Predigt zu 1 Kön 17,10-16 (und Mk 12,38–44)
32. Sonntag im Jahreskreis | Lesejahr B – 09.11.2024
Musik: Ulrich Thiem (Cello & Gesang)
Predigt & Liturgie: Br. Jeremias M. Kiesl OSA
Fotos: www.unsplash.com und Matthias Kiesl
© Augustinerkonvent St. Martin von Tours | Erfurt 2024
Gottes Dienst an uns
Lektor: Egon Wenzel | Organist: Hubert Nekola
Zelebrant & Prediger: Br. Jeremias M. Kiesl OSA
Hl. Messe für die Verstorbenen mit Texten des Trostes von Andreas Knapp und Petra Arndt
Textauswahl und Liturgie: Nic A. Elß; Zelebrant und Predigt: Br. Jeremias M. Kiesl OSA
Musik: Bernadett, Resi und Josef Wollensak
© Augustinerkonvent St. Martin vonTours | Erfurt 2024
Am Sonntag (20.10.) haben wir uns bei einer Finissage von den Königen unserer Ausstellung verabschiedet.
Sie reisten weiter zur City-Pastoral nach Weißenfels.
Die Könige sind uns sehr ans Herz gewachsen. Deshalb haben wir beim Künstler Ralf Knoblauch angefragt, ob wir eine Figur auf Dauer beherbergen (und auch immer wieder auf Wanderschaft schicken) dürfen. Er hat sich bereit erklärt, uns eine Figur zu überlassen, wenn wir ihn bei seinem aktuellen Spendenprojekt unterstützen.
Das Geld wird zum größten Teil für die Aktion "WDR Weihnachtswunder" verwendet werden. Ein kleinerer Teil wird es Ralf Knoblauch ermöglichen, die vorhandenen Könige zu restaurieren.
Wer die Aktion unterstützen möchte, kann seine Gabe jederzeit in unseren Spendentopf einwerfen oder den Betrag überweisen (jeweils mit Betreff "Könige").
Näheres zum Spendenanliegen in einer Videobotschaft von Ralf Knoblauch an uns.
Hl. Messe am 29. Sonntag im Jahreskreis B mit Lobpreisliedern
Predigt zu Jes 53,10-11 (2 Verse aus dem Vierten Gottesknechtslied) von Br. Jeremias M. Kiesl OSA
Jesus war ein guter Lehrer. Aber er hatte schlechte Schüler – und die hat er bis heute: Schüler, die auf Stühlen sitzen wollen – statt sich in Bewegung zu setzen und ihren Weg zu suchen: tastend & fragend...
Trau keinem Gedanken, der dir im Sitzen kommt!
Trotz vieler Unsicherheiten: Christus geht voran. Er führt in die Freiheit. Doch dieser Weg ist in Armut zu bestehen. Er führt durch Schwachheit und Ohnmacht.
Kirche darf nicht zuerst ein fester Ort, eine Burg oder gar ein Machtapparat sein. Sie muss Bewegung sein. Sie muss wachsame Zeugin für den lebendig anwesenden Gott sein und immer wieder neu werden.
Gehen wir mit! Oder wollen wir unsere Ruhe haben?
Nur zwei Verse haben wir heute als erste Lesung gehört. Sie sind dem Propheten Jesaja entnommen. Genauer stammen sie aus dem „Vierten Gottesknechtslied“ in Deutero-Jesaja. Damit ist klar: Dieser Text entstand im Babylonischen Exil.
„Der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten“ (Jes 53,10). Das ist der Höhepunkt all dessen, was die vorhergegangenen Verse schon alles vom Gottesknecht gesagt haben: eine lange Passion, denn er wird dahingerafft, durchbohrt, misshandelt und niedergedrückt. Jetzt bleibt nichts mehr übrig von ihm: Er wurde zermalmt.
Natürlich haben Christen schon bald im geschundenen Knecht Gottes Christus gesehen. Das liegt auf der Hand. Bleiben wir trotzdem noch ein wenig in der Zeit des Ersten Testamentes. Das hilft uns, den Text nicht zu schnell eng zu führen.
Es ist nicht klar, wer dieser Knecht ist. Ist es ein Prophet? Ist es der künftige Messias, der da kommen soll? Ist es ein konkreter Mensch – oder ist es vielleicht das Volk Israel insgesamt? Für alle diese Deutungen kann man gute Gründe finden. Aber eine Deutung, die zum Teil auch aus irreführenden Übersetzungen herrührt, müssen wir ausschließen: Nein, Gott gefällt es nicht, wenn ein Mensch leidet. Das wäre ein ganz verdrehtes Gottesbild. Und das lässt sich mit der Bibel wirklich nicht begründen.
Leiden ist keine Strafe Gottes. Es ist falsch zu denken, wer leidet, sei aus Gottes Wohlwollen gefallen. Da sind manche ja schnell dabei. Auch uns selber kommt schon mal dieser Gedanke, wenn einfach nichts gelingen will... Ob das nicht eine Strafe Gottes sei? Nein, ganz im Gegenteil. Der Prophet Jesaja wagt die Aussage, dass der von Krankheit Zermalmte dennoch Gottes Gefallen findet.
Wir müssen uns den Kontext dieser Jesaja-Stelle vor Augen führen. Das Volk Israel wurde überrannt. Die Oberschicht war exiliert worden. Im Zweistromland sinnen nun die Betroffenen darüber nach, was passiert ist – und wie es theologisch zu deuten wäre: diese völlige Vernichtung des Reiches Juda und seiner Könige, die vielen Toten, die der Krieg gefordert hatte... Immer leiden in Kriegen am meisten die Unschuldigen, das ist ja heute genauso! – die Zerstörung des Tempels, und damit ist doch das Herzstück des religiösen jüdischen Lebens herausgerissen worden...
Wir müssen uns das mal ganz plastisch vorstellen. Wenn sich Israel seiner Schuld bewusst wurde, dann konnte man zum Tempel gehen und das Schuldopfer darbringen, eine Art Wiedergutmachung. – Oder: Am Versöhnungstag (Jom Kippur) wurde im Tempel der Sündenbock präpariert; man lud ihm die Sünden des Volkes auf und trieb ihn dann stellvertretend in die Wüste. Das war nun nicht mehr möglich, weil Jerusalem und mit ihr der Tempelberg ein Trümmerhaufen war. Wie also sollte man Versöhnung mit Gott hinbekommen? Unmöglich!
In dieser hoffnungslosen Situation erkennt Israel, dass Gott nicht in Jerusalem, „dem Ort, wo du wohnst”, geblieben ist. Gott braucht kein Schuldopfer im Tempel und keinen Sündenbock, den man in die Wüste schickt. Er nimmt die Situation des Exils und lässt sie quasi zum Schuldopfer werden: „Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben” (Jes 53,10). Die Situation scheint hoffnungslos und unwiderruflich. Und doch kann Gott selbst hier Zukunft und Leben wachsen lassen. Das wird Israels unerschütterlicher Glaube.
Ja, dieser Knecht wird sogar zum Kooperator Gottes, wenn Gottes Plan durch seine Hand gelingt. So kann Gott auch das Schlimmste noch zum Guten wenden, aus Nichts Etwas machen (vgl. Meister Eckhart), das Leben und Zukunft bedeutet.
Nicht erst dann handelt Gott, wenn Er Not und Leid verhindert, diesen härtesten „Fels des Atheismus“ – so drückt es der Schriftsteller Georg Büchner im 19. Jahrhundert aus. Gott steht dem leidenden Menschen bei. Er nimmt ihn in Dienst und macht ihn zum Mitarbeiter der Erlösung für „die Vielen“ – und das sind potenziell alle: Gottes Licht scheint ihm auf. Er lernt seinen Gott neu kennen; er wird satt von der Erkenntnis Gottes und seiner Weisheit. Gott nenntihn „mein Knecht“ und „der Gerechte“, der die Schuld der Vielen trägt und erträgt... (vgl. Jes 53,11).
Am absoluten Nullpunkt gibt Israel nicht auf, sondern findet seine Beziehung zu Gott ganz neu. Geschunden, ja zermalmt erfährt das Volk Gottes, dass der HERR nicht im zerstörten Jerusalem geblieben ist. Er hat sein Volk ins Exil begleitet!
Im Exil ist diese neue Erkenntnis der Lichtblick. Man studiert die Heiligen Schriften neu. Das Volk Gottes erkennt: Es gibt nicht die vielen Götter! Es gibt nur den einen Gott und HERRN der ganzen Welt. Zu diesem strikten Monotheismus findet Israel ausgerechnet im Exil, am äußerlichen Nullpunkt – und schenkt diesen Glauben der Welt und uns bis heute. Das Volk Gottes „sättigt sich an [dieser] Erkenntnis“(vgl. V. 11).
Bereits damals blitzt auf, dass diese Erkenntnis für „die Vielen“ Bedeutung hat: für die ganze Welt. Freilich nicht in einem Automatismus, sondern wir tragen diese Erkenntnis in zerbrechlichen Gefäßen. So steht sie allen zur Verfügung, die sich ihr öffnen.
Der Schrecken der Shoah wurde für Juden im 20. Jahrhundert zur (auch) theologischen Herausforderung. Hitlers Plan, alle Juden zu vernichten und ihre Leichen in den Krematorien der Lager zu verbrennen, prägt die Rede vom „Holocaust“, was Brandopfer bedeutet. Das mag an Jes 53 erinnern, bleibt aber problematisch. Juden verwenden eher das Wort Shoah. Dennoch haben auch jüdische Theologen diese Katastrophe als Hingabe für die Welt verstanden und damit die Tradition aufgegriffen, wonach das priesterliche auserwählte Volk Israel sich für diese Welt und ihre Erlösung hingibt.
Im Deutschen geraten wir mit dem Begriff Opfer schnell auf Abwege. Viele andere Sprachen differenzieren viel stärker. Englisch „victim“ bedeutet etwa, dass jemand zum Opfer gemacht wird. Unschuldig erleidet er Unrecht, gegen das er sich nicht wehren kann. – Dagegen deutet das Wort „sacrifice“ oder lat. „sacrificium“ an, dass es auch ein Opfer gibt, das jemand freiwillig bringt: Eltern etwa für ihre Kinder, oder Verliebte füreinander. Durch dieses Opfer der freiwilligen Hingabe entsteht „Heiliges“, ein Sakrament, wenn man so will, durch das Gottes Handeln hindurchscheint. Auf diese Opfer kann die Welt nicht verzichten. Davon leben wir alle.
Früh haben die Jünger den Kreuzestod Jesu vor allem als Selbsthingabe gedeutet. Im Opfer Jesu am Kreuz wird die Macht des Todes, des Egoismus und Herrschenwollens überwunden. Christus lernt durch Leiden den Gehorsam: So deutet der Hebräerbrief das Erlösungsgeschehen. Der gehorsame Jesus überwindet Adams Ungehorsam. In Tod und Auferweckung Christi erweist sich Gottes Kraft; sie ist stärker als Unrecht, Leid und Not: „Niemals vergessen – es wird regiert!“, sagte der sterbende Karl Barth.
Am Gehorsam und an der Selbsthingabe Jesu muss die Gemeinde immer wieder Maß nehmen. Mit Petrus gehören Jakobus und Johannes zum „Dreigestirn“ besonderer Beziehung zu Jesus. Aus dieser Nähe mag der Wunsch entsprungen sein, eine bedeutende Stellung im Reich Gottes einnehmen zu dürfen. Karrieredenken, Imponiergehabe, Erfolgsaussichten besetzen allzu leicht das Herz des Menschen. Aber es gibt auch die Lebens- und Schicksalsgemeinschaft der Christen mit dem leidenden Jesus. Das werden wir nachher im Evangelium hören.
Uns mag trösten, dass Gott uns auch im Leid nahe bleibt. Und dass er sogar aus scheinbar sinnlosem Leiden Gutes wirken kann. Er kan aus Nichts Etwas machen. Amen.