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October

2023

Die Rolle der Katholischen Kirche in der Wendezeit

Dr. Bernhard Dittrich

Zeitzeugengespräch mit Dr. Bernhard Dittrich, damals Regens des katholischen Priesterseminars in Erfurt.

Wir wollen die Rolle der Kirchen im Prozess der friedlichen Revolution von 1989/90 reflektieren und darüber hinaus danach fragen, was von diesen Erfahrungen auch heute noch Relevanz haben könnte.

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September

2023

Von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16)

Dorothea Höck

Evangelium von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-16)

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. 8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. 13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? 16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.


Liebe Gemeinde,

Früher dachte ich, das gibt’s nicht mehr: Dass Menschen sich in aller Frühe auf die Straße stellen müssen in der Hoffnung, dass ein Bauer sie anspricht und für diesen Tag mit auf sein Feld nimmt, für einen Tagelohn. Jetzt sehe ich auf meinen Reisen in griechischen Dörfern kleine Gruppen von Migranten warten, bis sie von einem Kleinbus mitgenommen werden. Fast überall auf der Welt hängt das Glück oder Pech von Familienvätern davon ab, ob sie am Abend ihrer Familie etwas zu essen mitbringen können oder nicht.

Eine alltägliche Geschichte also. Sie spielt wie alle Gleichnisse Jesu in der Alltagswelt seiner Zuhörer, um etwas Schwieriges, womöglich Unverständliches anschaulich zu machen: Was unterscheidet das Reich Gottes von den hinlänglich bekannten irdischen Herrschaftsformen?

Die Königsherrschaft der Himmel gleicht einem Hausherrn, der hinausging in der ersten Frühe, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuheuern.“

Ihnen wird ein Denar Tageslohn in Aussicht gestellt – nicht mehr und nicht weniger, als eine Familie braucht, um bis zum nächsten Tag zu kommen.

Doch aus welchen Gründen auch immer – wir wissen sie nicht: Unser Hausherr geht alle drei Stunden wieder auf die Straße und sammelt neue Tagelöhner auf. Ihnen verspricht er keine feste Summe, sagt nur: Ich gebe Euch, was recht ist.

Kurz vor Tagesende geht er noch einmal los, da hoffen immer noch welche auf einen Job. Unser Gutsbesitzer fragt sie: „Was, steht Ihr hier den ganzen Tag untätig herum?“ Das klingt wie ein Politiker, der Langzeitarbeitslosen Faulheit unterstellt, nach dem Motto: „Wer arbeiten will, hat Arbeit!“ Dass er sie noch mitnimmt, erscheint wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Säumige. Doch sie verteidigen sich: "Niemand hat uns angeheuert!“

Am Abend geschieht Merkwürdiges: Unser Unternehmer bittet seinen Verwalter, die zuletzt Gekommenen auszuzahlen. Die Fleißigen vom Morgen lässt er warten. Sie dürfen zusehen, wie die Kurzarbeiter der letzten Stunde den vollen, mit ihnen vereinbarten Lohn ausgezahlt bekommen. Ebenso die Arbeiter der neunten, sechsten und dritten Stunde.

Ich kann mir vorstellen, mancher rechnet sich jetzt aus: Da gibt’s noch einen Zusatzlohn, und wir sind zuletzt dran, damit die anderen das nicht mitbekommen.

Aber denkste! Als nur noch die ganz Fleißigen dastehen, bekommen sie ebenfalls den Denar überreicht.

Da bringt ihr Weltbild durcheinander, so wie das unsrige auch, und sie murren gegen ihren Arbeitgeber: Die Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet – und Du behandelst sie wie uns, die wir des Tages Last und Hitze trugen? Wo ist denn da die Gerechtigkeit! Doch der sagte zu einem von ihnen: „Freund, ich tu Dir doch gar kein Unrecht. Haben wir uns nicht auf einen Denar geeinigt? … Ich will den Letzten genau so viel geben wie Dir. Kann ich mit dem Meinigen nicht machen, was ich will?“ Zur Bekräftigung fasst unser Hausherr zusammen: „Die Letzten werden die Ersten und die ersten die Letzten sein.“

Liebe Gemeinde, in was für einer Welt soll denn so eine Ordnung ihren Platz haben?

Kaum eine biblische Erzählung hat eine so bewegte Auslegungsgeschichte wie diese. Martin Luther beispielsweise steht mit seiner Deutung ganz in der Tradition der Theologiegeschichte. In seiner Predigt über Matthäus 20 lesen wir:

In der Welt Reich kann es nicht gleich zugehen, sintemal die Personen ungleich sind. Da soll man dem, der viel gearbeitet hat, mehr geben als dem, der wenig gearbeitet hat. Ebenso soll da der Herr im Hause mehr Güter haben als sein Knecht und muß doch der Knecht mehr arbeiten als der Herr. Solche Ungleich­heit muß in der Welt Reich sein und bleiben.“ Luther erklärt nicht, warum das in der Welt Reich so sein muss, aber wenn wir uns umschauen, könnten wir meinen: Da sich seitdem daran nichts geändert hat, muss es wohl so sein. Oder?

Erinnern wir uns an den Anfang: Das Himmelreich ist wie dieser Hausherr ….

Jesus hat dieses Himmelreich nicht in ein weit entferntes Jenseits verlegt. Es ist mitten unter uns. In seinen Predigten beschreibt er die Ordnung dieses Reiches: „Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Mt 5,6). Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Arbeiter der ersten Stunde seligpreist, die sich über mangelnde Gerechtigkeit beschweren, weil andere genau so viel erhalten wie sie. Nein, es muss da eine andere Gerechtigkeit geben.

Schon Kleinkinder haben einen Sinn für Gerechtigkeit. Doch ist da oft ein Haken dabei: Als Älteste von fünf Geschwistern in einer Familie mit sehr wenig Geld hab ich immer aufgepasst, dass niemand mehr bekommt als ich. Mein Gerechtigkeitsempfinden beschränkte sich darauf zu achten, dass ich nicht zu kurz komme. Wenn umgekehrt ich mal im Vorteil war, hab ich stillgehalten. Aber kümmere ich mich auch um das Recht anderer, wenn ich dadurch in einem scheinbaren oder wirklichen Nachteil gerate? Für viele Menschen hat Gerechtigkeit da ihre scheinbar natürliche Grenze.

Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

Unser Hausherr hat da eine andere Vorstellung als sein fleißiger Arbeiter. Der Philosoph Kierkegaard nennt das Gut, um das es hier geht, die Ewigkeit im Gegensatz zum Zeitlichen. Er meint damit: Dieser Denar steht für das, was der Hausherr zu vergeben hat. Ewigkeit lässt sich nicht aufteilen wie ein Tag mit seinen zwölf Stunden. Die Arbeiter hängen in der Zeitlichkeit und haben damit Unrecht. Der Herr ist die Ewigkeit. Der Lohn ist das Ewige. Niemand hat Grund zur Klage, denn hier gibt es nur eins, was für alle Menschen gleich ist. Im Verhältnis zur Ewigkeit gilt nicht, ob eine oder elf Stunden gearbeitet wurde.

Also müssen wir Luther Recht geben, dass sich unser Gleichnis gar nicht auf unsere Welt hiermit ihren Ungerechtigkeiten bezieht? Doch wie können wir dann vom Reich Gottes mitten unter uns reden? Ist es etwa unsichtbar?

In einer Woche werden wir hier in der Kirche über den Anarchisten Gustav Landauer sprechen, einem Weggefährten von Martin Buber. Landauer galt den meisten seiner Zeitgenossen mit seinen Ideen von Gewaltlosigkeit und einer neuen Art von Gerechtigkeit als Träumer. Er forderte: „Ein Ziel lässt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit."

Mich hat dieser Satz auf Dauer überzeugt. Nicht: Der Zweck heiligt die Mittel, sondern die Mittel sollen den Charakter des Zweckes, des Zieles schon vorweg­nehmen. Auf unser Gleichnis angewandt, könnte es heißen: Wenn Du am Gottesreich mitarbeiten möchtest, dann lebe jetzt schon nach seinen Regeln. Nur dann bist Du glaubwürdig und kannst etwas dafür tun. Nur dann wird etwas davon sichtbar.

Uns ist das zu radikal. Aber Jesus war an Radikalität nicht zu übertreffen. Die junge Gemeinde der Apostelgeschichte nahm es das durchaus ernst: „Alle aber, die gläubig geworden waren, hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Sie lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk“ (Apg 2,44ff).

Kehren wir noch zu unserem Gleichnis zurück: Am Ende sehen wir den Hausherrn allein mit einem enttäuschten Fleißigen im Zwiegespräch. „Kann ich mit dem Meinigen nicht machen, was ich will? Schaust Du so böse, weil ich gütig bin?“

Auf diese letzten Worte läuft unsere Geschichte zu. Beim Himmelreich geht es um jeden Einzelnen. Hier ist einer, der sich über den Lohn nicht freuen kann, weil er neidisch auf die anderen ist. „O Mensch, wie sieht dein Auge bloß auf das Deine, wie blickt es scheel, weil ich so gütig bin?“

Im Neuen Testament finden wir nur an dieser Stelle das Wort „scheel“ bzw. „böse“ als Ausdruck des Auges. Das gibt ihr Gewicht. In der Bibel hat der Blick des Einzelnen immer Folgen. Ein scheeler Blick kündet auch den ersten Brudermord an: Kains Auge hatte sich verdunkelt, bevor er Abel erschlug.

Doch auch der gütige Blick hat Folgen: Hier wendet sich ein Mensch dem anderen zu, er zeigt Mitleid und Liebe. Unsere Jahreslosung erinnert uns an den gütigen Blick Gottes: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Gen 16). Das sagt Hagar, die Mutter Ismaels, die vor dem neidischen Blick Sarahs in die Wüste flüchten musste.

Unser Hausherr schaut gütig – auch auf den, der vom Neid zerfressen wurde. Er stellt ihn geduldig zur Rede, er kennt seine Pappenheimer. Vielleicht mag er ihn nicht beschämen und wartet deshalb, bis die anderen gegangen sind? Ich fühle mich angesprochen. Ich gehöre auch zu den Privilegierten, die keinen Mangel leiden, die sich keine Sorgen um alltägliche Dinge machen müssen. Trotzdem fühle ich mich manchmal ungerecht behandelt. Es ist nicht selbstverständlich, angesichts des unverdienten Glücks anderer heiter zu bleiben. Der Neidische wird nicht abgewiesen. Der Aufsässige behält seinen Lohn wie der Kurzarbeiter: „Nimm Deinen Lohn und geh!“ Das kann heißen: Mach Dich vom Acker! Aber auch:  Geh zufrieden Deinen Weg und lass Dich nicht verdrießen! Es gibt nur einen Lohn, und der ist nicht teilbar. Er soll uns den Neid abgewöhnen, der - leider - in unserer Gesellschaft so verbreitet ist, dass das Gottesreich nur schwach erkennbar scheint.

Am Ende noch ein Liedvers, uns bestens bekannt: Er bringt für mich auf den Punkt, worum es geht: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit, brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.“ Wenn es uns gelingt, die Mittel – die Art und Weise, wie wir unseren Glauben und unseren Alltag leben - schon in der Farbe des Zieles zu kleiden, dann werden wir als Gemeinde Christi sichtbar. Dazu brauchen wir die Unterstützung des gütigen Hausherrn, der unsere Schwächen kennt. Amen.


Zitierte Literatur:

Dorothea Glöckner (Hg): Predigen mit Kierkegaard, Göttingen 2012, S. 182ff.

Gustav Landauer: "Anarchische Gedanken über Anarchismus" in: „Die Botschaft der Titanic", Kontext-Verlag Berlin 1994, S. 43.

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September

2023

Wie oft vergeben?

Steffi Krause

Impuls I: Vergeben?

Wie oft muss ich vergeben? Kann ich vergeben, trotz der Verletzungen, die ich erlitten habe?

Unrecht, das mir jemand antut, ist eine besonders fiese Sache. Es ist wie eine Wunde, die nicht so recht heilen will. Selbst der kleinste Anstoß lässt sie wieder aufbrechen. Eine Infektion der Wunde verhindert dass sie heilt. Verletzungen sind echt übel!

Gibt es denn gar keine Wundsalbe, die helfen könnte? Doch. Aber kann ich sie nutzen? Die Wundsalbe heißt: Vergebung. Ich vergebe mir nichts, wenn ich vergebe. Im Gegenteil: Erst wenn Heilung möglich wird, wenn nicht ständig wieder rumgestochert wird in der Wunde; wenn sie zur Ruhe kommen kann, ist Heilung möglich. Aber es tut doch so weh….

Und ja: Oft bleiben die Narben. Es ist nicht wie vorher. Wir sind nicht die Helden, die ungeschoren aus den Kämpfen des Lebens herauskommen. Die Narben begleiten uns.

Ich will nicht im Kampf bleiben, HERR. Ich will zur Ruhe kommen, ohne Rache üben zu müssen. Vergeltung? Das dient dem Leben nicht. Meinem Leben dient das nicht. Denn ich leide am meisten an meinen Wunden.

Aber bleibt da nicht ein Defizit zurück, wenn ich vergebe? Wohin dann mit meinem Ärger? Wohin mit meinen Verletzungen, die in mir schreien?

Ich brauche deine Kraft, HERR. Ich brauche deinen Horizont, damit Vergebung möglich wird. Ich will nicht der Rache dienen. Ich will mich dem Leben öffnen. Hilfst du mir?

Und wo ich schuldig geworden bin, wo ich heute lieblos oder selbstgerecht war, zu hart mit meinen Urteilen, kleinlich und kleingläubig – da hilf du mir umzukehren. Deine Gnade schenke mir Vergebung. Deine Gnade versöhne uns miteinander.  

Gott darf ich übergeben, was ich nicht aus eigener Kraft schaffen kann...

Evangelium: Die brüderliche / geschwisterliche Zurechtweisung (Mt 18,21-35 Einheitsübersetzung)

21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? 22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. 23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. 24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. 25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. 26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. 27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. 28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! 29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. 30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. 31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. 32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. 33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? 34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. 35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Impuls II: Vergebung im Horizont Gottes

Das Gleichnis Jesu erzählt eine total krasse Geschichte. Ein König spürt unter seinen Dienern einen auf, der die ungeheure Summe von 10 000 Talenten an Schulden hat...

Ich habe über die Kaufkraft recherchiert: Ein typisches Segelschiff kostete demnach 1 Talent. – Oder: Marcus Licinius Crassus galt zur Zeit des Gaius Julius Caesar als reichster Römer überhaupt. Am Ende seines Lebens wurde sein Vermögen auf gerade mal 7100 Talente geschätzt. Ach ja, und im Griechischen zählt man sowieso nicht weiter als bis 10 000. Es kann also auch „unendlich viel“  heißen – unzählbar viel.

Wie kann ein Mensch, eigentlich sogar ein Sklave/Diener, so viele Schulden anhäufen? Das wird nicht erzählt. Es wird nur festgestellt. Eine Schuld, die ein Mensch nie und nimmer abtragen kann…

Uns wird schnell klar, dass Jesus hier die Situation eines (jeden) Menschen vor Gott beschreibt. „Wir sind (vor Gott nur) Bettler, das ist wahr“, soll Martin Luther auf dem Sterbebett gesagt haben. Seine letzten Worte. Wir können Gott nichts anbieten. Wir stehen tief in seiner Schuld. Immer.

Aber das Unglaubliche ist doch, dass der König im Gleichnis „Mitleid“ mit seinem Sklaven hat. Im Hebräischen würde hier ein Wort stehen, das beschreibt, wie es ihm an die Eingeweide geht. Der extrem große Gegensatz zwischen König und Sklave wird durch dieses Gefühl überwunden. Mitgefühl gehört zutiefst zum Wesen Gottes. Es gibt keinen weiteren Grund. Das Mitgefühl Gottes macht einen Menschen frei. Ihm wird die ganze Schuld geschenkt. Ungeheuer viel.

Das ist der Horizont, in dem wir stehen. Bettler sind wird vor Gott. Aber Gott macht uns frei. Einfach so.

Amazing grace…


Impuls III: Ich lebe täglich von der Vergebung

Ein Zweites sollte mir bewusst werden.

Es ist höchst seltsam, das ich gerade die Menschen, die mir am nächsten sind, am leichtesten verletze. Nicht dass ich das wollte. Es passiert aber oft, weil ich ihnen gegenüber weniger Hemmungen habe, weil ich Erwartungen nicht erfülle, weil sie von mir mehr erhoffen als ich Verständnis habe...

Wie sollte ich mit ihnen leben können, wenn sie mir nicht immer wieder ihre Vergebung schenkten?

Ja, Vergebung ist göttlich: Sie rechnet nicht.

Wie hat Dietrich Bonhoeffer gesagt: „Vergeben und Verzeihen kennt keine Zahl noch ein Ende. Vergebung ist ohne Anfang und ohne Ende. Sie geschieht täglich unaufhörlich, denn sie kommt von Gott.

Ja, Vergebung schafft neuen Raum für die Liebe, sie schenkt Geborgenheit, bewirkt Frieden und Ruhe. Sie ist notwendig wie das tägliche Brot. Sie macht Leben erst möglich.

Amazing grace….

Zum Friedensgruß

Eher als die anderen Apostel bekannte Petrus Jesus als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Dafür wird ihm die Binde- und Lösegewalt übertragen.

Doch nur ganz kurze Zeit später fährt ihn Jesus an: „Weg mit dir, Satan!

Wenn Petrus – und mit ihm die Kirche – eigene Ziele verfolgt, Gottes Weg verlässt … „Hinter mich!“, sagt Jesus. Geh wieder in die Nach-Folge, Petrus!

Brüderliche, geschwisterliche Zurechtweisung war am letzten Sonntag das Thema. Unrecht und Sünde geht alle an. Haben wir den Mut, es voreinander auszusprechen, anzusprechen? Es ist die Aufgabe der Kirche, unser aller Aufgabe, Menschen in die Nachfolge (zurück) zu führen. Und wo das mit Menschenkraft nicht möglich ist, da hilft uns das Gebet, wenn wir uns in Christus versammeln.

70 x 7 mal vergeben sollst du, Petrus, sollst du, Kirche! Immer also, und nie ist es genug! Spannt den Horizont Gottes auf über dieser Erde, in dem wir einander immer die Liebe und die Vergebung schulden! Sein Shalom, sein Geschenk des Friedens bekomme das letzte Wort!

Und dieser Friede des Herrn sei alle Zeit mit euch!


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September

2023

"... dann weise ihn zurecht!" - Die Gemeinderegel des Matthäus (correctio fraterna)

Bruder Jeremias OSA

23. Sonntag | Lesejahr A - 09./10.09.2023
Einleitung

+ Jesus Christus, der HERR, der uns um sich versammelt, sei mit euch!

Alles,was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“(Mt 18,19f). Dieses Versprechen des HERRN hören wir heute im Evangelium. Gerade haben wir es auch schon besungen. Wir haben viel zu bitten ange­sichts unserer friedlosen und geplagten Welt. Wir haben zu bitten, wenn wir an das noch frische Schuljahr denken und an etliche junge Leute, die neu in Ausbildung und Uni beginnen. Wir haben in vie­len per­sönlichen Anliegen um die Kraft von oben zu bitten. –  

Und wir haben allen Grund zu danken. Denn er ist ja mit­ten unter uns. Lassen wir uns in dieser Eucharistie den Weg von Gott „recht weisen“.

Im Augustinerorden denken wir heute auch an den ersten Heiligen unseres Ordens, Nikolaus von Tolentio in den italienischen Marken. Er verkündete in schlimmen Zeiten den „Guten Jesus“ in der Begeg­nung mit den Armen und Kranken und gerade auch mit Men­schen, die sich von der Kirche entfernt hatten. Zum Trost reichte er ihnen oft ein Stück gesegnetes Brot, damit sie sozusagen mit allen Sinnen die Liebe und Fürsorge Christi spüren sollten. Deshalb segnen wir bis heute an seinem Tag Brötchen. Allein oder in Gemeinschaft gegessen sollen sie uns an den erinnern, der uns wahrhaft nährt und Leben schenkt.

Kyrie
Predigt

Misch dich nicht ein, das geht dich schließlich nichts an!“ So re­agieren wir oft, wenn jemand zu deutlich über unser Ver­halten urteilt. So raten wir auch denen, die sich bei uns über Dritte be­klagen: „Misch dich nicht ein! Halte Distanz!“ – Der private Raum ist uns heilig. Da lassen wir niemand hinein, schon gar nicht Kriti­ker und Nörgler. Wir verteidigen ihn mit Zähnen und Klauen.

Das Evangelium scheint für unsere moderne Denkweise nichts übrig zuhaben. Ich muss zugeben, dass dieser Abschnitt in mir viel Widerstand hervorruft. Zu schnell kommt dieses: „Wenn dein Bruder sündigt...“(Mt 18,15a) Ja wenn die Dinge im­mer so einfach wären! Wann „sündigt“ denn mein Mitchrist? Und wann trennt uns schlicht eine Meinungsverschiedenheit, über die man disku­tieren kann? Darf ich jemand aburteilen, wenn ich über sei­ne Motive gar nicht so genau Bescheid weiß?

...dann weise ihn zurecht“ (Mt18,15a). Kann ich jemand zurecht­weisen, den ich (noch) nicht verstehe? Soll das wirklich der ers­te Schritt sein? Müsste es nicht besser heißen: „Dann gehe zu ihm und sprich mit ihm. Versuche ihn zu verste­hen, bevor du dein Ur­teil fällst. Erkläre ihm ohne Rechthaberei deine Sicht. Findet so gemeins­am den richtigen Weg!“

Aber nichts davon steht da. Als wäre von vornherein ganz klar, wer der Sünder ist und wer das Recht hat zurechtzuweisen. Die Ausein­andersetzungen, die ich kenne, sind selten so klar in gut und böse zu unterscheiden. Sind wir nicht alle oft nur Tastende, die um Klarheit ringen müssen? –

Das 18. Kapitel bei Matthäus, aus dem das heutige Evangelium entnommen ist, wird „Die Rede über das Leben in der Gemein­de“ genannt. Diese „Rede“ beginnt mit einem beschämenden Streit der Jün­ger: „Wer von uns ist der Größte?“ (vgl.Mt 18,1-5) Je­sus stellt dem Größenwahn seiner Jünger ein kleines Kind gegen­über: Die Ohnmacht eines Kindes ist der Maßstab Jesu für den Umgang mit Macht!

An diese klare Zurechtweisen Jesu schließt sich seine eindringlic­he Warnung an, die Kleinen und (scheinbar) Geringen zu veracht­en oder gar auf Abwege zu führen (vgl. Mt 18,6-11). Ganz hart wird das formuliert: „...für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt wür­de.“ (Mt18,6b) Dann erzählt Jesus das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Mt 18,12-14), das der Hirte so lange sucht, bis er es voll Freude wie­der findet: „So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Klei­nen verlorengeht“(Mt 18,14).

Erst jetzt kommt das Evangelium des heutigen Tages. Es wird ab­geschlossen von der Petrusfrage: „HERR, wie oft muss ich mei­nem Bruder vergeben [...]?“(Mt 18,21b) Antwort: „Grenzen­los!“ Das Kapi­tel schließt mit einem Gleich­nis, das allen droht, die nicht verge­ben wollen (Mt 18,23-35).

Im größeren Zusammenhang scheint für mich die Bot­schaft Jesu deutlich durch. Jesus, der den Sündern nachgegangen ist, will dasselbe von seiner Gemeinde. Wir dürfen nicht gleichgül­tig bleiben und schweigen, wenn wir Unrecht spüren. Keiner darf sich entschuldigen, man dürfe sich halt in die privaten Angele­genheiten der anderen nicht einmischen. Wir haben Verantwor­tung füreinander. Und ja: Ich bin der „Hü­ter meines Bruders“(Gen 4,9e) Wir sind verpflichtet, einander Hüter und gute Hirtin zu werden, die nachgehen und sich gerade nicht schweigend weg­drehen, wenn einer fehlt.

Unter vier Augen soll das zuerst geschehen, empfiehlt das Evan­gelium. Der andere darf nicht beschämt werden. Unter vier Au­gen kann vieles leichter geklärt werden: schonend und ohne Bloßstellung. Erst dann sollen noch mehr dazu geholt werden. Mehr Augen und Herzen(!) sehen und spüren mehr als zwei bzw. vier. Allein kann ich mich täuschen und Wichtiges überse­hen. Deshalb braucht es die Rückversicherung der anderen.

Danach soll noch ein dritter geschützter Raum eröffnet werden: die Gemeinde, die als Ganze die Aufgabe hat, in großer Achtsam­k­eit vor dem Kleinen und Zerbrechlichen nachzugehen und auf Umkehr hinzuarbeiten. Scheitert auch dieser Schritt, muss die Gemeinde loslassen: Muss sie den freilassen, der meint, nicht bleiben zu können.

Der heilige Augustinus hat diese Gemeinderegel des Evangelis­ten Matthäus in seiner Ordensregel (Kapitel4) übernommen – nicht ohne immer wieder eindringlich darauf hinzuweisen, dass brüderliche Zurechtweisung das Wohl des Bruders zum Ziel hat. Pointiert formuliert Augustinus, die Brüder sollten immer mit Liebe zum betreffenden Menschen handeln, aber mit Hass (nur) gegen die Sünde (Cap 4,10).

Gibt es Fehler, die man keinesfalls dulden darf, wo sofort alle Be­mühungen abgebrochen werden müssen? Das heutige Evange­li­u­m sagt nein. Denn: „Alles was ihr auf Er­den binden/lö­sen wer­det, das wird auch im Himmel gebun­den/gelöst sein“ (Mt 18,18). Das erinnert an die Binde-und Lösegewalt, die Jesus dem Simon Petrus übertra­gen hatte (vgl. Mt 16,19). Heute dehnt er diese Vollmacht auf die ganze Gemein­de aus, auf jeden von uns. In dieser Parallele dürfen wir durch­aus auch mithören, was Jesus ausdrücklich Petrus aufgetra­gen hat: „Stärke deine Schwestern und Brüder!“(Lk 22,32c) Das gilt auch für uns. „Zurechtweisen“ heißt dann niemals „je­mand kleinma­chen“, sondern immer nur „jemand den rechten Weg weisen und ihn darin bestärken – also stark machen“.

Ablassen von einem Menschen, der auf dem falschen Weg ist, dürfen wir erst, wenn wir ihm lange nachgegangen sind. Will er trotzdem diese Wege weitergehen, dürfen wir ihn freigeben. Aber auch dann fällt er nicht aus unserer Sorge. Dann wird ihn immer noch unser Gebet begleiten. Und das mag vor allem auch für die unter uns ein Trost sein, deren Kinder oder Freun­de dem Glauben den Rücken gekehrt haben. Wir beten als Ge­meinde auch für alle, die meinen, nicht mehr mit uns gehen zu können. Und wir beten im Vertrauen: „Alles, was (auch nur) zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmli­schen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versam­melt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,19b-20). Amen.

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September

2023

"Tritt hinter mich!" (Mt 16,23)

Pfr. i.R. Martin Möslein

Predigt von Pfr. i.R. Martin Möslein am 03.09.2023 in der Brunnenkirche zu Erfurt

22. Sonntag im Jahreskreis | Lesejahr A