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June

2023

Fürchtet euch nicht!

Dorothea Höck

Der Geist unseres HERRN Jesus Christus, der die Furcht aus uns vertreibt, sei mit euch!

Jeremia leidet. Der Prophet, der uns wie kein anderer an seinem Innenleben teilnehmen lässt, hört Getuschel und Gezi­schel: Selbst seine „nächsten Bekannten“ entpuppen sich als Gegner. Gott, von dem Jeremia redet, will keiner. Jeremia steht mit ihm ganz alleine da. Dennoch antwor­tet der Prophet auf diese be­drüc­ken­de Erfahrung am Ende mit umso größerem Gott­ver­trau­en.

In so extremer Lage sind wir nicht – Gott sei Dank. Ob­wohl es auch bei uns so scheint, als wolle kaum jemand von diesem Gott hören, in dessen Namen wir uns versammelt haben. Das macht es für viele Christen heute schwer, zu ihrem Glauben zu stehen und gar Zeugnis von der Hoffnung zu geben, die uns trägt.

Wer will schon gern belächelt werden? Wer setzt sich gern dem Spott aus: Du brauchst das halt! Wir aber neh­men unser Leben selbst in die Hand! – Als ob Glauben bedeuten könnte, Ver­ant­wor­tung für sich abzugeben. Im Gegenteil: Nicht nur für sich, son­dern auch für die Welt, in der wir leben, übernehmen wir Verant­wortung – im tätigen Engagement und im Gebet.

Fürchtet euch nicht, euch vor den Menschen zu mir zu bekennen“, so ermutigt uns Jesus Christus, den wir als unseren Herrn in unserer Mitte begrüßen.

Kyrie
  • HERR Jesus Christus, auch wir reden manchmal hinter dem Rücken anderer Menschen, weil uns der Mut zum offenen und klaren Wort fehlt. Dann brauchen wir deine Ermutigung. - Herr, erbarme dich unser.
  • HERR Jesus Christus, du sprichst sündige Menschen auf der Straße an. Deine Liebe kennt kein Versteckspiel. Du sagst, die Wahrheit wird uns frei machen. - Christus, erbarme dich unser.
  • HERR Jesus Christus, wir möchten weder anecken noch aus der Deckung kommen. Nimm uns die Angst. Schenke uns einen neuen Anfang. Lass uns schon heute deine heilende Gegenwart erfahren. - Herr, erbarme dich unser.

Schaut her, ihr Gebeugten, und freut euch; ihr, die ihr Gott sucht: euer Herz lebe auf! (Ps 69,33) – Der HERR hat sich unser erbarmt und das drückende Joch der Sünde, des Kleinglaubens und der Angst von uns genommen. ER führe uns an Seiner Hand in das weite Land seines Friedens. Amen.

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 10,26-33).

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen!
Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.
Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht,
und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!

Fürchteteuch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können,
sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!

Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig?
Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.
Bei euch aber sind sogardie Haare auf dem Kopf alle gezählt.

Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich
vor meinem Vater im Himmel bekennen.
Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Predigt

Hört auf, Euch zu fürchten! Fangt an, als Gerettete zu leben!“

Das rief vor 20 Jahren der Politiker und Theologe Wolfgang Ullmann den Menschen zu, die gegen das sogenannte Bombodrom in der Ruppiner Heide protestierten. Aus dem ehemals sowjetischen Truppenübungsplatz wollten die Politiker den größten Bombenabwurfplatz des Landes machen.

Ullmanns Fundament ist die Botschaft des Engels an die Frauen am Grab des Auferstandenen: Fürchtet Euch nicht! Zu den Versammelten sprach er: „Umbringen konnte man Jesus. Besiegen aber nicht. Seither richtet sich seine Aufforderung an alle Welt: Fürchtet die nicht mehr, deren Macht allein darauf beruht, dass sie euch mit dem Tod bedrohen und diese Drohung auch wahr­machen können. Das letzte Wort hat nicht der Tod, sondern das Leben.“

In unserem Evangelium ruft Jesus seinen Jüngern viermal zu: Fürchtet Euch nicht!

Dabei haben sie durchaus Anlass dazu, wie wohl auch die Gemeinde, an die sich der Evangelist Matthäus richtet: Ihre Verfolgung hatte ja schon begonnen.

Unser Evangelium gehört zur Aussendungsrede Jesu. Er bereitet seine Jüngerin­nen und Jünger auf ihre Aufgabe vor und ermutigt sie, sich Mitstreiter und Weggefährtinnen zu suchen. „Ich sende Euch wie Schafe unter die Wölfe“, die warten ja bekanntlich immer auf eine leichte Beute. Es gibt Gründe, sich zu fürchten, sie werden Verfolgungen ausgesetzt sein. Haß und Spott werden sie ernten. Man wird sie foltern und ihnen den Prozess machen und die eigenen Brüder, Väter und Söhne werden sie verraten oder töten,

Und da sollten sie sich nicht fürchten?

Der französische Humanist Michel de Montaigne schrieb während der Glaubenskriege im 16. Jahrhundert: „Wovor ich mich am meisten fürchte, ist die Furcht. Ihre Gewalt übersteigt in der Tat alle anderen Bedrängnisse.“ Wer sich fürchtet, nimmt die mutmaßlichen Übel der Zukunft schon vorweg, als wären sie eingetreten. Die Furcht beginnt, das Denken und Handeln zu beherrschen – sie verändert uns. – Wir beginnen zu vermeiden, wodurch das Befürchtete eintreten könnte. Wir werden zu Sklaven unserer eigenen Vorstellungen.

Davon möchte Jesus seine Jüngerinnen und Jünger befreien.

Fürchtet Euch nicht! Niemand kann die Seele töten. - Doch wie können wir die Furcht überwinden? Hier wird Großes von uns verlangt: Vertrauen können.

Damalige Hörer und Leserinnen erinnern sich vielleicht an den Vers aus dem 23. Psalm: Und wenn ich wandere durchs finstere Tal – durch die Todschattenschlucht, heißt es genau – fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir.“ Wer in der Dunkelheit wandert, sieht seinen Begleiter nicht. Gott erspart uns die Todschattenschlucht nicht. Aber wir können in größter Gefahr auf ihn vertrauen.

Wenn Ihr Euch von der Furcht überwältigen lasst, werdet Ihr zum Spielball derer, die Euch bedrohen. Sie werden Euch für ihre Zwecke missbrauchen. Sie töten Eure Seele. Beispiele dafür haben wir in der gegenwärtigen Welt genug.

Jesus dagegen fordert die Seinen zur Offensive auf: sie sollen sich ins Licht der Öffentlichkeit stellen, ihre Botschaft von den Dächern rufen, statt sich im Dunklen zu verstecken und ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ Die Christliche Botschaft, der christliche Glauben ist kein Geheimkult im Verborgenen. Solche waren damals recht verbreitet. Der neue Glaube muss ins Öffentliche:  „Was euch ins Ohr geflüstert wurde, das verkündigt auf den Dächern.“

Ich habe herausgefunden, dass schon in der frühchstlichen Kirche seit Ambrosius ein Ohrenritual die Taufe einleitete: die Taufe eines Kindes oder Erwachsenen begann damit, dass der Priester die Ohren des Täuflings berührte. Dabei betete er, Gott möge ihm Ohren und Mund öffnen, damit er sein Wort vernimmt und das Gehörte und damit seinen Glauben laut öffentlich bekennt zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes."

Damit ist auch klar: Nicht nur besondere, alle Christinnen und Christen sind dazu berufen, das Evangelium zu verkünden. Da gibt es keine Rangordnung. Jeder und jede ist für Gott gleichermaßen wertvoll. Für alle gilt: Fürchtet Euch nicht. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

Das betrifft vor allem die Kleinen, so schreibt Matthäus an anderer Stelle, als die Jünger sich streiten, wer von ihnen denn nun im künftigen Himmelreich der bedeutendste ist: Niemand wird verloren gehen. (Mt 10,42) Und wer dem in dieser Welt Allergeringsten auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.

Dennoch: Die Aufforderung, sich nicht zu fürchten, bleibt eine Zumutung: Sie setzt voraus, dass wir darauf vertrauen, dass am Ende unserer Geschichte mit Gott nicht der Tod, sondern das Leben steht.

Heute werden wir im Anschluss an den Gottesdienst über die Confessio Augustana sprechen. Das war eine Zusammenfassung der bis 1530 entstandenen reformatorischen Lehre, das Ergebnis langer Verhandlungen. Alle wichtigen Reformatoren befanden sich in Augsburg auf dem Reichstag – nur Martin Luther nicht.

Luther durfte das Gebiet der reformationsfreundlichen Fürsten nicht verlassen. So saß er von Mitte April bis Anfang Oktober auf der Veste Coburg fest und war auf die Briefe und Nachrichten der Freunde angewiesen. Er durfte nicht mitreden!! Für ihn waren das lange Ausharren, das Abgeschnittensein von den Weggefährten eine der schwärzestenZeiten seines Lebens. So schrieben sich Melanchthon in Augsburg und Luther in Coburg auch gegenseitig Trostbriefe, denn beide fürchteten sich zwischendurch und verloren zeitweise den Mut.

Luther Briefe an den ewig sorgenvollen Melanchthon sind uns überliefert. Unmittelbar nachdem Luther selbst einen Zusammenbruch hatte, schrieb er an Melanchthon:

Veste Koburg, 27. Juni 1530

Ich hasse ganz außerordentlich Deine elenden Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst, und daß sie so in Deinem Herzen herrschen. Das liegt nicht an der Größe der Sache, sondern an der Größe unseres Unglaubens. … Warum marterst Du Dich denn ohne Unterlaß und ohne Unterbrechung so ab? Wenn die Sache falsch ist, so wollen wir sie widerrufen; ist sie aber wahr, warum machen wir den … zum Lügner, der uns befiehlt, ein ruhiges und sorgloses Herz zu haben? … Ich bin auch öfters zerschlagen, aber nicht dauernd. …. Als ob Ihr durch diese Eure unnütze Sorge wirklich etwas ausrichten könntet! Was kann denn der Teufel mehr tun, als daß er uns töte! Was mehr? …. Ich bete gewiss fleißig für Dich und es tut mir leid, daß Du unverbesserlicher Sorgen-Blutegel meine Gebete so vergeblich machst. … Denn wenn wir durch seine Verheißungen nicht aufgerichtet werden – ich bitte Dich, wer anders ist denn schon auf der Welt, den sie sonst angehen sollten?“ (Martin Luther: 1530. Luther-WBd. 10, S. 201 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht)

Dabei geht es um nicht weniger als unsere Freiheit: Wir sind aufgefordert, zu bekennen und nicht zu verleugnen. Wir kennen die Geschichte von Petrus. Der war tief gekränkt, als Jesus ihm voraussagte, er würde ihn drei Mal verleugnet haben, bevor der Hahn kräht. „Ich doch nicht!“ Dann, nach der Gefangennah­me Jesu, sitzt Petrus nachts am Feuer vor dem Gefängnis und eine Magd erkennt ihn als einen Freund des Verhafteten. Petrus behauptet zweimal: Ich weiß nicht, wovon Du sprichst. Ich kenne den Menschen nicht.“ Beim dritten Hahnenschrei erkennt er sein völliges Versagen und weint bitterlich.

Auf diesem Versager Petrus baute Jesus seine Kirche auf. Wir können also darauf vertrauen, dass unsere Reue zählt, wenn wir ein Einsehen in unsere Fehlbarkeit haben.

Jesus sagt uns zu, dass wir uns bei Gott aufgehoben und sicher fühlen können. Das soll uns helfen, für das einzustehen, was wir als richtig und wahr erkannt haben. Und uns davor zu hüten, unsere Seele zu verkaufen.

Unser Evangelium ist voll schöner Bilder: Jesus flüstert mir ins Ohr. Ich rede von den Dächern.

Jesus spricht in die Finsternis, ich rede im Licht, im Offenen und Freien.

Ich selbst verwandle das geflüsterte Wort in öffentlich Rede, bringe es von der Dunkelheit ans Licht. So werde ich zum Träger, zur Trägerin der frohen Botschaft.

Dabei schaut Gott zärtlich und liebevoll sorgend auf uns. Fürchtet Euch nicht. Ihr seid kostbarer als Sperlinge. Jedes Haar von Euch hat Gott im Blick.  

Nein, wir sind nicht frei von Furcht.

Aber wir können Gott bitten, dass er uns jetzt, in der Gegenwart, Mut verleiht zum Reden und Handeln. Und dass wir bei ihm aufgehoben sind in alle Ewigkeit. Amen.

18

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June

2023

Wie Schafe, die keinen Hirten haben

Bruder Jeremias OSA

+ Jesus Christus, unser göttlicher Bruder und Heiland, sei mit euch!

Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ Mit diesem Auftrag sendet Jesus seine Apostel aus. Gilt das auch heute? Für uns, seine Jüngerinnen und Jünger?

Hoffentlich sind auch heute Christen – also Menschen in der Nachfolge Christi – imstande, unvorstellbar Gutes zu tun, zu helfen, dass Menschen heil und ganz werden kön­nen, dass einen neue Lebendigkeit entstehe und die Aussätzigen in unseren Kirchen eine Heimat finden, ja dass sogar die Dämonen des Hasses und des Misstrau­ens, die Abergeister, die uns klein machen und schwä­chen, überwunden werden.

Und dass es in unserer Mitte nie geschehe, dass jemand verärgert, ungetröstet oder gar missbraucht und ge­schun­den werde. Sicher ist das leider nicht. Wir sind Sün­der. Lasst uns also den HERRN bitten, dass er uns ver­gebe, zur Umkehr führe und uns im Guten stärke. Darum rufen wir zu ihm:

Kyrie

Herr Jesus Christus, manche Wege sind so öde, dass wir über sie nur schimpfen können. Krieg und die Spaltung unserer Gesellschaft haben wir satt. – HERR, erbarme dich.

Christus, du hast den bösen Geistern das Fürchten gelehrt. Bewahre uns davor, uns selbst vom Ungeist bestimmen zu lassen. – Christus, erbarme dich.

HERR, wenn wir müde und erschöpft sind, schau gnädig auf uns. Schenke uns den Mut, barmherzig zu sein. – HERR, erbarme dich.

Dankt ihm, preist seinen Namen! Denn der HERR ist gut, / ewig währt seine Huld * und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue (Ps100).

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 9,36 - 10,8)

In jener Zeit,
als Jesus die vielen Menschen sah,
hatte er Mitleid mit ihnen;
denn sie waren müde und erschöpft
wie Schafe, die keinen Hirten haben.

Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß,
aber es gibt nur wenig Arbeiter.
Bittet also den Herrn der Ernte,
Arbeiter für seine Ernte auszusenden!

Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich
und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben
und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.

Die Namen der zwölf Apostel sind:
an erster Stelle Simon, genannt Petrus,
und sein Bruder Andreas,
dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus,
und sein Bruder Johannes,
Philíppus und Bartholomäus,
Thomas und Matthäus, der Zöllner,
Jakobus, der Sohn des Alphäus,
und Thaddäus,
Simon Kananäus und Judas Iskáriot,
der ihn ausgeliefert hat.

Diese Zwölf sandte Jesus aus
und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden
und betretet keine Stadt der Samaríter,
sondern geht zu denverlorenen Schafen des Hauses Israel!

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!
Heilt Kranke,
weckt Tote auf,
macht Aussätzige rein,
treibt Dämonen aus!
Umsonst habt ihr empfangen,
umsonst sollt ihr geben.

Predigt

Jesus sieht die Menschen – und hat Mitleid mit ihnen. – In dieser kurzen Aussage verknüpft der Evangelist Matthäus Jesus von Nazareth mit gleich zwei wichtigen Vokabeln, die für das Glaubensleben Israels ganz bedeutsam waren. Im Ersten Testament wird das nämlich von Gott gesagt: Adonai Elohim, der HERR, der Gott Israels, ist der Gott, der mich sieht (Gen 16,13 |Jahreslosung 2023!). Gott sieht nicht hinweg über die Not seines Volkes, auch nicht hinweg über die Not eines jeden Einzelnen, und sei er in den Augen dieser Welt noch so unbedeutend. „Du bist der Gott, der mich sieht!

Eng verbunden mit diesem Sehen Gottes ist sein Mitleid. Diese „Schwäche“ Gottes ist zugleich seine große Stärke (Papst Franziskus I). Sein Erbar­men (hebr. rachamím; im Plural!) schafft Raum für neues Leben. Sehen und aus Mitleid sich erbarmen, es sich an die Eingeweide gehen lassen, sind Grundbegriffe, wie Gott handelt.

Genau das sagt nun der jüdischste unter den Evangelisten – Matthäus – über Jesus von Nazareth. Er begründet das Mitleid Jesu (griech.: esplanchizomai) mit einem Bild, das für jeden Juden der Zeitenwende eng mit dem Gott Israels verbunden war: „Sie waren […] wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36). Dieses Bild war engstens mit der Erwartung verbunden, dass doch Gott selbst nun bald eingreifen würde als der wahre Hirte seines Volkes Israel.

Damit hat Matthäus die Pflöcke eingeschlagen, in Jesus den Christus, den erwarteten Messias Israels, zu erkennen. So wundert es uns dann auch nicht mehr, dass er die Namen der Zwölf Apostel aufzählt. Sie stehen für die Sammlung und Heilung des Volkes Gottes und seiner zwölf Stämme. Ausdrücklich wird diesen Aposteln untersagt, zu den Samaritern oder gar den Heiden zu gehen. Das kommt erst etliche Kapitel später; erst muss Jesus selbst lernen und begreifen, dass sein Auftrag viel weiter geht und vor den Grenzen des Gottesvolkes nicht Halt macht. Dann aber wird der Auftrag lauten, das Evangelium der gesamten Schöpfung zu verkünden und alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen.

Die zwölf Apostel erhalten den Auftrag, das Heilige Volk zu heilen, Tote zu erwecken, alle zu reinigen und von den Dämonen zu befreien. Wir können nun diskutieren und überlegen, was alles damit gemeint sein könnte. Wichtig aber scheint mir: Es geht um den Heilungsdienst, der die Abergeister (!) verstummen lässt und neuer Lebendigkeit Raum gibt.

Jesus wird also vom Evangelisten ganz mit dem Arm Gottes identifiziert. Gott handelt als guter Hirte an den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ durch seinen Gesalbten. Jesus Christus ist sozusagen das Werkzeug Gottes.

Trotzdem ist auch hier etwas im Spiel, das im Ersten Testament sicher bereits angelegt ist, jetzt aber noch weiter entfaltet wird. Im Frühjudentum war man so verzweifelt über diese Welt und ihre Machthaber, dass man nur noch Gott allein zutrauen wollte, dass er diese Welt zu Ende bringe und eine neue, von Gottes Geist geprägte Erde heraufführen werde. Menschen konnten da nichts tun, außer vertrauensvoll auf das Handeln Gottes zu warten.

Jesus, der selbst das Werkzeug oder der Bevollmächtigte  Gottes ist, wendet sich jedoch an seine Jüngerinnen und Jünger. Es braucht, sagt er, Arbeiterinnen für die Ernte, die nun bevor­steht. Doch auch dann sind es zu wenige, die mitarbeiten. Es bracht noch viel mehr, denn „die Ernte ist groß“. Gott muss eingreifen, aber nicht, um alles Heil zu vollbringen, was Men­schen erwarten; es braucht Gott, damit er noch mehr Arbei­te­r und Arbeiterinnen anwerbe für diese Ernte.

Das Mitwirken von Menschen wird hier also ganz stark gemacht! Aber auch der Umgang mit dieser göttlichen Macht, die es doch angesichts der Krankheiten und des Unheils, der Dämonen und sogar des Todes braucht, wird ausgeteilt.

Jesus hat seine Vollmacht als Heiland von Gott erhalten. Nun aber stattet er die Seinen mit eben dieser Vollmacht aus – und öffnet noch weiter die Tür, damit auch die Jüngerinnen diese Macht weiter mit denen teilen, die künftig mitarbeiten wollen.

Wir lernen hier, wenn man so will, en passant den Umgang Gottes mit der Macht. Gott teilt seine Vollmacht seinem Gesalb­ten und dessen Jüngern mit, die ihrerseits auch so mit Macht umgehen (sollten). Macht habe ich nie für mich. Sie gehört geteilt. Sie muss zum Dienst für diese Welt werden!

Dafür gibt es eine schlichte Begründung: „Gratis habt ihr empfangen, gratis sollt ihr geben!“ (Mt 10,8). So einfach ist das.

So schwer scheint das zu sein in unserer Kirche, die hier kaum anders unterwegs ist, wie die Menschen sonst auch. Hüte dich vor denen, die zwar Geld und Macht gewonnen haben, denen aber die Kultur dafür absolut fehlt!

Deshalb ist es auch so unsäglich grauenvoll, dass Menschen, die sagen, sie folgten Christus nach, ihre Macht in unserer Kirche so missbrauchen – bis hin zum sexuellen Missbrach, der Leben zerstört. Und das mit dem ausdrücklichen Auftrag Jesu im Ohr, zu heilen und zum Leben zu verhelfen! Das will nicht in meinen Kopf, dass diese Schizophrenie möglich war – und wahrschein­lich immer noch und immer wieder möglich ist. Kein Wunder, wenn wir als Gemeinschaft der Gläubigen heute so wenig mit göttlicher Vollmacht (Exousia) verkünden...

Wenn aber der Auftrag der Jüngerinnen Jesu der umfassende Heilsdienst ist – wie müssten wir dann unser Leben in unseren Gemeinden gestalten? Vorsicht, von den anderen oder gar denen da oben wissen wir es immer sehr schnell. Aber wo erkenne ich meinen ureigenen Auftrag? – Stellen wir uns auch in dieser Woche diese unausweichliche Frage! Amen.

11

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June

2023

Fronleichnam 2023 auf dem Domberg zu Erfurt

Bruder Jeremias OSA

O unbegreifliche Liebe!
Deine Seele gewinnt Stärke
aus der Sehnsucht seiner Liebe.
Rüttle Dich auf, öffne das Auge des Verstandes
und schau in den Abgrund der göttlichen Liebe!

Wenn Du nicht schaust, kannst Du nicht lieben.
So viel wirst Du lieben, als Du sehen kannst!

(Katharina von Siena)
Tagesgebet

HERR Jesus Christus,
im wunderbaren Sakrament des Altares
hast du uns das Gedächtnis deines Leidens
und deiner Auferstehung hinterlassen.

Gib uns die Gnade, die heiligen Geheimnisse
deines Leibes und Blutes so zu verehren,
dass uns die Frucht der Erlösung zuteil wird.

Der du in der Einheit des Hl. Geistes mit Gott dem Vater
lebst und herrschest in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wir feiern Fronleichnam. Ein opulentes Fest, das bisweilen in die Fol­klore abzudriften droht – vielleicht weil man seinen eigentli­chen Inhalt nur schwer fassen kann? Wie soll man den erklären?

Jesus ist selbst damit gescheitert, als er den Menschen in der Syna­goge zu Kapharnaum in der sog. Brotrede anbietet: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben... Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ (Joh 6,51f.) – Unbegreiflich! Unfassbar!

Jesus versucht es noch immer. WIR haben seine Worte soeben ge­hört. Doch im Anschluss an den heutigen Evangeliumstext, nur zwei Verse weiter, sagen auch viele Jüngerinnen und Jünger (!): „Was er sagt ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (Joh 6,60)

Ein Geheimnis, das nicht zu verstehen ist, nur im Schauen und Lauschen mag ganz allmählich eine Ahnung davon erwachsen. Thomas von Aquin sagt: „Nur wer es erfährt, kann es fassen ... mit Worten kann man es nicht erklären.“ – Geheimnis des Glaubens: Christus verschenkt sich an uns, nährt uns wie Brot, trägt sich uns an, um ganz in uns einzugehen. Da können wir nur staunen und danken: Geheimnis der Eucharistie.

Eine besondere Schau hatte die Augustiner-Chorfrau Juliana von Lüttich im 13. Jhd. In ihren Visionen zeigte sich der Mond in vol­lem Glanz, aber mit einem dunklen Fleck. Christus gab Juliana zu verstehen: Der Mond symbolisiert das Leben der Kirche auf der Erde, der dunkle Fleck dagegen das Fehlen eines liturgischen Fes­tes zu Ehren des Allerheiligsten Altarsakramen­tes. Juliana sollte sich tatkräftig für die Einführung eines solchen Festes einsetzen, was 1246 in Lüttich mit der ersten Fronleich­nams-Prozession ge­schah. Später wurde das Fest der Eucharistie für die ganze Kirche verpflichtend (seit 1264): Ein voller Erfolg, könnte man sagen.

Der Prunk der Prozessionen steigerte sich. Trug man am Anfang den Leib Christi wahrscheinlich lediglich in einer Pyxis, wie man sie bei der Krankenkommunion verwendet, so braucht es heute die prächtige Monstranz, den Trage­himmel, eine Blaskapelle, Blumenteppiche, mancherorts sogar Figuren, die von verschiede­nen Gruppen geschmückt und mitge­tragen werden, Fahnen und Weihrauch, … Die ganze barocke Prachtentfaltung eben. Das ist alles schön. Aber es hat eben auch den Haken, dass so viel Prunk vom Eigentlichen wieder ablenkt.

Martin Luther (1483-1546), der in unserer Stadt einst Augustiner geworden war, ließ am Festgebahren zu Fronleichnam kein gutes Haar: Keinem Fest sei er „mehr feind“ als diesem, wetterte er. „Denn da tut man alle Schmach dem hl. Sakrament, dass man's nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet.

Das klingt in unseren Ohren sehr hart, die wir doch – davon gehe ich aus – das Fronleichnamsfest sehr lieben. Doch auch Tomáš Halík, der 1978 hier in Erfurt im Geheimen durch Bischof Hugo die Priesterweihe empfing, merkt in seinemBuch „Zeit der leeren Kirchen“ (2021) kritisch an: „Die Bemühung, die Volks­fröm­migkeit einer prämodernen Gesell­schaft nachzuahmen, die längst ihren kulturell-historischen Kontext verloren hat, oder li­turgische Barockfeste zu veran­stalten, erzeugen im besten Fall Fol­klore für Touristen, häufiger jedoch eine bedauernswerte Pein­lichkeit“.

Tun wir nicht zu schnell ab, was Luther oder Halík hier kritisieren. Es ist sehr wohl die Frage, was wir mit unserer Prozession heute ausdrücken, ja verkünden wollen: Uns selbst? Eine Kirche, die trotz der Krisen Menschen mobilisieren kann, allen Unkenrufen zum Trotz? Wir sind immer noch eine gesellschaftlich rele­vante Gruppe, selbst hier in Erfurt! Man soll sehen, dass man mit uns rechnen muss? Demonstration und Folklore?

Oder verkünden wir Christus, um den wir uns Woche für Woche versammeln, manche sogar täglich. Nicht als Selbstzweck, für ein gutes Gewissen etwa. Sondern für die Menschen dieser Stadt, die – wie wir – in Gottes Liebe stehen, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht.

Man kann immer wieder lesen und hören: Fronleichnam sei nach dem Gründonnerstag und der Messe vom Letzten Abendmahl sozusagen ein zweites Fest der Eucharistie, diesmal aber nicht im Schatten des Karfrei­tag. Am Abend des Gründon­ners­tag verstummen Or­gel und Glocken, die Nacht des Verrates und der Gefan­gen­nah­me Christi bricht an. Die Trauer stört die Festfreude über die Einsetzung der Eucharistie enorm.

Erinnern wir uns aber auch, dass wir an Gründonnerstag mit im Abendmahlssaal waren. Uns wurde keine Grundlage der Liturgie präsentiert, an der wir unsere liturgischen Bräuche messen könn­ten. Der Evangelist Johannes handelt all das mit einem einzigen Satz ab: „Es fand ein Mahl statt.“ Für seine Zuhörer war ja klar, wie man sich das vorstellen musste. (Wir wüssten es gerne etwas genauer.)

Johannes erzählt statt dessen, dass Jesus in dieser spannungs­ge­la­de­nen Nacht das Mahl stehen und liegen lässt. Er vollzieht an sei­nen Jüngern den Sklavendienst der Fußwaschung. Auch an Judas Is­ka­riot. „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr…

Eucharistie und die Praxis der Nächstenliebe, der dienenden Liebe füreinander – sogar für den Verräter – gehören untrennbar zusammen. Eucharistie ohne den Blick auf diese Welt, so wie sie ist (und nicht nur in Abgrenzung zu ihr!), mit all ihren verführerischen und üblen Gerüchen, dem Schmutz, der Leben eben auch umgibt, aber auch mit dem Glanz, der gerade im Einfachen und Menschlichen immer wieder neu auf- und durch­bricht, kann es nicht geben.

Wie kann ER uns seinen Leib zu essen geben?

Wir wundern uns, dass unser HERR Jesus die menschlichen Ab­gründe nicht gemieden hat. Musste ER diesen Weg der Entäuße­rung so weit gehen? Noch immer stellen wir uns diese Frage und finden nicht so recht die griffige Antwort darauf. Eigentlich kön­nen wir nur dankbar und staunend wahr-nehmen: Dieser Gott, an den wir glauben, ist nicht gekommen, uns zu richten, sondern uns aufzurichten.

Aufzurichten – das ist auch heute der Auftrag der Kirche, die entsteht, indem sie durch Christi Leib wie mit dem täglichen Brot genährt wird und so selber dieser Leib Christi wird: in der Eucharistie – klar! – aber auch durch Gottes Wort, das zum nahrhaften Brot wird, und überall da, wo sie wie Christus diese Welt in den Blick nimmt und entsprechend handelt.

Der dunkle Fleck der Kirche, der in Julianas Vision eine zentrale Rolle spielte, worin besteht er heute? – Vielleicht müssen wir neu lernen, Fronleichnam nicht als Fest der Selbstgefälligkeit zu feiern. Vielleicht ist es an der Zeit, die dunklen Flecken unserer Kirche(n) anzuschauen, Christus hinzuhalten, IHN wieder die Mitte sein zu lassen, um die sich alles dreht (und eben nicht um uns und unsere Vorstellungen). Vielleicht ist es an der Zeit, Fronleichnam als Fest zu feiern, dass Gott sich in Christus der ganzen Welt zuwendet, unwiderruflich und fortwährend. Dafür sind wir seine Zeuginnen und Zeugen!

Wir tragen IHN durch unsere Stadt. Wir tragen IHN zu den Men­schen, die hier leben, und die wohl alle irgendwo ähnliche Sor­gen plagen, wie uns: um die Liebsten, um die Zukunft, die im Dun­keln liegt, um Angehörige und Freunde, die krank sind oder in anderen Nöten stecken; zu allen Menschen, ob sie nun versu­chen, als Gläubige Menschen ihren Auftrag heute zu erfüllen, oder ob sie gottvergessen leben, ob sie gedankenlos leben oder einfach nur gute Menschen sein wollen.

Wir glauben, dass Gott sich den Menschen niemals verschließt. Kei­nem. Wir glauben, dass Gott unsere Welt nicht meidet. Wir glau­ben, dass wir alle Seiner Barmherzigkeit bedürfen. Wir erfah­ren, dass ER uns trotz dunkler Flecken nie verlässt – und hoffen, dass wir auch künftig niemals gottverlassen sein werden.  

Diese Zuversicht haben wir nicht für uns alleine. Sie lässt uns nicht ruhen. Sie treibt uns an, wenn wir uns zur Eucharistie ver­sam­meln, um uns wieder neu hineinnehmen zu lassen in den Leib Christi, der wir durch Seine Gnade sein und immer wieder neu werden dürfen. „Das ist mein Leib“, heißt es in den Wand­lungs­worten. Es bezieht sich nicht nur auf das Stück Brot in den Händen des Priesters, sondern auch auf die Gemeinde, die hier versammelt ist. Auch sie soll Leib Christi sein und immer wieder werden. Nicht nur im Brot der Eucharistie ist Christus zugegen, sondern hoffentlich auch durch uns: unser Denken und Handeln.

Christus wendet sich auch heute unserer Stadt mit ihrer Leben­dig­keit und ihren Sorgen zu. Das darf uns bewusst werden, wenn wir nachher mit IHM durch die Straßen Erfurts gehen, oder heute auf die "Stadtkrone", den Petersberg: mit der Monstranz, aber noch mehr und hoffentlich auch selbst als wahre Christusträgerinnen und Christusträger. Amen.

Fürbitten Litanei

Christus, ich trage dich nach Hause in meine Wohnung, zu meiner Familie, in meine Gemeinschaft, in die Nachbarschaft. Meine Liebsten und mein ganzes Umfeld – da sollst auch du sein – mitten unter uns.

Christus, ich trage dich an meinen Arbeitsplatz und zu den Menschen, mit denen ich fast tagtäglich zusammen bin; zu den Kolleginnen und Kollegen und zu denen Menschen, für die ich dasein muss; auch hier sollst du zu finden sein – mitten unter uns.

Christus, ich trage dich auf den Wegen, auf denen ich unterwegs bin: durch die Straßen und Orte, über Land; ich trage dich, wenn ich einkaufen gehe; ich trage dich zu den Menschen, die mir in diesen Läden begegnen; sei du auch dort zu finden – mitten unter uns.

Christus, ich trage dich in meinem Herzen; und da begegnest du all denen, die zwar räumlich weit weg von mir sind, aber doch ganz nah in meinem Herzen: Die vielen Menschen, die ich mag und doch so selten sehen kann; die mich manche wichtige Wegstrecke begleitet haben. Sei du auch bei ihnen – mitten unter ihnen.

Christus ich trage dich durch unsere weite Welt: auch auf Reisen und im Urlaub bist du bei mir; in mir begegnest du den Fremden; und in den Fremden begegnest du mir. Wo ich auch hingehe: Du bist schon da – mitten unter uns.

...

31

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May

2023

Pfingstkapitel in Würzburg

Bruder Jeremias OSA

Der zweite Teil des Provinzkapitels 2023 fand wieder in Würzburg statt. Der wiedergewählte Provinzial P. Lukas Schmidkunz OSA wurde vom Generalprior des Augustinerordens, P. Alejandro Moral Antón OSA, der dem Kapitel vorstand, eingeführt.

In die Provinzleitung wurden gewählt: P. Christian Rentsch OSA (Maria Eich), P. Alfons Tony OSA (Würzburg), Br. Marcel Holzheimer OSA (Würzburg) und Br. Jeremias Kiesl OSA (Erfurt). Zum Provinzsekretär wählte das Kapitel Br. Michael Clemens OSA (Würzburg). Als Provinzökonom wurde Br. Peter Reinl OSA (Würzburg) bestätigt.

Zwölf Anträge standen zur Diskussion und Abstimmung. Neben dem straffen Arbeitsprogramm waren die Abende für die brüderliche Begegnung freigehalten. So konnte man spüren, dass die Bezeichnug "das Provinzkapitel feiern" nicht nur eine hohle Floskel ist.

Beim dritten Teil Ende Juni werden dann die Versetzungen entschieden.

Hier ein paar visuelle und auditive Eindrücke: 

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May

2023

Pfingsten 2023 in der Brunnenkirche

Bruder Jeremias OSA

Pfingsten Lesejahr A * 27./28.05.2023 * in derBrunnenkirche (VAM + 13h)

Einführung

+ Der HERR, der uns seinen Heiligen Geist schenkt, sei mit euch!

50 Tage sind sind seit Ostern vergangen: Heute, am jüdischen Wochenfest, einem der drei großen Pilgerfeste, beginnt Neues: Die Kir­che wird vor den Augen der Pilger aus aller Welt geboren, und viele reagieren FASSUNGSLOS:

Fassungslos sind die Einwohner von Jerusalem: Jesus, das war doch der, den sie wie einen Verbre­cher gekreuzigt hatten?! Jetzt sagen seine Jünger: „Wir gehören zu ihm!“ Und: „Er lebt!“ Und: „Durch ihn können wir alle frei und ohne Angst leben!“

Fassungslos sind bis heute Menschen, wenn sie spüren: Jesus lebte nicht nur damals, vor mehr als 2000 Jahren in einem fernen Land. Sondern: Jesus lebt in mir und in allen, die wie wir glauben. ICH kann frei und ohne jede Angst leben! Ja, sein Geist wirkt manchmal auch durch mich!

Fassungslos bin ich, wenn mir bewusst wird, dass Gott mit mir rechnet: Der große Gott braucht mich? Was kann ich IHM schon geben? Wer bin ich – vor IHM? Vor den Menschen, die mir nahe sind? Vor mir selber? – Nicht zu fassen: Er braucht mich! Nicht zu fassen: Er rechnet mit Dir!

Von der ersten Stunde an ist die Kirche wahrhaft "katholisch": Jede und jeder kann vom Geist ergriffen werden. ER macht vor niemanden Halt, ob Mann oder Frau – ja, auch divers, jung und alt, vor keiner Nation – weltweit umspannend, ein „Global Player“ von der ersten Stunde an.  

Lassen wir uns vom weiten Geist Gottes ergreifen. Lassen wir uns vom Geist des Auferstandenen weiten und befreien!

Pfingstwunder – von andreas knapp

alle reden
wirrwarr durcheinander
wildes kauderwelsch
ein einziges gebabel
keiner hört mehr zu

gottes geist jedoch
schafft stimmige stille
und im feuer des schweigens
ein verstehen springt über
das keine worte mehr braucht

Evangelium: Joh 20,19-23
Predigt

Noch einmal führt uns der Evangelist Johannes zurück zum Oster­tag. Der Auferstandene war am Morgen Maria Magdalena er­schie­nen. Ihre Bot­schaft aber konnten die Jünger nicht glau­ben. Schließ­lich waren Petrus und der Lieblingsjünger höchst­persönlich zum Grab ge­laufen: leer – sie hatten ihn nicht gefun­den. Jetzt am Abend erst tritt der Auferstandene in die Run­de der zehn Apostel; ja, nur zehn, Judas fehlt aus bekannten Gründen, aber auch Thomas ist nicht da. Für ihn wird es nach acht Tagen einen weiteren Anlauf brauchen.

So ist das im Johannes-Evangelium: Man muss aufeinander warten. Selbst wenn einer oder eine mal die Nase vorn hat, heißt es doch wieder warten. Im Falle der Apostel ist es ein verschlossener War­teraum, in dem es nach Angst riecht.

Man darf aufeinander warten. Das zahlt sich aus. Nun geht nie­mand mehr verloren: Alle empfangen Heiligen Geist. Thomas, der Nach­züg­ler, wird zum ersten, der den auferstandenen Jesus voll­umfänglich erkennt und be­kennt: „Mein HERR und mein Gott!“ (Joh 20,28)

Wo Gottes Geist ist, da ist Freude. Die Furcht der Jünger wird erschüttert durch das Shalom des Auferstandenen. Diese Begegnung war eben keine Abrechnung mit den Feiglingen des Karfreitag. Sie wurde zur neuen Berufung in die Nachfolge. Da freuen sich die Jünger, weil sie erfahren: Jesu Vergebung, seine Ermögliching von Leben, sie gilt nach Ostern erst recht! Beim zweiten Shalom Christi wird auch deutlich, dass sie nun ihrerseits auf Friedensmission geschickt werden: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ – Im Geist der Freude!

Dennoch gehört auch der Schmerz dazu, dass die Einheit verloren geht, brüchig ist und noch allzu oft ver­misst wird. Wenn wir am Pfingstfest sagen, dass wir heu­te den Geburts­tag der Kirche feiern, so dürfen wir freilich die Her­ausforderung nicht über­sehen, die ge­rade darin liegt. Denn die Ein­heit, um die Christus im Abendmahls­saal ge­betet hatte (Joh 17), ist zerbrochen. Sie muss daher bis heute unser Gebet und unsere Sehn­sucht bleiben. Sie ist vor allem ein geistlicher Weg, der al­lerdings im Beisammen-bleiben oft unvermit­telt die Freude des Auferstand­enen schenkt, wenn ER in unserer Mitte erfahrbar wird. Im Hl. Geist, im Geist des gekreu­zig­ten und auferstande­nen HERRN, kön­nen wir uns schon jetzt über die Grenzen der Konfessio­nen hinweg ver­sammeln.

Für uns Katholiken ist eines Priesters vornehmste Aufgabe, die Ein­heit sei­ner Gemeinde zu suchen und nach Kräften zu fördern. Er soll helfen, dass die Gemeinde wahrhaft „Leib Christi“ ist und wieder neu wird. Er muss seine Gemeinde in Verbindung mit Christus bringen, etwa durch die Sakra­mente. Gerade darin erfährt der Priester aber auch selbst, wie sehr Chris­tus ihn hält. Etwa in der Eu­charistie: Ich halte die Hostie hoch, aber gerade darin erfahre ich, dass die versammelte Gemeinde mich hält, ja dass Chris­tus mir Halt gibt, dessen Leib auch diese konkrete Ge­meinde vor mir ist. Des­halb ist es für uns Katholiken so wichtig, das Mahl der Einheit oft, mindestens wöchentlich am „Tag des HERRN“ zu fei­ern, Christus in unserer Mitte gegenwärtig zu erfahren.

Das ist freilich keine Abwertung anderer Formen. Wo immer sich Gemeind­e um Christus versammelt, da geschieht Eucha­ristie: Vergegenwärt­igung des gekreuzigten Auferstandenen. Der Priester soll den Raum für Chris­tus weit offen halten: offen und weit, da­mit Men­schen unterschiedlichster Herkunft und Prä­gung teilhaben am Reich Got­tes, das prinzipiell allen offen steht. Denn Kirche ist von Beginn an welt­weit – international – allumfas­send (vgl. Apg 2,1-11).

Wo der Geist Christi ist, da ist Freude. – Christus haucht die Jün­ger an. Er bläst ihnen den Odem des ewigen, göttlichen Le­bens ein. Am 8. Tag, dem Tag der Auferstehung, beginnt die neue Schöpfung Got­tes. Der Ruach Elohim wirkt und erneuert.

Am Ostertag bereits wird nachdem Johannes-Evangelium den Jün­gerInnen Heiliger Geist geschenkt. Er ist verknüpft mit der Voll­macht der Sündenvergebung. – Damit habe ich einige Prob­le­me. Mir fällt es schwer, allen zu vergeben. Ver­letzungen, die mir je­mand zugefügt hat, machen es mir schwer, zu verge­ben. Der Schmerz macht mich ungnädig.

Umso spannender ist es, dass es auch bei der Begegnung des Aufer­stan­den­en mit den Jüngern um eine Geschichte der Ver­let­zungen geht. Jesus war von allen verlassen und verraten wor­den. Nun aber steht er mitten unter ihnen. Er ist freilich kein Held aus Hollywood, dem kein Haar ge­krümmt wäre. Im Gegenteil: An den Wunden er­ken­nen ihn die Sei­nen. KeinZweifel: Es ist der HERR!

Der Friede, den Jesus schenkt, macht den Schmerz nicht unge­sche­hen. Die Wunden zu ignorieren oder zu verstecken funk­tio­niert nicht. Sie müssen angesehen werden. Also hinschauen! Versöhnung ge­schieht über die Wund­male hinweg. – Wagen wir es, unsere Wun­den zu zeigen? Wage ich anzuerkenn­en, dass ich selbst die Ursache mancher Verlet­zung geworden bin?

Vielleicht ist es gar nicht zuerst ein Appell, den Christus for­mu­liert, son­dern eine Aussage: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlas­sen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten” (Joh20,23). Mein Nicht-vergeben-kön­nen bleibt an mir haften, wie die Wun­den, die mich schmerzen. Erst wenn die Wunden in den Blick kä­men, könnte Heilung beginnen. Amen.

Segen

Es segne uns der Geist,
der war und ist,
dass wir als Gewordene werden,
wozu wir gemacht sind,
als Geliebte lieben, die ungeliebt sind,
als Beschenkte beschenken, die gabenlos sind,
als Gerufene rufen, die keiner sonst ruft,
als Entfachte entfachen das Feuer der Liebe,
entzündet aus ihm.