Der Geist unseres HERRN Jesus Christus, der die Furcht aus uns vertreibt, sei mit euch!
Jeremia leidet. Der Prophet, der uns wie kein anderer an seinem Innenleben teilnehmen lässt, hört Getuschel und Gezischel: Selbst seine „nächsten Bekannten“ entpuppen sich als Gegner. Gott, von dem Jeremia redet, will keiner. Jeremia steht mit ihm ganz alleine da. Dennoch antwortet der Prophet auf diese bedrückende Erfahrung am Ende mit umso größerem Gottvertrauen.
In so extremer Lage sind wir nicht – Gott sei Dank. Obwohl es auch bei uns so scheint, als wolle kaum jemand von diesem Gott hören, in dessen Namen wir uns versammelt haben. Das macht es für viele Christen heute schwer, zu ihrem Glauben zu stehen und gar Zeugnis von der Hoffnung zu geben, die uns trägt.
Wer will schon gern belächelt werden? Wer setzt sich gern dem Spott aus: Du brauchst das halt! Wir aber nehmen unser Leben selbst in die Hand! – Als ob Glauben bedeuten könnte, Verantwortung für sich abzugeben. Im Gegenteil: Nicht nur für sich, sondern auch für die Welt, in der wir leben, übernehmen wir Verantwortung – im tätigen Engagement und im Gebet.
„Fürchtet euch nicht, euch vor den Menschen zu mir zu bekennen“, so ermutigt uns Jesus Christus, den wir als unseren Herrn in unserer Mitte begrüßen.
Schaut her, ihr Gebeugten, und freut euch; ihr, die ihr Gott sucht: euer Herz lebe auf! (Ps 69,33) – Der HERR hat sich unser erbarmt und das drückende Joch der Sünde, des Kleinglaubens und der Angst von uns genommen. ER führe uns an Seiner Hand in das weite Land seines Friedens. Amen.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen!
Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.
Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht,
und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!
Fürchteteuch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können,
sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!
Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig?
Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.
Bei euch aber sind sogardie Haare auf dem Kopf alle gezählt.
Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.
Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich
vor meinem Vater im Himmel bekennen.
Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.
„Hört auf, Euch zu fürchten! Fangt an, als Gerettete zu leben!“
Das rief vor 20 Jahren der Politiker und Theologe Wolfgang Ullmann den Menschen zu, die gegen das sogenannte Bombodrom in der Ruppiner Heide protestierten. Aus dem ehemals sowjetischen Truppenübungsplatz wollten die Politiker den größten Bombenabwurfplatz des Landes machen.
Ullmanns Fundament ist die Botschaft des Engels an die Frauen am Grab des Auferstandenen: Fürchtet Euch nicht! Zu den Versammelten sprach er: „Umbringen konnte man Jesus. Besiegen aber nicht. Seither richtet sich seine Aufforderung an alle Welt: Fürchtet die nicht mehr, deren Macht allein darauf beruht, dass sie euch mit dem Tod bedrohen und diese Drohung auch wahrmachen können. Das letzte Wort hat nicht der Tod, sondern das Leben.“
In unserem Evangelium ruft Jesus seinen Jüngern viermal zu: Fürchtet Euch nicht!
Dabei haben sie durchaus Anlass dazu, wie wohl auch die Gemeinde, an die sich der Evangelist Matthäus richtet: Ihre Verfolgung hatte ja schon begonnen.
Unser Evangelium gehört zur Aussendungsrede Jesu. Er bereitet seine Jüngerinnen und Jünger auf ihre Aufgabe vor und ermutigt sie, sich Mitstreiter und Weggefährtinnen zu suchen. „Ich sende Euch wie Schafe unter die Wölfe“, die warten ja bekanntlich immer auf eine leichte Beute. Es gibt Gründe, sich zu fürchten, sie werden Verfolgungen ausgesetzt sein. Haß und Spott werden sie ernten. Man wird sie foltern und ihnen den Prozess machen und die eigenen Brüder, Väter und Söhne werden sie verraten oder töten,
Und da sollten sie sich nicht fürchten?
Der französische Humanist Michel de Montaigne schrieb während der Glaubenskriege im 16. Jahrhundert: „Wovor ich mich am meisten fürchte, ist die Furcht. Ihre Gewalt übersteigt in der Tat alle anderen Bedrängnisse.“ Wer sich fürchtet, nimmt die mutmaßlichen Übel der Zukunft schon vorweg, als wären sie eingetreten. Die Furcht beginnt, das Denken und Handeln zu beherrschen – sie verändert uns. – Wir beginnen zu vermeiden, wodurch das Befürchtete eintreten könnte. Wir werden zu Sklaven unserer eigenen Vorstellungen.
Davon möchte Jesus seine Jüngerinnen und Jünger befreien.
Fürchtet Euch nicht! Niemand kann die Seele töten. - Doch wie können wir die Furcht überwinden? Hier wird Großes von uns verlangt: Vertrauen können.
Damalige Hörer und Leserinnen erinnern sich vielleicht an den Vers aus dem 23. Psalm: Und wenn ich wandere durchs finstere Tal – durch die Todschattenschlucht, heißt es genau – fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir.“ Wer in der Dunkelheit wandert, sieht seinen Begleiter nicht. Gott erspart uns die Todschattenschlucht nicht. Aber wir können in größter Gefahr auf ihn vertrauen.
Wenn Ihr Euch von der Furcht überwältigen lasst, werdet Ihr zum Spielball derer, die Euch bedrohen. Sie werden Euch für ihre Zwecke missbrauchen. Sie töten Eure Seele. Beispiele dafür haben wir in der gegenwärtigen Welt genug.
Jesus dagegen fordert die Seinen zur Offensive auf: sie sollen sich ins Licht der Öffentlichkeit stellen, ihre Botschaft von den Dächern rufen, statt sich im Dunklen zu verstecken und ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.
„Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ Die Christliche Botschaft, der christliche Glauben ist kein Geheimkult im Verborgenen. Solche waren damals recht verbreitet. Der neue Glaube muss ins Öffentliche: „Was euch ins Ohr geflüstert wurde, das verkündigt auf den Dächern.“
Ich habe herausgefunden, dass schon in der frühchstlichen Kirche seit Ambrosius ein Ohrenritual die Taufe einleitete: die Taufe eines Kindes oder Erwachsenen begann damit, dass der Priester die Ohren des Täuflings berührte. Dabei betete er, Gott möge ihm Ohren und Mund öffnen, damit er sein Wort vernimmt und das Gehörte und damit seinen Glauben laut öffentlich bekennt zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes."
Damit ist auch klar: Nicht nur besondere, alle Christinnen und Christen sind dazu berufen, das Evangelium zu verkünden. Da gibt es keine Rangordnung. Jeder und jede ist für Gott gleichermaßen wertvoll. Für alle gilt: Fürchtet Euch nicht. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.
Das betrifft vor allem die Kleinen, so schreibt Matthäus an anderer Stelle, als die Jünger sich streiten, wer von ihnen denn nun im künftigen Himmelreich der bedeutendste ist: Niemand wird verloren gehen. (Mt 10,42) Und wer dem in dieser Welt Allergeringsten auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.
Dennoch: Die Aufforderung, sich nicht zu fürchten, bleibt eine Zumutung: Sie setzt voraus, dass wir darauf vertrauen, dass am Ende unserer Geschichte mit Gott nicht der Tod, sondern das Leben steht.
Heute werden wir im Anschluss an den Gottesdienst über die Confessio Augustana sprechen. Das war eine Zusammenfassung der bis 1530 entstandenen reformatorischen Lehre, das Ergebnis langer Verhandlungen. Alle wichtigen Reformatoren befanden sich in Augsburg auf dem Reichstag – nur Martin Luther nicht.
Luther durfte das Gebiet der reformationsfreundlichen Fürsten nicht verlassen. So saß er von Mitte April bis Anfang Oktober auf der Veste Coburg fest und war auf die Briefe und Nachrichten der Freunde angewiesen. Er durfte nicht mitreden!! Für ihn waren das lange Ausharren, das Abgeschnittensein von den Weggefährten eine der schwärzestenZeiten seines Lebens. So schrieben sich Melanchthon in Augsburg und Luther in Coburg auch gegenseitig Trostbriefe, denn beide fürchteten sich zwischendurch und verloren zeitweise den Mut.
Luther Briefe an den ewig sorgenvollen Melanchthon sind uns überliefert. Unmittelbar nachdem Luther selbst einen Zusammenbruch hatte, schrieb er an Melanchthon:
Veste Koburg, 27. Juni 1530
Ich hasse ganz außerordentlich Deine elenden Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst, und daß sie so in Deinem Herzen herrschen. Das liegt nicht an der Größe der Sache, sondern an der Größe unseres Unglaubens. … Warum marterst Du Dich denn ohne Unterlaß und ohne Unterbrechung so ab? Wenn die Sache falsch ist, so wollen wir sie widerrufen; ist sie aber wahr, warum machen wir den … zum Lügner, der uns befiehlt, ein ruhiges und sorgloses Herz zu haben? … Ich bin auch öfters zerschlagen, aber nicht dauernd. …. Als ob Ihr durch diese Eure unnütze Sorge wirklich etwas ausrichten könntet! Was kann denn der Teufel mehr tun, als daß er uns töte! Was mehr? …. Ich bete gewiss fleißig für Dich und es tut mir leid, daß Du unverbesserlicher Sorgen-Blutegel meine Gebete so vergeblich machst. … Denn wenn wir durch seine Verheißungen nicht aufgerichtet werden – ich bitte Dich, wer anders ist denn schon auf der Welt, den sie sonst angehen sollten?“ (Martin Luther: 1530. Luther-WBd. 10, S. 201 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht)
Dabei geht es um nicht weniger als unsere Freiheit: Wir sind aufgefordert, zu bekennen und nicht zu verleugnen. Wir kennen die Geschichte von Petrus. Der war tief gekränkt, als Jesus ihm voraussagte, er würde ihn drei Mal verleugnet haben, bevor der Hahn kräht. „Ich doch nicht!“ Dann, nach der Gefangennahme Jesu, sitzt Petrus nachts am Feuer vor dem Gefängnis und eine Magd erkennt ihn als einen Freund des Verhafteten. Petrus behauptet zweimal: Ich weiß nicht, wovon Du sprichst. Ich kenne den Menschen nicht.“ Beim dritten Hahnenschrei erkennt er sein völliges Versagen und weint bitterlich.
Auf diesem Versager Petrus baute Jesus seine Kirche auf. Wir können also darauf vertrauen, dass unsere Reue zählt, wenn wir ein Einsehen in unsere Fehlbarkeit haben.
Jesus sagt uns zu, dass wir uns bei Gott aufgehoben und sicher fühlen können. Das soll uns helfen, für das einzustehen, was wir als richtig und wahr erkannt haben. Und uns davor zu hüten, unsere Seele zu verkaufen.
Unser Evangelium ist voll schöner Bilder: Jesus flüstert mir ins Ohr. Ich rede von den Dächern.
Jesus spricht in die Finsternis, ich rede im Licht, im Offenen und Freien.
Ich selbst verwandle das geflüsterte Wort in öffentlich Rede, bringe es von der Dunkelheit ans Licht. So werde ich zum Träger, zur Trägerin der frohen Botschaft.
Dabei schaut Gott zärtlich und liebevoll sorgend auf uns. Fürchtet Euch nicht. Ihr seid kostbarer als Sperlinge. Jedes Haar von Euch hat Gott im Blick.
Nein, wir sind nicht frei von Furcht.
Aber wir können Gott bitten, dass er uns jetzt, in der Gegenwart, Mut verleiht zum Reden und Handeln. Und dass wir bei ihm aufgehoben sind in alle Ewigkeit. Amen.
+ Jesus Christus, unser göttlicher Bruder und Heiland, sei mit euch!
„Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ Mit diesem Auftrag sendet Jesus seine Apostel aus. Gilt das auch heute? Für uns, seine Jüngerinnen und Jünger?
Hoffentlich sind auch heute Christen – also Menschen in der Nachfolge Christi – imstande, unvorstellbar Gutes zu tun, zu helfen, dass Menschen heil und ganz werden können, dass einen neue Lebendigkeit entstehe und die Aussätzigen in unseren Kirchen eine Heimat finden, ja dass sogar die Dämonen des Hasses und des Misstrauens, die Abergeister, die uns klein machen und schwächen, überwunden werden.
Und dass es in unserer Mitte nie geschehe, dass jemand verärgert, ungetröstet oder gar missbraucht und geschunden werde. Sicher ist das leider nicht. Wir sind Sünder. Lasst uns also den HERRN bitten, dass er uns vergebe, zur Umkehr führe und uns im Guten stärke. Darum rufen wir zu ihm:
Herr Jesus Christus, manche Wege sind so öde, dass wir über sie nur schimpfen können. Krieg und die Spaltung unserer Gesellschaft haben wir satt. – HERR, erbarme dich.
Christus, du hast den bösen Geistern das Fürchten gelehrt. Bewahre uns davor, uns selbst vom Ungeist bestimmen zu lassen. – Christus, erbarme dich.
HERR, wenn wir müde und erschöpft sind, schau gnädig auf uns. Schenke uns den Mut, barmherzig zu sein. – HERR, erbarme dich.
Dankt ihm, preist seinen Namen! Denn der HERR ist gut, / ewig währt seine Huld * und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue (Ps100).
In jener Zeit,
als Jesus die vielen Menschen sah,
hatte er Mitleid mit ihnen;
denn sie waren müde und erschöpft
wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß,
aber es gibt nur wenig Arbeiter.
Bittet also den Herrn der Ernte,
Arbeiter für seine Ernte auszusenden!
Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich
und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben
und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.
Die Namen der zwölf Apostel sind:
an erster Stelle Simon, genannt Petrus,
und sein Bruder Andreas,
dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus,
und sein Bruder Johannes,
Philíppus und Bartholomäus,
Thomas und Matthäus, der Zöllner,
Jakobus, der Sohn des Alphäus,
und Thaddäus,
Simon Kananäus und Judas Iskáriot,
der ihn ausgeliefert hat.
Diese Zwölf sandte Jesus aus
und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden
und betretet keine Stadt der Samaríter,
sondern geht zu denverlorenen Schafen des Hauses Israel!
Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!
Heilt Kranke,
weckt Tote auf,
macht Aussätzige rein,
treibt Dämonen aus!
Umsonst habt ihr empfangen,
umsonst sollt ihr geben.
Jesus sieht die Menschen – und hat Mitleid mit ihnen. – In dieser kurzen Aussage verknüpft der Evangelist Matthäus Jesus von Nazareth mit gleich zwei wichtigen Vokabeln, die für das Glaubensleben Israels ganz bedeutsam waren. Im Ersten Testament wird das nämlich von Gott gesagt: Adonai Elohim, der HERR, der Gott Israels, ist der Gott, der mich sieht (Gen 16,13 |Jahreslosung 2023!). Gott sieht nicht hinweg über die Not seines Volkes, auch nicht hinweg über die Not eines jeden Einzelnen, und sei er in den Augen dieser Welt noch so unbedeutend. „Du bist der Gott, der mich sieht!“
Eng verbunden mit diesem Sehen Gottes ist sein Mitleid. Diese „Schwäche“ Gottes ist zugleich seine große Stärke (Papst Franziskus I). Sein Erbarmen (hebr. rachamím; im Plural!) schafft Raum für neues Leben. Sehen und aus Mitleid sich erbarmen, es sich an die Eingeweide gehen lassen, sind Grundbegriffe, wie Gott handelt.
Genau das sagt nun der jüdischste unter den Evangelisten – Matthäus – über Jesus von Nazareth. Er begründet das Mitleid Jesu (griech.: esplanchizomai) mit einem Bild, das für jeden Juden der Zeitenwende eng mit dem Gott Israels verbunden war: „Sie waren […] wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36). Dieses Bild war engstens mit der Erwartung verbunden, dass doch Gott selbst nun bald eingreifen würde als der wahre Hirte seines Volkes Israel.
Damit hat Matthäus die Pflöcke eingeschlagen, in Jesus den Christus, den erwarteten Messias Israels, zu erkennen. So wundert es uns dann auch nicht mehr, dass er die Namen der Zwölf Apostel aufzählt. Sie stehen für die Sammlung und Heilung des Volkes Gottes und seiner zwölf Stämme. Ausdrücklich wird diesen Aposteln untersagt, zu den Samaritern oder gar den Heiden zu gehen. Das kommt erst etliche Kapitel später; erst muss Jesus selbst lernen und begreifen, dass sein Auftrag viel weiter geht und vor den Grenzen des Gottesvolkes nicht Halt macht. Dann aber wird der Auftrag lauten, das Evangelium der gesamten Schöpfung zu verkünden und alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen.
Die zwölf Apostel erhalten den Auftrag, das Heilige Volk zu heilen, Tote zu erwecken, alle zu reinigen und von den Dämonen zu befreien. Wir können nun diskutieren und überlegen, was alles damit gemeint sein könnte. Wichtig aber scheint mir: Es geht um den Heilungsdienst, der die Abergeister (!) verstummen lässt und neuer Lebendigkeit Raum gibt.
Jesus wird also vom Evangelisten ganz mit dem Arm Gottes identifiziert. Gott handelt als guter Hirte an den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ durch seinen Gesalbten. Jesus Christus ist sozusagen das Werkzeug Gottes.
Trotzdem ist auch hier etwas im Spiel, das im Ersten Testament sicher bereits angelegt ist, jetzt aber noch weiter entfaltet wird. Im Frühjudentum war man so verzweifelt über diese Welt und ihre Machthaber, dass man nur noch Gott allein zutrauen wollte, dass er diese Welt zu Ende bringe und eine neue, von Gottes Geist geprägte Erde heraufführen werde. Menschen konnten da nichts tun, außer vertrauensvoll auf das Handeln Gottes zu warten.
Jesus, der selbst das Werkzeug oder der Bevollmächtigte Gottes ist, wendet sich jedoch an seine Jüngerinnen und Jünger. Es braucht, sagt er, Arbeiterinnen für die Ernte, die nun bevorsteht. Doch auch dann sind es zu wenige, die mitarbeiten. Es bracht noch viel mehr, denn „die Ernte ist groß“. Gott muss eingreifen, aber nicht, um alles Heil zu vollbringen, was Menschen erwarten; es braucht Gott, damit er noch mehr Arbeiter und Arbeiterinnen anwerbe für diese Ernte.
Das Mitwirken von Menschen wird hier also ganz stark gemacht! Aber auch der Umgang mit dieser göttlichen Macht, die es doch angesichts der Krankheiten und des Unheils, der Dämonen und sogar des Todes braucht, wird ausgeteilt.
Jesus hat seine Vollmacht als Heiland von Gott erhalten. Nun aber stattet er die Seinen mit eben dieser Vollmacht aus – und öffnet noch weiter die Tür, damit auch die Jüngerinnen diese Macht weiter mit denen teilen, die künftig mitarbeiten wollen.
Wir lernen hier, wenn man so will, en passant den Umgang Gottes mit der Macht. Gott teilt seine Vollmacht seinem Gesalbten und dessen Jüngern mit, die ihrerseits auch so mit Macht umgehen (sollten). Macht habe ich nie für mich. Sie gehört geteilt. Sie muss zum Dienst für diese Welt werden!
Dafür gibt es eine schlichte Begründung: „Gratis habt ihr empfangen, gratis sollt ihr geben!“ (Mt 10,8). So einfach ist das.
So schwer scheint das zu sein in unserer Kirche, die hier kaum anders unterwegs ist, wie die Menschen sonst auch. Hüte dich vor denen, die zwar Geld und Macht gewonnen haben, denen aber die Kultur dafür absolut fehlt!
Deshalb ist es auch so unsäglich grauenvoll, dass Menschen, die sagen, sie folgten Christus nach, ihre Macht in unserer Kirche so missbrauchen – bis hin zum sexuellen Missbrach, der Leben zerstört. Und das mit dem ausdrücklichen Auftrag Jesu im Ohr, zu heilen und zum Leben zu verhelfen! Das will nicht in meinen Kopf, dass diese Schizophrenie möglich war – und wahrscheinlich immer noch und immer wieder möglich ist. Kein Wunder, wenn wir als Gemeinschaft der Gläubigen heute so wenig mit göttlicher Vollmacht (Exousia) verkünden...
Wenn aber der Auftrag der Jüngerinnen Jesu der umfassende Heilsdienst ist – wie müssten wir dann unser Leben in unseren Gemeinden gestalten? Vorsicht, von den anderen oder gar denen da oben wissen wir es immer sehr schnell. Aber wo erkenne ich meinen ureigenen Auftrag? – Stellen wir uns auch in dieser Woche diese unausweichliche Frage! Amen.
O unbegreifliche Liebe!
Deine Seele gewinnt Stärke
aus der Sehnsucht seiner Liebe.
Rüttle Dich auf, öffne das Auge des Verstandes
und schau in den Abgrund der göttlichen Liebe!
Wenn Du nicht schaust, kannst Du nicht lieben.
So viel wirst Du lieben, als Du sehen kannst!
HERR Jesus Christus,
im wunderbaren Sakrament des Altares
hast du uns das Gedächtnis deines Leidens
und deiner Auferstehung hinterlassen.
Gib uns die Gnade, die heiligen Geheimnisse
deines Leibes und Blutes so zu verehren,
dass uns die Frucht der Erlösung zuteil wird.
Der du in der Einheit des Hl. Geistes mit Gott dem Vater
lebst und herrschest in alle Ewigkeit. Amen.
Wir feiern Fronleichnam. Ein opulentes Fest, das bisweilen in die Folklore abzudriften droht – vielleicht weil man seinen eigentlichen Inhalt nur schwer fassen kann? Wie soll man den erklären?
Jesus ist selbst damit gescheitert, als er den Menschen in der Synagoge zu Kapharnaum in der sog. Brotrede anbietet: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben... Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ (Joh 6,51f.) – Unbegreiflich! Unfassbar!
Jesus versucht es noch immer. WIR haben seine Worte soeben gehört. Doch im Anschluss an den heutigen Evangeliumstext, nur zwei Verse weiter, sagen auch viele Jüngerinnen und Jünger (!): „Was er sagt ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (Joh 6,60)
Ein Geheimnis, das nicht zu verstehen ist, nur im Schauen und Lauschen mag ganz allmählich eine Ahnung davon erwachsen. Thomas von Aquin sagt: „Nur wer es erfährt, kann es fassen ... mit Worten kann man es nicht erklären.“ – Geheimnis des Glaubens: Christus verschenkt sich an uns, nährt uns wie Brot, trägt sich uns an, um ganz in uns einzugehen. Da können wir nur staunen und danken: Geheimnis der Eucharistie.
Eine besondere Schau hatte die Augustiner-Chorfrau Juliana von Lüttich im 13. Jhd. In ihren Visionen zeigte sich der Mond in vollem Glanz, aber mit einem dunklen Fleck. Christus gab Juliana zu verstehen: Der Mond symbolisiert das Leben der Kirche auf der Erde, der dunkle Fleck dagegen das Fehlen eines liturgischen Festes zu Ehren des Allerheiligsten Altarsakramentes. Juliana sollte sich tatkräftig für die Einführung eines solchen Festes einsetzen, was 1246 in Lüttich mit der ersten Fronleichnams-Prozession geschah. Später wurde das Fest der Eucharistie für die ganze Kirche verpflichtend (seit 1264): Ein voller Erfolg, könnte man sagen.
Der Prunk der Prozessionen steigerte sich. Trug man am Anfang den Leib Christi wahrscheinlich lediglich in einer Pyxis, wie man sie bei der Krankenkommunion verwendet, so braucht es heute die prächtige Monstranz, den Tragehimmel, eine Blaskapelle, Blumenteppiche, mancherorts sogar Figuren, die von verschiedenen Gruppen geschmückt und mitgetragen werden, Fahnen und Weihrauch, … Die ganze barocke Prachtentfaltung eben. Das ist alles schön. Aber es hat eben auch den Haken, dass so viel Prunk vom Eigentlichen wieder ablenkt.
Martin Luther (1483-1546), der in unserer Stadt einst Augustiner geworden war, ließ am Festgebahren zu Fronleichnam kein gutes Haar: Keinem Fest sei er „mehr feind“ als diesem, wetterte er. „Denn da tut man alle Schmach dem hl. Sakrament, dass man's nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet.“
Das klingt in unseren Ohren sehr hart, die wir doch – davon gehe ich aus – das Fronleichnamsfest sehr lieben. Doch auch Tomáš Halík, der 1978 hier in Erfurt im Geheimen durch Bischof Hugo die Priesterweihe empfing, merkt in seinemBuch „Zeit der leeren Kirchen“ (2021) kritisch an: „Die Bemühung, die Volksfrömmigkeit einer prämodernen Gesellschaft nachzuahmen, die längst ihren kulturell-historischen Kontext verloren hat, oder liturgische Barockfeste zu veranstalten, erzeugen im besten Fall Folklore für Touristen, häufiger jedoch eine bedauernswerte Peinlichkeit“.
Tun wir nicht zu schnell ab, was Luther oder Halík hier kritisieren. Es ist sehr wohl die Frage, was wir mit unserer Prozession heute ausdrücken, ja verkünden wollen: Uns selbst? Eine Kirche, die trotz der Krisen Menschen mobilisieren kann, allen Unkenrufen zum Trotz? Wir sind immer noch eine gesellschaftlich relevante Gruppe, selbst hier in Erfurt! Man soll sehen, dass man mit uns rechnen muss? Demonstration und Folklore?
Oder verkünden wir Christus, um den wir uns Woche für Woche versammeln, manche sogar täglich. Nicht als Selbstzweck, für ein gutes Gewissen etwa. Sondern für die Menschen dieser Stadt, die – wie wir – in Gottes Liebe stehen, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht.
Man kann immer wieder lesen und hören: Fronleichnam sei nach dem Gründonnerstag und der Messe vom Letzten Abendmahl sozusagen ein zweites Fest der Eucharistie, diesmal aber nicht im Schatten des Karfreitag. Am Abend des Gründonnerstag verstummen Orgel und Glocken, die Nacht des Verrates und der Gefangennahme Christi bricht an. Die Trauer stört die Festfreude über die Einsetzung der Eucharistie enorm.
Erinnern wir uns aber auch, dass wir an Gründonnerstag mit im Abendmahlssaal waren. Uns wurde keine Grundlage der Liturgie präsentiert, an der wir unsere liturgischen Bräuche messen könnten. Der Evangelist Johannes handelt all das mit einem einzigen Satz ab: „Es fand ein Mahl statt.“ Für seine Zuhörer war ja klar, wie man sich das vorstellen musste. (Wir wüssten es gerne etwas genauer.)
Johannes erzählt statt dessen, dass Jesus in dieser spannungsgeladenen Nacht das Mahl stehen und liegen lässt. Er vollzieht an seinen Jüngern den Sklavendienst der Fußwaschung. Auch an Judas Iskariot. „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr…“
Eucharistie und die Praxis der Nächstenliebe, der dienenden Liebe füreinander – sogar für den Verräter – gehören untrennbar zusammen. Eucharistie ohne den Blick auf diese Welt, so wie sie ist (und nicht nur in Abgrenzung zu ihr!), mit all ihren verführerischen und üblen Gerüchen, dem Schmutz, der Leben eben auch umgibt, aber auch mit dem Glanz, der gerade im Einfachen und Menschlichen immer wieder neu auf- und durchbricht, kann es nicht geben.
Wie kann ER uns seinen Leib zu essen geben?
Wir wundern uns, dass unser HERR Jesus die menschlichen Abgründe nicht gemieden hat. Musste ER diesen Weg der Entäußerung so weit gehen? Noch immer stellen wir uns diese Frage und finden nicht so recht die griffige Antwort darauf. Eigentlich können wir nur dankbar und staunend wahr-nehmen: Dieser Gott, an den wir glauben, ist nicht gekommen, uns zu richten, sondern uns aufzurichten.
Aufzurichten – das ist auch heute der Auftrag der Kirche, die entsteht, indem sie durch Christi Leib wie mit dem täglichen Brot genährt wird und so selber dieser Leib Christi wird: in der Eucharistie – klar! – aber auch durch Gottes Wort, das zum nahrhaften Brot wird, und überall da, wo sie wie Christus diese Welt in den Blick nimmt und entsprechend handelt.
Der dunkle Fleck der Kirche, der in Julianas Vision eine zentrale Rolle spielte, worin besteht er heute? – Vielleicht müssen wir neu lernen, Fronleichnam nicht als Fest der Selbstgefälligkeit zu feiern. Vielleicht ist es an der Zeit, die dunklen Flecken unserer Kirche(n) anzuschauen, Christus hinzuhalten, IHN wieder die Mitte sein zu lassen, um die sich alles dreht (und eben nicht um uns und unsere Vorstellungen). Vielleicht ist es an der Zeit, Fronleichnam als Fest zu feiern, dass Gott sich in Christus der ganzen Welt zuwendet, unwiderruflich und fortwährend. Dafür sind wir seine Zeuginnen und Zeugen!
Wir tragen IHN durch unsere Stadt. Wir tragen IHN zu den Menschen, die hier leben, und die wohl alle irgendwo ähnliche Sorgen plagen, wie uns: um die Liebsten, um die Zukunft, die im Dunkeln liegt, um Angehörige und Freunde, die krank sind oder in anderen Nöten stecken; zu allen Menschen, ob sie nun versuchen, als Gläubige Menschen ihren Auftrag heute zu erfüllen, oder ob sie gottvergessen leben, ob sie gedankenlos leben oder einfach nur gute Menschen sein wollen.
Wir glauben, dass Gott sich den Menschen niemals verschließt. Keinem. Wir glauben, dass Gott unsere Welt nicht meidet. Wir glauben, dass wir alle Seiner Barmherzigkeit bedürfen. Wir erfahren, dass ER uns trotz dunkler Flecken nie verlässt – und hoffen, dass wir auch künftig niemals gottverlassen sein werden.
Diese Zuversicht haben wir nicht für uns alleine. Sie lässt uns nicht ruhen. Sie treibt uns an, wenn wir uns zur Eucharistie versammeln, um uns wieder neu hineinnehmen zu lassen in den Leib Christi, der wir durch Seine Gnade sein und immer wieder neu werden dürfen. „Das ist mein Leib“, heißt es in den Wandlungsworten. Es bezieht sich nicht nur auf das Stück Brot in den Händen des Priesters, sondern auch auf die Gemeinde, die hier versammelt ist. Auch sie soll Leib Christi sein und immer wieder werden. Nicht nur im Brot der Eucharistie ist Christus zugegen, sondern hoffentlich auch durch uns: unser Denken und Handeln.
Christus wendet sich auch heute unserer Stadt mit ihrer Lebendigkeit und ihren Sorgen zu. Das darf uns bewusst werden, wenn wir nachher mit IHM durch die Straßen Erfurts gehen, oder heute auf die "Stadtkrone", den Petersberg: mit der Monstranz, aber noch mehr und hoffentlich auch selbst als wahre Christusträgerinnen und Christusträger. Amen.
Christus, ich trage dich nach Hause in meine Wohnung, zu meiner Familie, in meine Gemeinschaft, in die Nachbarschaft. Meine Liebsten und mein ganzes Umfeld – da sollst auch du sein – mitten unter uns.
Christus, ich trage dich an meinen Arbeitsplatz und zu den Menschen, mit denen ich fast tagtäglich zusammen bin; zu den Kolleginnen und Kollegen und zu denen Menschen, für die ich dasein muss; auch hier sollst du zu finden sein – mitten unter uns.
Christus, ich trage dich auf den Wegen, auf denen ich unterwegs bin: durch die Straßen und Orte, über Land; ich trage dich, wenn ich einkaufen gehe; ich trage dich zu den Menschen, die mir in diesen Läden begegnen; sei du auch dort zu finden – mitten unter uns.
Christus, ich trage dich in meinem Herzen; und da begegnest du all denen, die zwar räumlich weit weg von mir sind, aber doch ganz nah in meinem Herzen: Die vielen Menschen, die ich mag und doch so selten sehen kann; die mich manche wichtige Wegstrecke begleitet haben. Sei du auch bei ihnen – mitten unter ihnen.
Christus ich trage dich durch unsere weite Welt: auch auf Reisen und im Urlaub bist du bei mir; in mir begegnest du den Fremden; und in den Fremden begegnest du mir. Wo ich auch hingehe: Du bist schon da – mitten unter uns.
...
Der zweite Teil des Provinzkapitels 2023 fand wieder in Würzburg statt. Der wiedergewählte Provinzial P. Lukas Schmidkunz OSA wurde vom Generalprior des Augustinerordens, P. Alejandro Moral Antón OSA, der dem Kapitel vorstand, eingeführt.
In die Provinzleitung wurden gewählt: P. Christian Rentsch OSA (Maria Eich), P. Alfons Tony OSA (Würzburg), Br. Marcel Holzheimer OSA (Würzburg) und Br. Jeremias Kiesl OSA (Erfurt). Zum Provinzsekretär wählte das Kapitel Br. Michael Clemens OSA (Würzburg). Als Provinzökonom wurde Br. Peter Reinl OSA (Würzburg) bestätigt.
Zwölf Anträge standen zur Diskussion und Abstimmung. Neben dem straffen Arbeitsprogramm waren die Abende für die brüderliche Begegnung freigehalten. So konnte man spüren, dass die Bezeichnug "das Provinzkapitel feiern" nicht nur eine hohle Floskel ist.
Beim dritten Teil Ende Juni werden dann die Versetzungen entschieden.
Hier ein paar visuelle und auditive Eindrücke:
Pfingsten Lesejahr A * 27./28.05.2023 * in derBrunnenkirche (VAM + 13h)
+ Der HERR, der uns seinen Heiligen Geist schenkt, sei mit euch!
50 Tage sind sind seit Ostern vergangen: Heute, am jüdischen Wochenfest, einem der drei großen Pilgerfeste, beginnt Neues: Die Kirche wird vor den Augen der Pilger aus aller Welt geboren, und viele reagieren FASSUNGSLOS:
Fassungslos sind die Einwohner von Jerusalem: Jesus, das war doch der, den sie wie einen Verbrecher gekreuzigt hatten?! Jetzt sagen seine Jünger: „Wir gehören zu ihm!“ Und: „Er lebt!“ Und: „Durch ihn können wir alle frei und ohne Angst leben!“
Fassungslos sind bis heute Menschen, wenn sie spüren: Jesus lebte nicht nur damals, vor mehr als 2000 Jahren in einem fernen Land. Sondern: Jesus lebt in mir und in allen, die wie wir glauben. ICH kann frei und ohne jede Angst leben! Ja, sein Geist wirkt manchmal auch durch mich!
Fassungslos bin ich, wenn mir bewusst wird, dass Gott mit mir rechnet: Der große Gott braucht mich? Was kann ich IHM schon geben? Wer bin ich – vor IHM? Vor den Menschen, die mir nahe sind? Vor mir selber? – Nicht zu fassen: Er braucht mich! Nicht zu fassen: Er rechnet mit Dir!
Von der ersten Stunde an ist die Kirche wahrhaft "katholisch": Jede und jeder kann vom Geist ergriffen werden. ER macht vor niemanden Halt, ob Mann oder Frau – ja, auch divers, jung und alt, vor keiner Nation – weltweit umspannend, ein „Global Player“ von der ersten Stunde an.
Lassen wir uns vom weiten Geist Gottes ergreifen. Lassen wir uns vom Geist des Auferstandenen weiten und befreien!
alle reden
wirrwarr durcheinander
wildes kauderwelsch
ein einziges gebabel
keiner hört mehr zu
gottes geist jedoch
schafft stimmige stille
und im feuer des schweigens
ein verstehen springt über
das keine worte mehr braucht
Noch einmal führt uns der Evangelist Johannes zurück zum Ostertag. Der Auferstandene war am Morgen Maria Magdalena erschienen. Ihre Botschaft aber konnten die Jünger nicht glauben. Schließlich waren Petrus und der Lieblingsjünger höchstpersönlich zum Grab gelaufen: leer – sie hatten ihn nicht gefunden. Jetzt am Abend erst tritt der Auferstandene in die Runde der zehn Apostel; ja, nur zehn, Judas fehlt aus bekannten Gründen, aber auch Thomas ist nicht da. Für ihn wird es nach acht Tagen einen weiteren Anlauf brauchen.
So ist das im Johannes-Evangelium: Man muss aufeinander warten. Selbst wenn einer oder eine mal die Nase vorn hat, heißt es doch wieder warten. Im Falle der Apostel ist es ein verschlossener Warteraum, in dem es nach Angst riecht.
Man darf aufeinander warten. Das zahlt sich aus. Nun geht niemand mehr verloren: Alle empfangen Heiligen Geist. Thomas, der Nachzügler, wird zum ersten, der den auferstandenen Jesus vollumfänglich erkennt und bekennt: „Mein HERR und mein Gott!“ (Joh 20,28)
Wo Gottes Geist ist, da ist Freude. Die Furcht der Jünger wird erschüttert durch das Shalom des Auferstandenen. Diese Begegnung war eben keine Abrechnung mit den Feiglingen des Karfreitag. Sie wurde zur neuen Berufung in die Nachfolge. Da freuen sich die Jünger, weil sie erfahren: Jesu Vergebung, seine Ermögliching von Leben, sie gilt nach Ostern erst recht! Beim zweiten Shalom Christi wird auch deutlich, dass sie nun ihrerseits auf Friedensmission geschickt werden: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ – Im Geist der Freude!
Dennoch gehört auch der Schmerz dazu, dass die Einheit verloren geht, brüchig ist und noch allzu oft vermisst wird. Wenn wir am Pfingstfest sagen, dass wir heute den Geburtstag der Kirche feiern, so dürfen wir freilich die Herausforderung nicht übersehen, die gerade darin liegt. Denn die Einheit, um die Christus im Abendmahlssaal gebetet hatte (Joh 17), ist zerbrochen. Sie muss daher bis heute unser Gebet und unsere Sehnsucht bleiben. Sie ist vor allem ein geistlicher Weg, der allerdings im Beisammen-bleiben oft unvermittelt die Freude des Auferstandenen schenkt, wenn ER in unserer Mitte erfahrbar wird. Im Hl. Geist, im Geist des gekreuzigten und auferstandenen HERRN, können wir uns schon jetzt über die Grenzen der Konfessionen hinweg versammeln.
Für uns Katholiken ist eines Priesters vornehmste Aufgabe, die Einheit seiner Gemeinde zu suchen und nach Kräften zu fördern. Er soll helfen, dass die Gemeinde wahrhaft „Leib Christi“ ist und wieder neu wird. Er muss seine Gemeinde in Verbindung mit Christus bringen, etwa durch die Sakramente. Gerade darin erfährt der Priester aber auch selbst, wie sehr Christus ihn hält. Etwa in der Eucharistie: Ich halte die Hostie hoch, aber gerade darin erfahre ich, dass die versammelte Gemeinde mich hält, ja dass Christus mir Halt gibt, dessen Leib auch diese konkrete Gemeinde vor mir ist. Deshalb ist es für uns Katholiken so wichtig, das Mahl der Einheit oft, mindestens wöchentlich am „Tag des HERRN“ zu feiern, Christus in unserer Mitte gegenwärtig zu erfahren.
Das ist freilich keine Abwertung anderer Formen. Wo immer sich Gemeinde um Christus versammelt, da geschieht Eucharistie: Vergegenwärtigung des gekreuzigten Auferstandenen. Der Priester soll den Raum für Christus weit offen halten: offen und weit, damit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Prägung teilhaben am Reich Gottes, das prinzipiell allen offen steht. Denn Kirche ist von Beginn an weltweit – international – allumfassend (vgl. Apg 2,1-11).
Wo der Geist Christi ist, da ist Freude. – Christus haucht die Jünger an. Er bläst ihnen den Odem des ewigen, göttlichen Lebens ein. Am 8. Tag, dem Tag der Auferstehung, beginnt die neue Schöpfung Gottes. Der Ruach Elohim wirkt und erneuert.
Am Ostertag bereits wird nachdem Johannes-Evangelium den JüngerInnen Heiliger Geist geschenkt. Er ist verknüpft mit der Vollmacht der Sündenvergebung. – Damit habe ich einige Probleme. Mir fällt es schwer, allen zu vergeben. Verletzungen, die mir jemand zugefügt hat, machen es mir schwer, zu vergeben. Der Schmerz macht mich ungnädig.
Umso spannender ist es, dass es auch bei der Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern um eine Geschichte der Verletzungen geht. Jesus war von allen verlassen und verraten worden. Nun aber steht er mitten unter ihnen. Er ist freilich kein Held aus Hollywood, dem kein Haar gekrümmt wäre. Im Gegenteil: An den Wunden erkennen ihn die Seinen. KeinZweifel: Es ist der HERR!
Der Friede, den Jesus schenkt, macht den Schmerz nicht ungeschehen. Die Wunden zu ignorieren oder zu verstecken funktioniert nicht. Sie müssen angesehen werden. Also hinschauen! Versöhnung geschieht über die Wundmale hinweg. – Wagen wir es, unsere Wunden zu zeigen? Wage ich anzuerkennen, dass ich selbst die Ursache mancher Verletzung geworden bin?
Vielleicht ist es gar nicht zuerst ein Appell, den Christus formuliert, sondern eine Aussage: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten” (Joh20,23). Mein Nicht-vergeben-können bleibt an mir haften, wie die Wunden, die mich schmerzen. Erst wenn die Wunden in den Blick kämen, könnte Heilung beginnen. Amen.