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April

2024

Jesus anfassen?!?

Bruder Jeremias OSA

Predigt von Br. Jeremias M. Kiesl OSA am 3. Ostersonntag B in der Brunnenkirche

Fotos: Matthias Kiesl, Steffi Krause

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April

2024

OSTERN – lebendig greifbar!

Christoph Kuchinke

Predigt von Christoph Kuchinke am Weißen Sonntag in der Brunnenkirche zu Erfurt

Manchmal bedarf es mehrerer Ansätze zu begreifen, zu verstehen, was wirklich geschehen, eingetreten ist. Das ist so bei positiven, schönen, frohen Ereignissen. Das ist so bei sehr negativen, traurigen und leidvollen Ereignissen.

Manchmal braucht es lange, bis einem das eine wie das andere sozusagen vertraut wird und ist – glaubhaft. Dass man es glauben kann, wenn man es hört, erfährt und ja nicht dabei war, sein konnte.

Fängt man an zu fragen, zu hinterfragen, weil man verstehen will, kommt das nicht immer gut an. Da kann es schon passieren, dass man schnell ein Etikett angeheftet bekommt:

der glaubt das nicht

der will das nicht wahrhaben

der zweifelt

wie kann er nur...

Ja, manchmal möchte es einer eben be-greifen und das wissen wir, das „begreifen“ ist schon in vielen Jahren Schule und Ausbildung und Leben nicht immer so einfach und leicht.

Ostern begreifen. Auferstehung eines Toten. Weiterleben nach dem Tod. Anteil daran haben an diesem anderen Leben...

Manch eine, manch einer, will das genauer wissen, als nur vom Hörensagen anderer.

Da gibt es diese Ostergeschichte von dem, der das macht, der konfrontiert, der will, was andere glauben, sehen und verstehen – den Auferstehungsglauben der Jüngerinnen und Jünger – damals.

Glaube ist aber nun mal keine Wissenschaft, es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, keine beweisbaren Tatsachen für die Auferstehung, Auferweckung. Es braucht dazu Vertrauen, ein Gespür, ein spüren des nicht zu Fassenden. Dem Unfassbaren, an dem man Anteil haben will und haben soll. An diesem Leben, dem neuen Leben.

Die Ostererzählungen berichten davon immer und  in Gemeinschaft:

auf dem Weg nach Emmaus (haben Sie am Ostermontag sehr gut dargelegt bekommen)

im Treffen der Jüngerinnen und Jünger im Abendmahlssaal

am See und auf dem See bei den Fischern

beim Mahl

lebendiges Wort

lebendiges Brot

Wegbegleiter

Fremder, der neugierig macht

Darum feiern Christen gemeinsam Mahl, setzen fort, was damals geholfen hat zu begreifen, zu erleben, zu spüren, zu glauben, zu leben.

Ist es nicht auch wirklich immer wieder so: An ein Festmahl in toller Gemeinschaft erinnert man sich und beim Erzählen, spürt man auf einmal noch etwas von damals, als würde es ein wenig wirklich. Da braucht es nicht viel, viel „Mehr“ würde das Ursprüngliche, das Eigentliche, schmälern, ja es nicht mehr zur Geltung kommen lassen.

Doch das ist nur der Ursprung, der Anfang, das bliebe bei sich selbst, man bliebe  bei sich selbst. Wir.

Das ist und war nicht allein der Sinn des Wirkens, Predigens, Lehrens, Leidens, Sterbens des aufgestandenen Jesus. „Für euch“ und „für alle“, „für die Vielen“ – das sind die Worte, der Auftrag, das ist unsere Sendung:

„Tut!“

Groß ist die Sehnsucht nach Aufbruch, nach Befreiung zu unbeschwertem und unbedrohtem Leben und neuer Hoffnung. Ostern schließt solcher Sehnsucht den Raum auf, damit es zu konkretem Handeln kommt. Würdevolles und Würdiges.

Sich auferwecken zu lassen angesichts der Bedrohungen, sich aufwecken lassen für ein Ende von Krieg und Gewalt, für Gerechtes, Würdevolles und Würdiges.

Weiterhin an Versöhnung und Frieden zwischen Menschen glauben, darauf hoffen, dafür etwas tun.

Tut“!

Da muss auch mal der Finger in die entsprechende Wunde gelegt werden. Thomas war nicht zurückhaltend, er war konfrontativ – er hat es sich nicht nehmen lassen. Einer gegen ... wie viele?

Wenn Wunden nicht mehr benannt, gezeigt werden, dürfen, weil.... dann bleibt's, wie es ist. Den Lebenden - uns – soll Elend, Zerstörung ans Herz gehen. Die Vorstellung, dass am Ende Gewalt und Tod das letzte Wort haben, soll uns unerträglich sein.

Die Ostergeschichte ist eine Schlüsselgeschichte in vielen Facetten, sie öffnet den Raum zum Handeln, zu Verantwortung. Sie ist nicht Vertröstungsgeschichte; Gott hat ihn auferweckt, also wird er es schon richten und wir legen unsere Hände in den Schoß. Nein. Sie ist eine machtvolle Geschichte, die herausführt aus Resignation, Kraftlosigkeit, Überforderung, die uns lähmen angesichts von so viel menschlichem Leid, Not allgegenwärtig.

Und nein, weg vom eigenen, es sei denn, es ist Not und Notfall. Es ist wirklich etwas, was uns den Boden unter den Füßen wegzieht.

Vor mir liegen noch zwei Nächte Notfallbegleitung in unserer Stadt. Da ist dann immer Not, Tod, Trauriges, Schreckliches, bis dahin Unvorstellbares. Situationen, in denen Menschen in ihren Verlusten Begleitung, Intervention, Dasein brauchen.

Dass sie sich wenden wird, das wird dauern und furchtbar wehtun und ganz viel Trost brauchen. Und hoffentlich auch Menschen und Kraftquellen. Dass Leid nicht verharmlost, sich herantastet, ganz bescheiden, an die Sehnsucht nach etwas Heil, das weiterreicht ins künftige nun andere Leben. Ganz konkret und alltäglich.

In solchen Situationen merke ich immer wieder, dass sich die Sehnsuchtsbilder unseres Glaubens an den Uneindeutigkeiten, den Cut-Punkten des Lebens messen müssen. Darin liegt das Kostbare, das entscheidend Bedeutende. Und das ist immer wieder auch fragil, zerbrechlich. Wie ein Gefäß aus Ton.

Auch unser Osterwasser hier in der Brunnenkirche lagert in einem zerbrechlichen Ton-Gefäß.

Damals wie heute brauchen Menschen, brauchen wir, braucht die Welt einen Neuanfang: Anders sollte es werden, anders muss es werden: menschlicher, lebensnaher, glaubhafter. Wenn es nur endlich begriffen würde, von ganz oben nach ganz unten. Aus den Scherbenhaufen weltweit muss Anderes und Neues werden und es muss tragen und bergen.

Das ist Ostern.

Das ist Aufstehen und Anfangen, Tun.

Manchmal wieder von vorn und ganz klein – aber immerhin, mit der Glaubenskraft des neuen österlichen Lebens.

„Die Sehnsucht des Durstigen beweist noch lange nicht die Existenz einer Quelle. Aber sie lässt ihn weitersuchen.“ Eine zerbrechliche Gewissheit, damit feiern wir Ostern. Und nehmen sie mit in den Alltag in unser Tun. Am Montag. Morgen. In jeden Tag. Nicht nur für uns selbst, für die vielen, in seinem Gedächtnis.

So kann es werden, so wird es.

Glaubst Du das?

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April

2024

Ostermontag 2024

Nicole Jahn

Jesus Christus, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, sei mit euch!

„Der Herr ist vom Tod auferstanden, wie er gesagt hat.“ Wie schwer fiel es den Jüngern, diese Worte am Grab Jesu zu glauben. Erst nach und nach begrif­fen sie, was das hieß: dass mit dem Tod Jesu nicht al­les zu Ende war, dass er nach wie vor bei ihnen war, ja dass für sie die große Zeit ihrer Sendung erst an­fing. Aber als sie es begriffen hatten, konnten keine Mühen und Gefahren sie mehr daran hindern, die frohe Botschaft in ihre Umgebung, in die ganze Welt hinauszutragen. Wir feiern jedes Jahr Ostern, damit auch unser Herz mehr und mehr begreife, da im tiefsten alles ganz anders ist, als der Augenschein uns oft meinen lässt. Sonntag für Sonntag feiern wir ein „kleines Ostern“, hören wir Worte aus der Heiligen Schrift, beten mit­einander und füreinander und begegnen unserem Herrn im heiligen Mahl, damit auch wir mehr und mehr erfüllt werden von der Gewissheit, dass ER bei uns ist.

Impuls von Nicole Jahn am Ostermontag

Nein, wir feiern nicht die Auferstehung des Osterh­asen… und er ist auch nicht wegen einer Kreuzung gestorben. "Was Ostern bedeutet" - welchen Aufsatz würdet Ihr (Sie) heute darüber schreiben… Mein Aufsatz als Kind wäre kurz ge­fasst um Osterferien, Schokolade und Ostereiersuche im Schrebergar­ten der Großeltern gehan­delt. Undheute, heute würde ich schreiben: Grü­nes Gras. Blühende Sträu­cher. Bunte Blumen. Nach den dunkeln Wintertagen und den kalten Nächten tun die Sonne und der Frühling richtig gut!

Und doch erinnert uns Ostern an einen ganz besond­eren Tod und an ein Ereignis, das alles ver­ändert. Jesus wurde gekreuzigt und ist gestor­ben. Doch nach drei Tagen ist er wieder aufer­standen. Das Grab ist leer. Das ist das Besondere daran. Je­sus wurde begraben, aber als einige Frauen den Leichnam sal­ben wollten, war er nicht mehr da. „Der Herr ist auferstanden“, das war die Botschaft der Engel am Grab. "Der Herr ist auferstanden" - wie ein Lauffeuer geht diese Nachricht um die gan­ze Welt. Von Is­rael nach Sy­rien. Nach Europa, Afri­ka, Asien und Amerika. In die Ukraine und auch nach Rußland.

Wir feiern Ostern gemeinsam! Gemeinsam mit vie­len Christen auf der ganzen Welt. Egal ob evange­lisch, katholisch, orthodox oder freikirch­lich. An Ostern rufen wir uns zu: „Der Herr ist auferstan­den“ - „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig schreiben oder erzählen, wie und warum wir Ostern feiern. Warum das wichtig für uns ist. Ich feiere sehr gern Ostern. Dass Jesus nicht im Grab geblieben, son­dern auferstanden ist, gibt mir Hoffnung. Hoffnung, wenn ich an einem Grab stehe und traurig bin, weil ein lieber Mensch gestorben ist. Jesus ist auferstan­den, deshalb glaube ich: Der Tod hat nicht das letz­te Wort! Das Leben siegt.

So wäre ein Teil von meinem Aufsatz und ich würde dann über Ostermontag weiterschreiben. Noch ein­mal feiern wir ja an diesen Ostermontag das hohe Osterfest und begehen die festliche Os­terzeit, 50 Tage hindurch bis Pfingsten. Es ist Os­termontag, eine der schönsten Antworten, bes­ser als jeder Auf­satz von mir, gibt das heutige Evangelium mit der Erzählung von den EMMAUSJÜNGERN.

Die beiden waren am Boden zerstört. Alle ihre Hoff­nungen, Pläne für ihr eignes Leben, für eine besse­re Zukunft ihres Volkes waren am Kreuz vernichtet worden. Der verheißene Messias war nach grausa­mer Folter tot und begraben. Das ganze Leben der Beiden war nun ein Scherben­haufen. Sie wollten nur noch weg aus Jerusalem. Voller Wut und Trauer, voller Zweifel einen Fuß vor den andern, in der Hoffnung in ihr früheres Leben zurück zu kehren und die erlebten Ereig­nisse zu verarbeiten. Nun kam ein Dritter bei ih­nen, der sich als Weggefährte anbot. Eigentlich möchte man in seiner Trauer alleine sein. Aber dieser Fremde ist ein guter Trauerbegleiter. Er quatscht die Beiden nicht voll, versucht nicht bil­ligen Trost zu spenden.

Der Fremde schweigt, hört zu. So können sie ihre Gefühle und Eindrücke ein Stück weit von der Seele reden. Als der Fremde nach langer Zeit des Zuhö­rens anfängt mitzureden, nicht besserwisse­risch oder altklug kommt er ihnen daher, son­dern sehr behutsam. Er kann Worte sprechen, die den verletzten Seelen der Beiden gut tun. Es ist eine heilsame Weggemeinschaft. Die bei­den Emmausjünger haben den Fremden eingelad­en: "Bleib doch bei uns!" Nach der lan­gen Weggemein­schaft des Zuhörens und des vorsichti­gen Mutma­chens, dann erst, als sie mit­einander vertraut wa­ren, spüren die Beiden, dass der Fremde es gut und ehrlich mit ihnen meint. Dann erst bricht er das Brot - und sie er­kennen IHN...

Diese biblische Erzählung ist unendlich kostbar. Sie zeigt mir, dass ich auf allen Wegen, die ich ge­hen muss, nicht alleine bin. Es geht einer mit, wenn auch oft schweigend, aber immer wohl­wollend, lie­bevoll - und so heilsam. Ostern zeigt mir hier einen andern Weg, einen menschliche­ren, einen barm­herzigen. Gerade heute sehnen sich viele Men­schen nach jemandem, der sie nicht einfach nur volltextet, sondern der sie ernst nimmt, so wie sie sind.

Vielleicht ist heute das Schweigen, das Ein­fach-nur-da sein, das Zuhören und Mitgehen mit den Men­schen da draußen das Allererste, zu dem wir alle gerufen sind, mitten unter den Menschen sollen wir Christen leben mit offenen Ohren, ohne erho­bene Zeigefinger oder altklugen Ratschlägen. Wir sollten im Leben der Menschen zuhören, daran An­teil nehmen, MITGEHEN.

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March

2024

Kraniche

Marion Herzberg

Wo sind die Kraniche?

Mehrere hundert Kraniche aus Papier „flogen“ von Weihnachten bis zum Palmsonntag in der Brunnenkirche; genauer gesagt: sie waren an zwei langen Schnüren befestigt, die sich längs durch das Kirchenschiff zogen.

Was ist der Hintergrund?

Wenn aus einem einfachen Stück Papier ....

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March

2024

Der "neue Bund" beim Propheten Jeremia

Bruder Jeremias OSA

Predigt von Br. Jeremias M. Kiesl OSA am 16./17. März 2024 über Jer 31,31-34
(5. Fastensonntag B | Brunnenkirche zu Erfurt)

Lektorin: Laurin Katharina Singer
Evangelium: Br. Pius M. Wegscheid OSA

Musik:
Projektchor der Brunnenkirche
unter der Leitung von  Bernadett Wollensak

Fotos von Matthias Kiesl oder gemeinfrei Wikipedia:
Jeremia diskutiert mit Gott (Bibliotheca Apostolica
Vaticana), Mosaik aus Monreale (Palermo), Basilica di S.
Giovanni in Laterano, Michelangelo - Cap. Sixtina,
Taufstein der Reglerkirche zu Erfurt, Trier / Basilika St.
Matthias

Einleitung

„Interessiert mich die Bohne!“ Die diesjährige Fastenakti­on von MISEREOR richtet denBlick auf nachhaltige Land­wirtschaft und gesunde Ernährung. Gemeinsam mit  ko­lumbianischen Projektpartnern setzt sich Misereor mit al­ternativen An­baumethoden für die Verbesserung der Le­bensbedingungen kleinbäuerlicher Familien ein. Denn eine gute Er­nährung für alle braucht Vielfalt vom Acker bis auf den Teller und eine gerechtere Verteilung.

Ein weiterer Schwerpunkt ist in diesem Jahr der Anbau von Kaffee, nicht selten unter Einsatz von Glyphosat und anderen Pflanzenschutzmitteln, mit denen die Kaffee­pflüc­ker ungeschützt in Kontakt kommen. Kaffee steht wahr­scheinlich beiden meisten von uns auf dem Früh­stückstisch. Es muss uns also sehr wohl die Bohne in­teres­sieren, wie Menschen leben (können), die unseren Kaffee produzieren. Zur Unterstützung dieser und ähnli­cher Pro­jekte in Kolumbien und anderswo bitten uns Mi­sereor heu­te um eine großzügige Kollekte.

Fragen wir uns heute: Interes­siert mich die Bohne? Inter­essieren mich die Schicksale der Men­schen welt­weit? Und wenn die Antwortet lautet „Ja“: Dann lassen Sie uns gemeinsam mit Misereor für die Um­kehr zu mehr Gerechtigkeit eintreten!

Predigt zu Jeremia 31,31–34

Kann man mit Gott im Bunde stehen? Das klingt für unsere Ohren zumindest ungewohnt. In der hebräischen Bibel dagegen scheint die Vorstellung gang und gäbe, dass Menschen, ja sogar ganze Völker von Gott einen Bund angeboten bekommen. Dabei wird ein spezielles Wort verwendet, das in der griechischen Übersetzung διαθήκη lautet. Das meint nicht so sehr einen Vertrag auf Augenhöhe. Viel­mehr bedeutet διαθήκη so viel wie Bund, Verfügung, [Heils-]Ordnung oder auch Testament.

„Bund“ meint „Inpflichtnahme eines Schwächeren durch einen Stärkeren. Dabei sagt meist der Stärkere dem Schwächeren Schutz zu. Theologisch bedeutet „Bund“, dass der Mensch von Gott verpflichtet wird. In erster Linie aber verpflichtet sich Gott selbst gegenüber uns Menschen.

Am Sinai schloss Gott einst einen solchen Bund mit Mose und dem Volk Israel. Die feierliche Selbstverpflichtung des Volkes lautete: „Wir wollen alles tun, was der HERR gesagt hat“(Ex 19,8)! Und auf der anderen Seite die Zusage Gottes: „Ich schließe einen Bund mit euch …“ (Ex 34,10). Der Bund am Sinai bildet den Kern der Bundesbeziehung zwischen Gott und Israel, das seinerseits diesen Bund durch viele Gesetzesbestimmun­gen weiter bekräftigt und konkretisiert. Doch gleichzeitig müssen die Propheten feststellen: Israel hat den Bund fortwährend gebrochen, ist fremden Göttern nachgelaufen und seine Herrscher haben die Armen und Schwachen unterdrückt.

Heute haben wir vom „Neuen Bund“ gehört, den Gott durch den Propheten Jeremia ankündigt. Es ist die einzige Stelle im AT, an der explizit von einer neuen διαθήκη die Rede ist. Wichtig ist, dass wir nicht denken, hier löse der neue den alten Bund an. Dieses Missverständnis (auch Thomas von Aquins: novo cedat ritui) hat viel Unheil angerichtet. „Neu“ meint hier vor allem „erneuert“ und v.a. „unverbraucht“. Der Bund am Sinai wurde von Gott niemals gekündigt. Das müssen gerade wir Christen immer wieder erinnern, damit unsere Sicht auf das Judentum nicht überheblich wird... Gott hält an seinem Versprechen fest.

Das ist nicht selbstverständlich. Denn Jeremia spricht vom „unverbraucht-neuen Bund“ in einer scheinbar völlig hoffnungslosen Situation. Jeremia hatte immer wieder ohne Erfolg zur Umkehr aufgerufen. Als die Neubabylonier dann Jerusalem eingekesselt hatten und jeder einsehen musste, dass Jeremia mit Recht vor den politischen Ambitionen Israels gewarnt hatte, da ließ der König den Propheten gefangen nehmen. Vielleicht hoffte er, Jeremia als Faustpfand nutzen zu können: Gott muss doch helfen, mindestens seinem Propheten muss er doch beistehen.

Stellen wir uns also einen Moment lang die konzentrischen Kreise der Hoffnungslosigkeit um Jeremia vor. Die Stadt Jerusalem ist eingekesselt, der Prophet wurde gefangen genommen und in die Burg verbracht, die am Rand desTempelberges errichtet war. Im innersten Wachhof sitzt Jeremia nun; zwischenzeitlich hatte man ihn sogar mal in die leere Zisterne imWachhof geworfen – noch so ein Kreis der Hoffnungslosigkeit – ihnaber dann doch wieder heraufgezogen.

Hoffnungslos. Das ReichIsrael kurz vor dem Untergang, der Tempel vor der Zerstörung. DasVolk vor der Verschleppung. Die Dynastie der Davididen vor demErlöschen. Der Bund mit Gott damit doch unwiderruflich am Ende.

Doch jetzt kommt Gott ins Spiel – und lässt seinen Propheten mitten in der Zerstörung den unverbraucht-neuen Bund bekräftigen. In der Hoffnungslosigkeit kannst du dich nur noch Gott überlassen. Doch das mit Fug und Recht.

Im neuen Bund, sagt der Prophet, werden die Weisungen Gottes nicht mehr auf Stein geschrieben wie am Sinai, sondern ins Herz der Menschen und in ihren Sinn. DieTora Gottes wird verinnerlicht: „Ich gebe meine Tora in ihr Inneres, und auf ihr Herz schreibe Ich sie. Ich werde ihnen zum Gott, und sie werden Mir zum Volk“ (Jer 31,33b.c).

Mit Herz meint die Bibel nicht romantische Gefühlsduselei. Das Herz ist vielmehr der Motor, der innerste Antrieb des Menschen. So betonen auch die jüdische Ausleger, dass Gott eben die Absicht verfolge, seinem Volk den Willen und die Neigung zum Einhalten der göttlichen Tora zu schenken, damit sie – anders als bisher – keines der Gesetze mehr übertreten.

Wenn das Bündnis ins Herz geschrieben wird, dann wird es zum innersten Antrieb, wird Teil der Persönlichkeit; im Herzen werden „die guten und schlechten Vorsätze geformt“. Gesetze, die für immer gelten, müssen „ins Herz eindringen und den ganzen Menschen ergreifen“. „Israel wird Gott verehren und zu Seinem Volk werden.“ – „Israel ist es, das sich ändern muss und ändern wird.“ Mit Gottes Hilfe – oder sollen wir sagen: mithilfe des Hl. Geistes? – kann der Mensch endlich seiner Verantwortung gerecht werden, denn wollen und vollbringen wachsen von Gott her in ihn / in sie hinein.

Auch der neuen Bund basiert auf der Tora. „Der neue Bund ist der alte“. Auch im neuen Bund wird es Fehltritte geben, braucht es Vergebung und Neuanfänge. Wir bleiben sündige Menschen. Aber wir tragen Gottes Gesetz im Herzen, es sei denn, wir wenden uns bewusst wieder davon ab.

Martin Buber charakterisiert den neuen Bund aus Jeremias „Trostbüchlein“ so: „Wenn Gott dem Volk sein Wort ins Herz gibt, bedarf es keiner Sicherung mehr.“ Denn die Verinnerlichung des Bundes führt einen Menschen zur Ehrfurcht und Erkenntnis Gottes. Die Tora wird zur „organischen Funktion der Persön­lichkeit“; „ebenso natürlich und spontan wie die Schläge des Herzens werden nun die Annäherungen zum Gesetz Gottes …“

Die Jünger Jesu haben den neuen Bund sehr früh mit Jesu Leben, Leiden und Sterben in Verbindung gebracht. Jesus selbst spricht ja von ihm im Abendmahlssaal, als er den Jüngern den Kelch reicht. Er begründete diesen neuen Bund mit der Haltung des unbedingten Vertrauens, das ihn selbst noch in Gethsemane Gottes Willen zustimmen lässt.

Doch auch das Leben Jesu spricht immer wieder von Liebe und Vertrauen: „Du sollst Gott lieben mit allen Fasern deines Seins, ebenso wirst du doch auch den Nächsten lieben, er ist doch wie du!“ – Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, wird Paulus in Röm 13,10 formulieren – und in der Meditation des Römerbriefes auch Augustinus und viele andere Lehrer der Kirche. So lässt sich die Tora im Doppelgebot der Liebe zusammenfassen.

Im Abendmahlssaal reicht er den Seinen das ungesäuerte Brot, das beim Pessach-Seder an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten erinnert. Nun sagt Jesus, dass sein eigener Leib wie Brot ist, das sich gibt, damit ein Leben in Freiheit, ja sogar in Freiheit von der Sünde und Gefangenschaft durch das Böse, möglich wird. Das Unmögliche wird ermöglicht durch Jesus, den Christus. Er reicht den Bundesbecher der Kinder Israels seinen Jüngern: Trinkt den neuen Bund! Was Jesus getan und gelehrt hat, vor allem aber wie er geliebt hat, wie er selbst noch seinen Peinigern vergeben hat, das wird lebendig in diesem neuen Bund.

Matthäus wird noch die Deutung hinzufügen „der neue und ewige Bund in meinem Blut“. Das ist in der Tat neu und unerhört und muss von uns immer wieder durchdacht und durchbetetwerden. Für heute mag das aber erst mal genügen...

Der neue Bund erfüllt sich, wo Menschen die Liebe wagen: Nicht weil ich jemand so furchtbar gern habe, sondern weil auch der andere Mensch ist wie ich, Gottes Kind, meine Schwester, mein Bruder: Ein von Gott geliebtes Kind. Wie dürfte ich da hassen? – Nein, lasst uns Christus nachfolgen! Lasst uns mit ihm den Weg der Liebe wagen. Unverbrüchlich! Amen.