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August

2020

"Canta et ambula" - Pilgerlieder zum Augustinusfest mit Sabine Lindner

Bruder Jeremias OSA

Singe und spiele, Gott ist am Ende des Weges.

»Gegenwärtig also lass uns singen, nicht nur zum Vergnügen bei der Erholung, sondern zur Entlastung bei der Arbeit. So, wie Wanderer zu singen pflegen. Singe, aber schreite aus! Lindere deine Strapaze durch den Gesang, liebe nicht die Trägheit.
Singe und schreite aus! Was heißt das: Schreite aus?
Mach Fortschritte, im Guten schreite voran, im rechten Glauben schreite voran, in guten Sitten schreite voran: Singe und marschiere! Geh nicht in die Irre, schreite nicht rückwärts, bleib nicht zurück!«

Osterpredigt von Augustinus (Sermo 256)

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August

2020

Augustinus-Fest 2020

Sr. Ursula und Sr. Carmen OSA

Augustinusfest 2020 in der Reglerkirche
Sr. Carmen Fuchs OSA bei der Predigt - mit Sr. Ursula Pieper OSA

Kehre in dein Inneres zurück.      

Geh nicht nach außen, zu dir selbst kehre zurück;

im inneren Menschenwohnt die Wahrheit. (Die wahre Religon 72)

Mit diesem Wort von Augustinus wollen wir den Bogen spannen von der Zeit im 4./5. Jahrh., wo Augustinus lebte, zu uns hier und heute.

Als wir hier in diese Kirche gekommen sind, haben wir das Leben draußen hinter uns gelassen – das Leben draußen mit seinem Lärm, mit seiner quirligen Bewegung, mit den vielen Reizen zum Schauen und Kaufen. Wir sind in diesen Kirchenraum gekommen, in das Innere dieses Kirchen-Hauses.

Äußerlich sind wir da – wir sitzen ruhig und hörend an unserem Platz. - Aber was ist Innen – in den Gedanken, in den Gefühlen?

Was ich heute schon alles erlebt habe, was ich gedacht und geplant habe, was mich gefreut oder geärgert hat….

Vielleicht taucht zwischen all dem Alltags-Gewusel auch mal die Frage auf nach dem Sinn des Ganzen – der Sinn meiner Arbeit, der Sinn meiner Beziehungen, der Sinn meines Lebens…

Schauen wir auf Augustinus:


354 geboren in Nordafrika, in eine wohlhabende Familie hinein -

eine Zeit, in der das römische Reich am Zerfallen war -

politisch und gesellschaftlich kam vieles ins Wanken -

ein ehrgeiziger junger Mann, der Wert auf Bildung legt,

der die Karriere sucht als Professor der Redekunst -

der es bis zum Amt des Rhetors bringt am Kaiserhof in Mailand -


Das war zunächst sein äußerer Weg. - Und innen war er getrieben von der Sehnsucht nach Wahrheit -

das Christliche, das seiner Mutter so wichtig war, lehnte er ab -

er suchte in verschiedenen Sekten -

bis er in Mailand auf neue Weise dem Christlichen begegnet, davon tief in der Seele berührt wird, sich mit 32 Jahren taufen lässt.

Von da ab wendet er sich mit allen Sinnen, mit der ganzen Kraft seines Herzens und seines Geistes der göttlichen Wahrheit zu. Diese ewige Wahrheit hat in Jesus Christus für ihn ein Gesicht bekommen und so bleibt das Vertiefen in die Heilige Schrift seine lebenslange Aufgabe.

Als Priester und Bischof in seiner nordafrikanischen Heimat ist er ein leidenschaftlicher Verkünder des Evangeliums – er ist ein wichtiger Ratgeber für seine Gläubigen in ihren kleinen und großen Sorgen -  er schreibt viele Bücher zu theologischen Themen – das Bekannteste ist seine Autobiografie „Die Bekenntnisse“ -  

Als Theologe steht er in Auseinandersetzungen mit verschiedenen Irrlehrern seiner Zeit - er pflegt einen ausführlichen Briefverkehr mit christlichen Persönlichkeiten – er ist der Erste in der Kirchengeschichte, der Gleichgesinnte um sich sammelt, um gemeinsam mit ihnen in einer klösterlichen Gemeinschaft zu leben. Er entwirft eine Ordensregel, die uns bis heute ein richtungsgebendes Leitbild ist. Und bei allen äußeren Aufgaben sagt er zu sich und zu uns:

Kehr ein dein Inneres zurück. Geh nicht nach außen, zu dir selbst kehre zurück; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit“

Zu sich selbst zurückkehren, bei sich daheim sein, im Haus der eigenen Seele sich geborgen fühlen – und damit im innersten Raum des Herzens etwas ahnen von  dem gegenwärtigen Göttlichen. ------

Etwas ahnen von der göttlichen Liebe, die mich meint, die zu mir steht, trotz meiner verschlungenen Lebens-Wege. ------

Viele Meditations-Wege bieten Hilfen an, wie ich Zugang zu meinem Innersten finde – doch den entscheidenden Schritt, dem Göttlichen in meinem Herzen zu glauben, den kann ich nur selbst tun.

Eine äußere Hilfe kann sein, sich in der Wohnung einen Platz zu schaffen, der einlädt zu verweilen, nach Innen zu gehen, sich im stillen Gebet oder in der Meditation auf die göttliche Liebe auszurichten…..

Im Ablauf eines Tages gibt es, neben beruflichen und familiären Aufgaben, auch freie Zeit. Vielleicht kann ich einige Minuten davon nutzen, um mich auszurichten auf die innere Christus-Mitte – auf das Zentrum meines Lebens.

z.B. auf dem Weg zur Arbeit kann das Autoradio auch mal ausgeschaltet bleiben. Neben aller Aufmerksamkeit auf den Verkehr, vor allem an der roten Ampel, ist ein sekundenlanger Raum, um den eigenen Atem wahrzunehmen und darin die Sicherheit: Ich bin im Innern verbunden mit meiner göttlichen Mitte.

VertreterInnen unserer ev. Partnergemeinde übernehmen den Dienst am Wort: Pfarrerin G. Lipski, Steffi Krause und Ulrich Kahlhöfer.

Bei Ihm sein, meinem fürsorglichen Hirten, in Seiner Gegenwart, mit meiner ganzen Lebens- und Sorgenlast mich bei Ihm bergen mit meinen Hoffnungen und Freuden, mit meiner Unruhe und Sehnsucht.

Dazu gibt uns Augustinus den Rat:

Nicht Worte verlangt Gott von dir, sondern dein Herz….. Weil er das Herz verlangt, und es in Augenschein nimmt, ist er im Inneren (dein) Helfer.                                  

Auch wenn dieses Herz oft unruhig ist, wenn es gezogen wird nach vielen Seiten, wenn mir die Aufmerksamkeit auf das Innen immer wieder entgleitet – mit all dem darf ich ruhen und zur Ruhe kommen in Ihm.

Augustinus verwendet in einer seiner Schriften das Bild des Kreises – da gibt es nur den einen Mittelpunkt und jedes Segment in dem Kreisraum ist auf diese Mitte bezogen. Könnte das ein Bild für mein Leben sein? Mein Leben kreist um diese innere Christus-Mitte in meinem Herzen – alle Lebenskraft und alle Lebensfreude empfange ich aus dieser Quelle. Aus ihr fließt mir die Kraft zu, auch das Schwere im Leben zu bestehen, Ja zu sagen zu meiner persönlichen Lebenslast. Je mehr ich mir dieser göttlichen Quelle in mir bewusst bin, umso mehr kann sie strömen in meinen Alltag hinein und mich auf meinen verschiedenen Lebenswegen leiten.

Beten wir zum Schluss mit Augustinus, um diesen Weg zu uns selbst und zum göttlichen Selbst zu finden:

Herr, mein Gott, meine alleinige Hoffnung, erhöre mich,
damit ich nicht, müde geworden, dich nicht mehr suchen wollte,
sondern mit fortdauerndem Eifer dein Antlitz suche.

Gib du die Kraft zum Suchen, der du dich finden ließest
und die Hoffnung gabst, dich mehr und mehr zu finden.

Vor dir breite ich meine Stärke und meine Schwachheit aus.
Vor dir breite ich mein Wissen und Unwissen aus;

wo du mir geöffnet hast, nimm den Eintretenden auf,
wo du mir den Zugang geschlossen hast, öffne dem Anklopfenden.

Denn: Ruhelos ist mein Herz, bis es ruhet in dir.

    Amen.


Schwester Carmen Fuchs OSA


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August

2020

Predigt zum 19. Sonntag A (Mt 14,22-33) von Dorothea Höck

Dorothea Höck

Jesus und der sinkende Petrus auf dem Meer (Mt 14,22-33)

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Habt Mut, ich bin's; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Schiffe auf dem See Genezareth - bei ruhigem Seegang.

Die Geschichte vom sinkenden Petrus gehört zu meinem frühkindlichen Erzähl­schatz. Die Erzählungen meiner Kindheit zeigten uns – schön bebildert von Paula Jordan – wie Jesus am Ufer des Sees Genezareth die ersten Jünger von ihren Booten weg in die Nachfolge rief. Wir sahen Jesus predigen, vom Boot aus; am Uferhang lauschte das Volk. Wir sahen ihn gemes­sen übers Wasser schreiten und wie zu seinen Füßen Petrus versank. Wir sahen ihn schlafen, ob­wohl finsterste sternenlose Nacht war, derweil der arme Kahn in Wasserschlün­de raste und die Jünger um ihr Leben schrien.1

Bis zum Bibelgespräch am vergangenen Dienstag also sah ich Jesus gemessen übers Wasser schreiten, die Jünger starren ihm mit offenem Mund vom Boot aus entgegen. Doch wir schauten uns die Geschichte sehr genau an und stellten fest: Da war ja Sturm! Haushohe Wellen – und das in finsterer Nacht bzw. im Morgengrauen.

Die uralte Szenerie in meiner Erinnerung löste sich in Nichts auf. Was für eine seltsame Geschichte! Die kindliche Vorstellungskraft hilft also nicht weiter.

Beginnen wir von vorn: Jesus und seine Jünger hatten einen anstrengenden Tag hinter sich, der als „Speisung der Fünftausend“ in die Evangelien einging. Am Abend schickte Jesus die Seinen mit dem Boot über den See und entließ das Volk. Er begab sich auf einen Berg, um für sich zu sein und Zwiesprache mit Gott zu halten. Auf Berggipfeln sind die zentralen Gestalten der Bibel mit Gott allein und ihm nahe. Jesus begab sich in die Welt seines Vaters und von dort wieder zu seinen Jüngern. Er ging über das Wasser.

In meinen kindlichen Vorstellungen war der See Genezareth ein Teich, doch er ist 21 Km lang und 13 Km breit, wer mitten drin ist, mag sich wie auf dem Meer vorkommen. Er ist der tiefstgelegene Süßwassersee der Erde mit über 200 Metern unter dem Meeresspiegel und über 40 Meter tief. Er ist berüchtigt für seine Heimtücke: Fallwinde vom Golan können hier schnell vier Meter hohe Wellen türmen.

So war es jetzt. Seit Stunden waren die Jünger im Boot in Not, sie hatten eine schrecklich durchwachte Nacht hinter sich, als Jesus um die vierte Nachtwache zu ihnen kam, früh, im ersten Morgengrauen. Die Jünger erblickten ihn und fielen ins nächste Entsetzen. Allen Menschen geht es so, die plötzlich etwas erleben, was ihren bisherigen Erfahrungen und dem gesunden Menschenver­stand zuwider läuft: Sie schrien vor Furcht: Ein Gespenst! Ein Phantasma.

Uns Bibelkundige erinnert es an die Geschichte von der Verklärung Jesu. Da fielen Petrus, Jakobus und Johannes entsetzt auf ihr Angesicht. Und an die Erscheinung des Auferstande­nen vor den Frauen, am Ende der Nacht im Mor­gengrauen. Doch auf das Entsetzen ange­sichts des Unglaublichen antwortet Jesus immer wieder auf gleiche Weise: Fürchtet Euch nicht. Ich bin's. Ihr müsst doch keine Angst haben.

Solche Vergleiche zeigen uns, wie unsere Geschichte geprägt ist von den Erfahrungen der Gemeinde des Matthäus und vom Glauben an die Auferstehung. Sie beleuchten auch das Geschehen auf dem See.

Zurück zum See: Jesus spricht die Männer im Boot an. Er schreit nicht gegen den Sturm an, nein: Als wäre Stille eingekehrt, redet er mit ihnen, und sagt: „Habt Mut. Ich bin’s! Fürchtet Euch nicht.“ Diese Stille besänftigt die Angst. Oder auch anders herum: Jesus bringt die Angst zum Schweigen.

So wie in der anderen Erzählung über die Jünger im Boot bei nächtlichem Sturm. Die Jünger sind auf hoher See, es bricht die Dunkelheit herein, der schwere Sturm schlägt die Wellen ins Fischerboot, es läuft voll Wasser und droht zu kentern. Der Philosophen Kierkegaard schreibt über den schlafenden Jesus.2 Auch diese Szenerie ist höchst unwahrscheinlich: Jesus schläft hinten auf einem Kissen. – Er scheint es sich regelrecht gemütlich gemacht zu haben. So ruhi­gen Schlaf inmitten von Lärm und Toben kennen wir nur von ganz kleinen Kindern. Wir kön­nen das nicht. Dass Jesus es kann, offenbart uns, dass ihm diese Welt nichts anhaben kann. Sie ist ihm gegenüber ohnmächtig.

Unsere Geschichten sind das Glaubensbekenntnis der Gemeinde, von der Auferstehung her erzählt. Jesus ist Herr über die Gewalten. Auch die Passion war kein Widerfahrnis. Jesus verzichtet am Kreuz darauf, seine Vollmacht gegen das Treiben der Welt zu behaupten. Die gehört zur Heilsgeschichte wie die Aufer­stehung.

Vielleicht schweigen mit der Ankunft Jesu die aufgewühlten Wasser, vielleicht ist die Nacht weniger schwarz. Und ein ganz Mutiger traut sich aufs Wasser. Allerdings verlässt er sich nicht auf sich selbst: Petrus sagt: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

Das ist ein absoluter Vertrauensbeweis: Wenn Du, Jesus, es sagst, dann ist es so. Wie in dem Wort beim Abendmahl: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ (Mt 8,8)

Und Jesus sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

Wir könnten geneigt sein, das für Magie zu halten. Der Magier führt etwas vor, dann glauben ihm die Zuschauer seinen übernatürlichen Kräften. Doch es ist anders herum: Weil Petrus bedingungslos vertraut, kann er zu Jesus aufs Wasser kommen. Menschenglauben, und dann geschieht ein Wunder. „Der Glaube wird nicht durch das Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben.“ (Dostojewski3)

Aber als Petrus den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Petrus schaut weg von Jesus zu den wogenden Wassern und sein Mut verlässt ihn wieder. Für ihn und seine Zeitgenossen war das nicht nur einfach ein Sturm auf einem See. Die ent­fesselten Wogen des Wassers galten als der Inbegriff von Chaos. In der alten jüdischen Welt stellte man sich die Erde als festes Land auf Säulen vor, die in die chaotischen Urfluten reich­ten – Irrsal und Wirrsal (Tehu wa behu) kommen von dort und wurden mit der Schöpfung gebändigt. Dieses chaotische Meer galt als die personifizierte Macht des Bösen, das gegen Gott rebelliert. Die Vision des Johannes vom neuen Himmel und einer neuen Erde beginnt mit der Feststellung: „Und das Meer ist nicht mehr.“

Jesus bändigt das Chaos. Er greift sofort den sinkenden Jünger. Die Gefahr ist gebannt.

Ich hab in diesen Tagen gedacht: Wir sehen in den Urfluten der Meere kein drohendes Chaos böser Mächte mehr. Aber ein Blick in den Krater des Beiruter Hafens lehrt uns: Irrsal und Wirrsal rufen wir zum Teil selbst hervor: diese unfassbare Zerstörung wurde durch Achtlosig­keit, Gier, Verantwortungslosig­keit und globale Machtinteressen ausgelöst. Wenn wir dort hinschauen, könnten wir wie Petrus versinken in Mutlosigkeit und Verzweiflung. Nicht an­ders ist es mit der Irrsal und Wirrsal, der die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ausgesetzt sind, schlimmer als je, weil alle Hilfsschiffe in den Häfen von EU-Staaten festgehalten werden. Ich könnte noch vieles benennen, Irrsal und Wirrsal scheinen uferlos. Und sie werden nicht durch böse Mächte ausgelöst. Fast scheint es, als hätten wir Menschen heute mehr Macht über unsere Welt als die Menschen damals – aber nicht zum Guten. Deshalb dürfen wir auch nicht einfach wegblicken – denn das Unheil betrifft uns alle und wir sind mitverantwortlich. Andererseits dürfen wir uns ihm nicht ausliefern, es zum Gebieter über unser Leben machen: Weder, indem wir gebannt hinschauen, wie zum brennenden Gomorrha, noch indem wir uns dagegen immunisieren.

Angesichts des Ausmaßes der derzeitigen Katastrophen kommen wir uns womöglich schwach vor wie die Jünger im Boot in der Nacht vor der Ankunft Jesu.

Umso mehr sollten wir an der richtigen Reihenfolge festhalten: „Der Glaube wird nicht durch das Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben.“

Wir sind Kleingläubige und Zweifelnde, weil wir Menschen sind. Deshalb brau­chen wir den Glauben, dass Jesus uns die Hand entgegenstreckt (und keine Videobotschaft an uns richtet), wenn wir zu versinken drohen. Wir müssen uns unsere Erlösungsbedürftigkeit eingestehen. Und wir brauchen den Mut, uns der Ungewissheit auszusetzen wie Petrus, als er auf dem Wasser seinem Herrn entgegenging.

Das Tröstliche an unserer Geschichte ist, dass sie uns den Kleinglauben des Jüngers vorführt, der später zum Vorbild der Kirche wurde. Wenn Petrus kleingläubig sein darf, dann dürfen wir das auch sein. Petrus musste sinken, um zu erfahren, wie erlösungsbedürftig er ist.

Jesus mahnt ihn, doch er weiß, dass Petrus noch üben muss. So wie wir auch.

Petrus steht ja nicht nur als Apostel mit wankelmütigem Charakter, aber besten Absichten vor uns, sondern auch als die Personifizierung der Kirche Christi. Unsere Geschichte hat das Zeug zur Parabel für die Kirche der Gegenwart. Auch sie befindet sich in extrem stürmischen Zeiten. Bleibt sie im Boot oder wagt sie sich heraus? Schaut sie auf die schwarzen Wasserwo­gen, auf die Gefahr durch den Virus und einbrechende Kirchensteuereinnahmen oder auf Christus? Vertraut sie dem auferstandenen Sohn Gottes, der ihr aus der Zukunft entgegen­kommt oder geht sie mit der Zeit und setzt auf Zukunftsszenarien von Unternehmensbera­tern?

Am Ende bemühe ich noch einmal das Bild aus der Kindheit: wir sollten das Bild vom Auferstandenen, der uns mitten in den Stürmen der Zeit entgegenkommt, nicht verbannen, sondern festhalten. Das kann ruhig kindlich naiv erscheinen. Um solche trostreichen Bilder müssen wir bitten.

Und der Friede Gottes, der unsere Vernunftübersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

1 Formulierungen teilweise von Christoph Dieckmann, https://www.zeit.de/2009/11/See-Genezareth

2 Dorothea Glöckner (Hg.), Predigen mit Kierkegaard, Göttingen 2012, S.80

3 Brüder Karamasoff, S. 42

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August

2020

Erstmals gestaltet die Regler-Singschar wieder den Sonntagsgottesdienst: Drei Stücke zum Nachhören.

Bruder Jeremias OSA

70 Jahre Regler-Singschar - und das im Jahr von Corona... Nun konnte der Chor endlich mal wieder den Evangelischen Gemeindegottesdienst um 9.30 Uhr mitgestalten. Wir freuen uns mit den Sängerinnen und Sängern unter der Leitung von Kantor Johannes Häußler und wollen euch teilhaben lassen an diesem Hörgenuss: 

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August

2020

Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Bruder Jeremias OSA

18. So i.Jkr. A – 01./02.08.2020 –  St. Augustinus (Regler) Erfurt

Einleitung

+ Jesus Christus, das Brot des Lebens, sei mit euch!

Wir sind im Sommerschlussverkauf. Dieniedrigen Preise rufen die SchnäppchenjägerInnen auf den Plan. AberVorsicht! Auch jetzt muss man auf Qualität achten. Billig alleingenügt nicht!

Qualität ist keineswegs immer eineFrage des Geldes. Ob die Beziehungen zum Ehepartner, zu den Kin­dern,zu den Eltern, zu Freunden ... von hoher Qualität sind, hängt nichtvom finan­ziellen Einsatz ab. Es ist ein Geschenk, wenn unsereBeziehungen gelingen. Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist unsereOffenheit für den anderen. Aber selbst wenn wir offen sind, gibt eskeine Qualitätsgarantie. Gelungene, liebevolle Beziehungen sind einechtes Geschenk.

„Was nichts kostet, ist oft amwertvollsten“ - so möchte ich ein bekanntes Sprichwort umdrehen.Das Kostbarste und Schönste schenkt uns – ganz umsonst, gratis –Gott selber: seinen Sohn, den wir nun hier mitten unter uns im Mahlfeiern, das Vorgeschmack auf die Überfülle des Ewigen Lebens ist.

Predigt

Die Urlaubszeit könnte uns auf den Gedanken bringen, Jesus ha­be eben auch mal eine Auszeit gebraucht, als er in die „einsame Gegend“ aufbrach. Oder war es eher eine Flucht? Aus­lö­ser ist ja die Enthauptung des Täufers Johannes: Die Macht­haber zeigen ihre gewalttätige Fratze...

Der Evangelist könnte in den knappen Angaben zu den äußeren Umständen aber noch mehr andeuten. In Galiläa gab es damals eine gigantische Baustelle: Sepphoris war im Entstehen, eine neue Hauptstadt für eben jenen Herodes Antipas, der Johannes den Täufer enthaupten ließ. Eine Stadt im römisch-griechischen Stil, voll Luxus und Pracht mit Marmor gepflasterten Straßen. Heer­scharen von Handwerkern und (wohl v.a. jüdischen) Tage­löh­nern und Sklaven aller Herren Länder arbeiteten am Bau.

Das im Hintergrund bekommt der Ausflug Jesu in die Einsamkeit eine neue Strahlkraft. Die öde Gegend ist plötzlich voll Men­schen, die am Ufer des Sees Jesus bereits erwarten. Sie kamen, sagt der Evangelist, aus den Städten – und wir können ergänzen: aus der Sklaverei oder zumindest aus Umständen, die der Sklaverei nicht unähnlich waren. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass am Ufer des Sees Genezareth Wüste wäre, so bin ich doch an die Wüste erinnert, in die Israel sich von seinem Gott locken lässt und wo dieses Volk geführt, geläutert und mit dem neuen Gesetz beschenkt wird.

Jesus jedenfalls zieht es die Eingeweide zusammen (so müsste man dieses schnell dahingesagte Wort „Mitleid“ wohl besser übersetzen), als er diese Menschen sieht. Er nimmt sich ihrer an und heilt die Kranken unter ihnen. Er ist ganz in seinem Element.

Doch dann geschieht etwas merkwürdiges. Die Menschen gera­ten in Jesu Nähe in Not. Die Nacht bricht gerade an, das Dun­kel der Not und der Bedrohung, da meldet sich Hunger. Jetzt wird auch die Einsamkeit spür­bar. Es ist nichts und niemand in der Nähe, der dem Hunger abhelfen könnte. Nicht dort heilt Jesus, wo er es am besten hätte vermarkten können, sondern draußen in der Einsamkeit. Wer ihm nahe sein, ihm nachfolgen will, kommt ebenfalls nicht um diese Erfahrung herum. Auch er muss Einsamkeit und Dunkelheit erfahren.

Angesichts dieser prekären Lage wollen die Jünger schnells­tens alle wegschicken. Welche vernünftige Lösung gäbe es sonst? Wir freilich kennen den Fortgang als „die wunderbare Brotver­meh­rung“, und das scheint dann doch die beste Lösung zu sein. Wir lassen uns gern an das „Brot vom Himmel“ erinnern, das uns Jesus schenkt und von dem wir erst wirklich leben können.

Doch so schnell geht das nicht. Jesus holt das Brot für die Leute nicht vom Himmel, sondern aus den Taschen seiner Jünger. Er zaubert die Lösung nicht, auch nicht die Erlösung. Wichtig wird, was die Jünger bei sich haben. Für diese wenige dankt Jesus dem Vater, denn alles, was wir haben, ist Gottes Geschenk. Und dann lässt er verteilen in der festen Zuversicht: Es reicht für alle, sogar übermäßig. Als man die Brotreste einsammelt, werden zwölf Körbe voll (Mt 14,20)!

Diese Erzählung von der Brotvermehrung gehört zu den am besten überlieferten der Bibel: Alle vier Evangelisten reden von ihr. In allen vier Varianten spüren wir etwas von dem Staunen der Gemeinden über das, was Jesus ihnen zutraut: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mt 14,16). Dieses Wort wird auch uns heute als Ermutigung zugesprochen. Es gibt keinen Grund zu knausern. Es gibt keinen Grund zu verzagen, weil wir die Lösung nicht sehen. Es gibt nur eines: Das wenige vertrauensvoll auszuteilen, damit Gottwirken kann durch uns.

Die Angst der Jünger, es könnte nicht reichen, kennen wir nur zu gut. So fragen sich Eltern mit Blick auf ihre Kinder: Reicht, was wir geben können, um den Kindern den Weg zu ebnen, ihnen die Lichtpunkte aufzusetzen und die Korrektur zu geben, dass sie das Leben bestehen? Sind wir dem überhaupt gewachsen, was Gott uns in den Kindern anvertraut hat?

Die Antwort des Evangeliums lautet: Fünf Brote und zwei Fische, so wenig nimm in die Hände, danke Gott dafür und gib sie weiter. Das wird reichen, du wirst sehen! Mehr kannst du nicht tun. Mehr aber kann Gott tun!

Sind wir den globalen Herausforderun­gen der Welt gewach­sen? Hunger, Klimakatastrophe, Ungerechtig­keit des Wirtschaftssys­tems, nun auch noch Corona... Die Probleme schei­nen zu wach­sen, statt abzunehmen. Viele reagieren mit dem Rückzug ins Private, ähnlich den Jüngern im Evangelium: Schau weg, nimm dich zurück! Schick die Menschen und ihre Probleme fort, weit weg, damit sie dich nicht fort­reißen! Wir müssen uns abgrenzen, denn für uns und alle anderen kann es gar nicht reichen...

Jesus handelt anders. Er macht uns Mut, das sor­gen­de, abgren­zen­de, ausschließende Denken hinter uns zu lassen. Er lässt uns offen und einsatzbereit sein für Menschen und ihre Nöte – nicht, weil wir unendlich viel Kräfte hätten. Nein. Doch un­ser weniges segnet Gott, damit wir es aus Seinen Händen wie­der erhalten. So reicht es für alle! Wir brauchen keine neue Missionsstrategie, um Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Aber jagen wir die nicht weg, für die wir als Kirche noch immer Hoffnung sein dür­fen. Laden wir sie vielmehr ein, sich zu uns zu setzen!

Welch eine Ermutigung! Die Brotvermehrung ist nicht zuerst eine alte Wundergeschichte, in der wieder mal vom Himmel he­run­ter­kommen muss, was auf Erden fehlt und so dringend ge­braucht wird. Das Evangelium erzählt das Wunder, das Gott in unserem Leben wahrmacht mit dem wenigen, das er uns bereits in die Hände gegeben hat.

Hier in der Messe feiern wir, dass dieses wenige Brot reicht als Brot des Lebens für alle. Das aber muss unser alltägliches Leben prägen. Als Jesu Tischgenossen entdecken wir, wie ganz anders wir mit dem, was wir haben, umgehen können: Wir brauchen es nicht ängstlich für uns festhalten, weil alles so ärmlich ist. Nehmen wir vielmehr wie er in die Hände, was wir haben. Schauen wir es vor Gott an. Danken wir für das, was wir haben. Geben wir es dann gelassen weiter an jene, die aus der Sklaverei ausziehen wollen. Geben wir in der Überzeugung: Es reicht für alle! Amen.

Mosaik der 5 Brote und 2 Fische in der Kirche von Tabgha am See Genezareth (Israel).

Zur Predigtvorbereitung laden wir jede Woche dienstags um 19.30 Uhr mit dem ökumenischen Bibelkreis ein.