg! Amen.

4

.

December

2021

Johannes Prodromos. Predigt am 2. Advent

Dorothea Höck

Johannes Prodromos - Johannes der Vorläufer & Wegbereiter
Predigt über Lukas 3,1-5

Gestern sah ich zwei Männer auf Straße vor der Reglerkirche: Sie riefen den Passanten laut zu: Kehrt um! Bekehrt Euch zu Jesus Christus! Das Reich Gottes ist nahe

Viele Menschen gehen vorbei, manche schauen befremdet. Niemand bleibt stehen und lässt sich auf die beiden ein.

Ich musste sofort an Johannes denken. So stelle ich ihn mir vor: Lang und hager – wie einer der beiden Männer gestern. In fast jeder orthodoxen Kirche findet sich eine Ikone des Johannes Prodromos, des Wegbereiters, wie er heißt. Immer ist er als Bewohner der Wüste erkennbar: barfüßig und asketisch, knochendürr, mit einem Umhang aus Kamelhaar, mit sehr langen zerzausten Haaren und Bart, oft mit Flügeln, die ihn von anderen Heiligen unterscheiden.

Würde ich stehenbleiben, wenn ich irgendwo unterwegs so einem wie Johannes begegnete?

Vielleicht, wenn ich damals gelebt hätte. Manche frommen Jüdinnen und Juden, die den Jordan an der Stelle querten, wo Johannes predigte, erinnerten sich bei seinem Anblick an eine Prophezeiung von Maleachi (3,23f): „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elija, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“

Nach biblischer Überlieferung (2. Kön 2, 8-11) hatte Elija dort, wo Johannes taufte, mit seinem Mantel das Wasser des Jordan geteilt und war trockenen Fußes hindurchgegangen. Dann entriss ihn ein feuriger Wagen den Augen seines Schülers Elisa. Seitdem glaubte man, dass Elija eines Tages wiederkommt und das Ende der Zeiten anbricht. Vielleicht hielt sich Johannes sogar selbst für den Elija der letzten Tage, viele seiner Anhänger glaubten es.

Und noch viel früher hatte der Richter Josua das Volk Israel nach langer Wüstenwanderung an eben dieser Stelle trockenen Fußes durch den Jordan in das gelobte Land geführt (Jos 3).

Jetzt also erscheint hier Johannes im Gewand der Propheten und ruft zu Buße und Umkehr. „Das Wort Gottes geschah an ihm“, schreibt Lukas. Wie Elija und andere war er vom Geist Gottes ergriffen, die Rede kam nicht allein aus ihm, er wurde zum Mund Gottes. Johannes macht seine Bußpredigt mit starken Bildern dringlich. „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Lk 3,9)

Diese prophetische Rede steht in starkem Kontrast zur trocken-sachlichen Einführung in unsere Geschichte. Da spricht der akribische und bestens informierte Historiker Lukas mit politischem Durchblick: "Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren..." (Lk 3,1-2a).

Im Bibelgespräch am Dienstag gab es die Einsicht, dass Lukas hier einen bewussten Gegensatz von politischer Situation und Heilsgeschichte setzt. Was auch die jüdische Geschichtsschreibung bestätigt: Johannes war eine historische Person, ein Wanderprediger mit einer Schülerschaft. Jesu Wirken beginnt erst nach seiner Gefangennahme. Alles an dem, was Johannes tut, ist zeichenhaft und gleichzeitig wirklich. Deshalb beschreiben die Evangelisten so genau die Umstände seines Auftretens.

Der Täufer bleibt östlich des Jordan und verkündet: Das Gericht Gottes steht unmittelbar bevor, und ihm entgeht nur, wer wie damals das Volk Israel unter Josua noch einmal neu in das Heilige Land einzieht. Dieser Neubeginn vollzieht sich mit der Taufe im Jordan. Johannes ist der Prodromos, der Wegbereiter Jesu Christi. Auch Jesus lässt sich von ihm taufen, und es wird berichtet, dass in diesem Moment der Geist Gottes auf ihm sichtbar wird (Lk3,21f). Vieles weist darauf hin, dass Jesus ursprünglich Schüler des Johannes war. Von Johannes kommt die Taufe, das Sakrament, das alle großen christlichen Konfessionen eint.

Johannes ist der Rufer in der Wüste. In der Wüste begann in alter Zeit die gemeinsame Geschichte von Gott und Menschen, dort zeigt sich Gott den Menschen, die er erwählt und durch die er handelt. Abraham, Mose, Elia, Johannes. In der Wüste offenbart sich Gott seinem Volk, stellte es auf die Probe, dort musste es sich bewähren.

In der Wüste sind wir auf uns selbst zurück geworfen, mit einem arabischen Sprichwort: „Die Wüste ist der Ort der Wahrheit, der Ort, wo alle schönen Worte enden und kein Reden stört.“1 Sie wird zum Ort der Versuchung und der Buße, zum Symbol der inneren Ungebundenheit und Freiheit, des Geheimnisvollen und Unfassbaren, aber man kann in ihr auch verloren gehen.

Was wir heute beispielsweise mit der Sahara verbinden, die sich unablässig ausbreitet, deren Sand in noch fruchtbares Land treibt und dieses nach und nach versteppen lässt– das entstand teilweise erst durch menschlichen Raubbau an der Natur. Schon die alten Römer schufen Wüstenlandschaften durch Abholzung.

Die Wüste am Jordan war eine lebendige Landschaft, keine tote Einöde. Im Frühjahr grünte und blühte sie und erschien als fruchtbares Land. So konnten die Propheten die Verheißung Gottes verkünden: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde“ (Jes 43,19).

Doch auch tote Wüste gab es schon, als ebenso große Gefahr für alles Lebendige wie die chaotischen Wassermassen der Urfluten. Deshalb ist die Wüste zur Metapher, zum Sinnbild für den Zustand unserer Welt und unserer Seelen geworden.

Die tote Einöde gibt es auch in übertragenem Sinne. Heute sprechen manche von der Wüste in uns, die sich ausbreitet und uns selbst zu Wüstenwesen macht.

Doch wir dürfen uns dieser Wüste nicht anpassen. Auf keinen Fall, mahnt die Philosophin Hannah Arendt: „Dies nimmt uns unsere einzige Hoffnung, und zwar dass wir in der Lage sind, die Wüste in eine menschliche Welt zu verwandeln. (Wer dagegen meint, wir müssten uns den Wüstenbedingungen anpassen,) stellt die Dinge auf den Kopf; denn solange wir unter den Wüstenbedingungen leiden, sind wir noch menschlich. Die Gefahr liegt darin, dass wir wirkliche Bewohner der Wüste werden und uns in ihr zu Hause fühlen.“2

Johannes erwartet uns in der Wüste, in unseren Wüsten, und ruft zur Umkehr auf. Wir sollen die Wüsten in Orte verwandeln, wo Leben gedeihen kann und dem Reich Gottes den Weg bahnen. Johannes in der Ödnis ruft uns:

Bereitet den Weg des Herrn; macht gerade seine Straße.
Jedes Schlucht werde aufgefüllt, jeder Berg und Hügel niedrig gemacht, das Verquere werde zu Geradem,
die holprigen zu ebenen Wegen.
Und jedes fleischliche Wesen schaue das rettende Tun Gottes.                                   
(Übers.: Fridolin Stier)

Johannes mahnt uns zu Buße und Umkehr; auch in der jetzigen, verrückten Zeit. Wir verlieren uns in den Wüsten der verqueren Wege. Alles ist so kompliziert. Wie oft denke ich, dass ich vieles nicht mehr verstehe. Mich erreichen regelmäßiglange Texte und Videos mit unglaublich viel Zahlenmaterial und Expertenzitaten. Die wollen mir einreden, dass die Wirklichkeit doch ganz anders ist, als ich sie erlebe und wahrnehme. Das Verquere lähmt mich und hält mich vom Tun ab. Wie kann all dieses Hochkomplizierte und Undurchschaubare gerade und einfach werden? Nicht durch einfache Erklärungen, sondern durch einfaches Tun.

Johannes zeigt es mir. Erlädt uns ein, Wegbereiter und Bahnbrecherinnen des Gottesreiches zu werden.

Was sollen wir denn tun? fragt die Menge Johannes. Er antwortete: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold! (Lk 3,7ff.)

Die eigene Habe teilen, nicht aus der Not anderer Gewinn ziehen, auf verbale und physische Gewalt verzichten: Was zu tun ist, ist so einfach wie eine gerade Straße in der Ebene. Simone Weil hat es auf den Punkt gebracht, indem sie von der einzigen menschlichen Pflicht sprach, auf die es ankommt: den anderen nie hungern zu lassen, „wenn man Gelegenheit hat, ihn zu speisen“. Das betrifft nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Bedürfnisse der Menschen.

Ausreden gelten nicht: Keine noch so komplizierte Weltlage darf uns davon abhalten, das Nötige zu tun. Oft braucht es allerdings Mut wie derzeit bei den polnischen Frauen und Männern, die ihre eigene Freiheit riskieren, wenn sie nachts in den Wäldern an der Grenze zu Belarus Geflüchteten Erste Hilfe leisten.

Der mahnende Ruf zur Buße kann auch eine Verlockung sein: In ein neues Leben, das noch aussteht, das wir noch nicht kennen. In der Adventszeit können wir uns für dieses neue Leben bereitmachen. Vor uns leuchtet das Licht, das uns vom Neuanfang Gottes mit der Welt und jedem einzelnen Menschen kündet. Lassen wir uns darauf ein. Amen.





1 Daniel Hell, Wüste als Symbol, Ort des Zu-sich-Kommens, https://archiv.echter.de/inspiration/2008/08_04/Meditation-Leseprobe-2008-4-02.pdf

2 Hanna Arendt: Von der Wüste und den Oasen, in: Was ist Politik? München 2007, S. 181. Wörtlich: „Dies nimmt uns unsere einzige Hoffnung, und zwar die Hoffnung, dass wir, die wir nicht der Wüste entstammen, aber in ihr leben, in der Lage sind, die Wüste in eine menschliche Welt zu verwandeln. (Wer dagegen meint, wir müssten uns den Wüstenbedingungen anpassen, d.h.) stellt die Dinge auf den Kopf; denn genau deshalb, weil wir unter den Wüstenbedingungen leiden, sind wir noch menschlich, sind wir noch intakt. Die Gefahr liegt darin, dass wir wirkliche Bewohner der Wüste werden und uns in ihr zu Hause fühlen.“